Sie kamen wegen der Arbeit – und schlugen in Solothurn Wurzeln. Doch aller Integration zum Trotz haben sie ihre welsche Herkunft nie vergessen: «Ich freue mich jedes Mal, ‹mes amis welsches› wieder zu sehen», sagt Françoise Barras gleich nach der Begrüssung.

Die umtriebige Präsidentin des Cercle Romand Soleure holt ein paar Gläser Wein und bittet Platz zu nehmen. Ebenfalls dabei in der gemütlichen Runde am Rand der «soirée pizza»: Ami Blanchut und Eric de Bernardini.

1901 wurde der Cercle gegründet. Rund ein Dutzend Treffen pro Jahr organisiert der Vorstand heute für die 130 Mitglieder, wie vor den Ferien den Pizza-Plausch oder im August das Sommer-Picknick. Auf den Einwand, bei einem Frankophonen-Verein würde man eher Moules et Frites, Escargots oder Crèpes erwarten, lacht die Runde. «So genau nehmen wir ‹la vie romande› dann doch nicht», erklärt Ami Blanchut. Santé!

Aus Jahren wurden Jahrzehnte

Dann erzählt Eric de Bernardini: «In den letzten 50 Jahren haben wir etwa 100 Theaterstücke auf die Bühne gebracht.» Doch das Interesse liess nach. Nun gibt es noch im Stadttheater welsche Produktionen. «Das ist ganz wichtig für uns», so de Bernardini.

Der Cercle setzt dafür auf Vorträge. Freude bereitet dem Vorstand, dass er es immer wieder schafft, bekannte Referenten einzuladen, die in der Deutschschweiz erst auf den zweiten Blick Welsche sind. Etwa Solar-Impuls-Pilot André Borschberg oder im November Karikaturist Patrick Chappatte.

Und vor zwei Jahren lud der Verein zwei Pariser Künstler ein. Fast zweihundert Personen kamen, darunter zwei Kanti-Klassen. Fragt sich: Gibt es auch sonst Jugendliche, die sich interessieren? «Ausser ein paar Schüleranfragen leider Nein», so Präsidentin Barras.

Selber wohnt sie seit zehn Jahren in Solothurn; ihr Mann ist Chefarzt am Bürgerspital. «Eigentlich wollten wir nur ein paar Jahre in die Deutschschweiz, daraus sind 32 Jahre geworden.» Im Alltag sei die Sprachgrenze kein Problem.

«Erkundige ich mich in der Stadt auf Französisch, wird mir meist auch so geantwortet.» In Solothurn interessierten sich viele für das Französische. Obwohl Napoleon und damit Frankreichs Gesandten in der Ambassadorenstadt längst Geschichte sind.

«Ses diverses activités ouvrent les yeux et les esprits aussi bien sur la culture romande que sur les particularités de la région où nous vivons.» Die Augen öffnen für die welsche Kultur und jene des Jurasüdfuss lautet denn auch Leitspruch des Vereins.

Da seien natürlich auch kulturelle Unterschiede immer wieder Thema, was aber kein Hindernis sei, über die Sprachgrenze gut zusammen zu arbeiten, erzählt Ami Blanchut: «Meine Frau ist Deutsch aufgewachsen, ich im Wallis – aber Französisch –, das belebt die Beziehung.» Zieht es ihn nicht zurück? «Wie die Jungen heute schneller hier sind zur Arbeit, können wir auch bequemer heim auf Besuch.»

Frankophile statt Jugendliche

Erzählen ältere Cercle-Mitglieder, wie sie nach Solothurn kamen, geht es immer um die Arbeit (und meist auch um Liebe). Ein paar Firmennamen dazu: Autophon, später Ascom; Scintilla, später Bosch oder Roamer. Und wegen der Uhrenindustrie respektive deren Zulieferer hätten viele Mitglieder auch enge Verbindungen zum Jura und damit zum Weissenstein-Tunnel, so Cercle-Präsidentin Françoise Barras.

Apropos Jura: «Offiziell waren Politik oder der Jurakonflikt nie Thema», so Eric de Bernardini. Für den Zusammenhalt des Vereins sei das wichtig gewesen. Doch der ursprüngliche Bernjurassier ergänzt lachend: «Wir tragen den Berner Bär und das Jura-Wappen sogar beide im Banner.» Als der Jura gegründet wurde, habe man nämlich einfach auf einer Seite das Berner Wappen durch jenes des Juras übernäht.

Frauen sind im Cercle Romand Soleure seit 1970 willkommen. «Auch wenn unsere Vereinsmitglieder immer älter werden, sehe ich an jedem Anlass neue Gesichter», freut sich Präsidentin Barras. Schüler meldeten sich selten: «Öfter fragen frankophile Pärchen am, die ebenso Freude haben an der französischen Sprache wie wir.»

Inzwischen ist für die zweite Pizza-Runde eingefeuert. Auch Françoise, Ami und Eric stehen wieder an. Beim Adieu-Sagen witzelt Barras, im Winter treffe sich der Cercle im selben Pfadiheim jeweils zum Fondue-Plausch. «Das entspräche wohl eher Ihren Vorstellungen von Welschen.»

Bereits erschienen: «Alle rennen auf den Berg – und doch ist er eine Grenze» (9. 7.), «Ich merke leider erst jetzt, wie wichtig Deutsch ist» (16. 7.), Sprachgrenze zeigt sich auch im Tourismus (23. 7.), «Die Erfahrungen helfen uns sicher» (31. 7.), «Solothurn ist der frankophilste Kanton» (7. 8.), «Schwarzbubenland ist vielfarbiger als das, was man in Solothurn hört» (15. 8.).