Online-Handel

«Laden zu» ist nicht «Geschäft zu»: Buchhändlerin Simone Lüthy über die Coronakrise

Die Buchhandlungen von Simone Lüthy haben derzeit online viel zu tun.

Die Buchhandlungen von Simone Lüthy haben derzeit online viel zu tun.

Sie ist Chefin über 150 Mitarbeitende in 17 Buchhandlungen. Simone Lüthy spricht über ihre Branche in Corona-Zeiten.

Simone Lüthy, Buchhandlungen sind geschlossen, da sie nicht lebensnotwendige Güter verkaufen. Wie finden Sie das grundsätzlich?

Simone Lüthy: Ich bin der Meinung, dass gerade Bücher in diesen Zeiten Halt und Rat geben können und daher zählen sie für mich zu den lebensnotwendigen Gütern. Viele unserer Kundinnen und Kunden teilen diese Einschätzung und sind dankbar, dass wir telefonisch und online erreichbar sind.

Viele Buchhandlungen bieten ja schon seit längerer Zeit online-Dienste an, was ihnen sicherlich derzeit hilft, ihre Kunden weiter zu bedienen. Wissen Sie, wieviel Prozent der Buchhandlungen dies heute anbieten?

Heutzutage sind alle Buchhandlungen online. Unsere Webseite Buchhaus.ch pflegen wir seit 1996 und gehören somit zu den Pionieren im Online-Handel. Gerade in diesen Tagen sind wir sehr froh darüber, schon früh viele Ressourcen in unseren Webshop gesteckt zu haben.

In kleineren Buchhandlungen ist die Liquidität ja sicher immer ein Thema. Der Schweizerische Buchhändler- und Verlegerverein SBVV gibt gute Tipps dazu für die Branche. Wissen Sie von Geschäften, bei denen man heute schon sagen kann, dass sie wegen der Schliessung nicht mehr weitermachen können?

Nein, aber die momentane Situation ist für den Buchhandel allgemein sehr dramatisch. Mietkosten und Personalkosten sind unvermindert vorhanden, aber alle Buchhandlungen sind geschlossen. Wir hoffen sehr, dass der Bundesrat die Buchhandlungen als wichtige Kulturträger in seinem Hilfspaket wirksam unterstützen wird.

Wie läuft derzeit der Zwischenbuchhandel? Sind die Buchlieferungen immer noch im gleichen Tempo möglich?

Die Aufrechterhaltung der Lieferkette ist natürlich äusserst wichtig, und der Zwischenhandel in der Schweiz hat eine grosse Bedeutung für uns. Weil viele Bücher in der Schweiz vorrätig sind, ist eine schnelle Verfügbarkeit weiterhin möglich. Das ist eine grossartige Leistung.

Wie steht es mit der Versorgung des Buchzentrums aus dem Ausland? Klappt der Buchtransport aus Deutschland noch?

Das Buchzentrum in Hägendorf ist unser grösster und wichtigster Partner und pflegt nach wie vor gute Bezugskanäle zu Deutschland. Mehr Sorge bereitet jedoch der verordnete Stillstand des stationären Buchhandels, welcher den grössten Umsatz erwirtschaftet. Vor allem für die vielen Neuerscheinungen sind offene Buchhandlungen elementar.

Wie sieht es mit der Versorgung von Büchern aus anderen europäischen Ländern, Italien, Frankreich, Spanien, England aus?

Ich habe nur gehört, dass der französischsprachige Markt grosse Probleme hat und die Lieferkette unterbrochen ist.

Stichwort Lehrlingsausbildung: Wie funktioniert der Unterricht an den Buchhändlerschulen?

Der Unterricht findet nahtlos online statt. Die Schüler erhalten Aufgaben und werden per Mail oder Chat dabei unterstützt. Unsere Auszubildenden freuen sich aber darauf, ihre Lehrpersonen und Berufskolleginnen bald wieder physisch zu sehen. Da die Ausbildung auch einen hohen Praxisbezug hat, ist diese ohne reale Kunden im Laden etwas trocken.

Diesen Frühling hätten doch wohl die Verlagsvertreter die Buchhandlungen mit dem kommenden Herbstprogramm besucht. Wie sieht es mit Bestellungen der Novitäten aus? Was machen die Verlage?

Aktuell haben einige Verlage die Neuerscheinungen nach hinten verschoben und liefern erst aus, wenn die Buchhandlungen wieder offen sind. Wir planen unsere Einkaufstage für die Herbstnovitäten im Juni und hoffen, dass sich die Situation bis dahin verbessert hat.

Sie verfügen ja über ein breites Netz von 17 Filialen in der ganzen Schweiz. Wie viele Mitarbeiter beschäftigen Sie insgesamt normalerweise? Wie organisieren sich die Teams?

Wir beschäftigen rund 150 Mitarbeitende in unseren Buchhandlungen. Die Gesundheit der Mitarbeiter steht an erster Stelle.

Wie organisieren sich die Mitarbeitenden?

Wir haben uns so organisiert, dass wir in Solothurn, Biel, Zürich Sihlcity und Luzern kleine Teams einsetzen, die sich um telefonische Beratung und Bestellungen aus allen Filialen und Lieferungen ab Lager kümmern. An dieser Stelle ein grosses Dankeschön an alle unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen – wir spüren eine grosse Unterstützung und Hilfsbereitschaft.

«Laden zu» heisst also nicht «Geschäft zu». Wie sieht die tägliche Arbeit aus?

In unserer Zentrale bearbeiten und versenden wir alle Online-Bestellungen. Hier ist die Nachfrage stark angestiegen. Wir haben die Arbeitsplätze umgestellt und die Abläufe neu organisiert, so dass wir die Bestimmungen des BAG einhalten können. Dadurch, dass Buchhaltung und Personalarbeit teilweise per Homeoffice geleistet werden kann, sind also weniger Mitarbeitende vor Ort im Einsatz.

Haben Sie Kurzarbeit für alle oder lediglich für einzelne Filialen eingereicht?

Wir haben für alle Standorte Kurzarbeit eingereicht. Das Amt für Arbeit in Solothurn ist uns ein kompetenter Ansprechpartner. Das Verfahren wurde in verdankenswerter Weise stark vereinfacht. Dennoch bedeutet die Abwicklung der Formalitäten einen beachtlichen Aufwand.

Haben diejenigen Mitarbeiter, die noch vor Ort arbeiten, sogar mehr zu tun als vorher, da viele Leute ja zuhause bleiben (müssen) und jetzt Zeit zum Lesen haben oder Lesefutter benötigen?

Die verordnete Quarantäne steigert tatsächlich auch den Bedarf nach Lesestoff und auch nach Lehrmitteln. Im Versand haben wir Rekordumsätze. Auch der Bezug von E-Books steigt an. Dennoch kann der fehlende Umsatz in unseren Buchhandlungen bei weitem nicht aufgefangen werden.

Welche Marketing-Anstrengungen unternehmen Sie, damit die Buchhandlung in der Stadt nicht vergessen geht; man also dort und nicht beim weltweit tätigen Konzern bestellt?

Wir kommunizieren noch intensiver auf Facebook, Instagram, per Newsletter, online und mit Plakaten. Wir nutzen auch regionale Plattformen, wo möglich. Der Buy-Local-Gedanke ist sehr wichtig und wir hoffen, dass die Politik dieses Bewusstsein und die Notwendigkeit einer funktionierenden Nahversorgung und lokalen Identität verstärkt einfordert. Als Familienunternehmen in vierter Generation setzen wir uns weiterhin mit voller Kraft für das Buch und die Förderung von Bildung und Meinungsvielfalt ein. Wir bilden 20 Lehrlinge aus und glauben an die Zukunft unseres Berufs.

Gibt es Bestseller in diesen Zeiten?

Wir haben in den letzten drei Wochen die lokalen Bestseller «Solothurn tanzt mit dem Teufel» von Christof Gasser, von Ernst Burren «mir nähs wies chunnt» und von Peter Bichsel «Auch der Esel hat eine Seele» am meisten verkauft, was mich besonders freut. Viele persönliche Tipps unserer Buchhändler finden sich zudem auf buchhaus.ch.

Wie steht es mit den Lesungen? Planen Sie noch für das zweite Halbjahr?

Leider sind auch bei uns viele Veranstaltungen, insbesondere der Auftritt von Rafik Schami, abgesagt oder verschoben worden. Auf der Seite Buchhaus.ch/events werden die Kunden auf dem Laufenden gehalten.

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