Ewiger Kampf
Kurvenkreischen: Ein unlösbares Problem?

Es gleicht fast einer Glaubensfrage, mit welchen Mitteln das Kurvenkreischen bekämpft wird. Ein Überblick.

Sven Altermatt
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Wie kann das Kurvenkreischen bei Zügen bekämpft werden?

Wie kann das Kurvenkreischen bei Zügen bekämpft werden?

Keystone

Das Thema ist so alt wie die Eisenbahn selbst. Doch bis heute gehört es zu deren unerfreulichen Begleiterscheinungen: das sogenannte Kurvenkreischen. Quietschende Züge erzeugen schon mal Schallwerte von 80 Dezibel. Schuld daran sind Reibschwingungen.

Kurvenkreischen ist stark von der Witterung abhängig. «Am schlimmsten ist es bei kalter Trockenheit», sagt Heinz Kamber, Geschäftsführer der Oensingen-Balsthal-Bahn. Eine Beobachtung, die auch Fachmann André Kofmehl teilt. An heissen Tagen sei das Quietschen weniger ohrenbetäubend, da höre man eher ein weiches Kratzen. Regnet es, laufen die Räder meist sprichwörtlich wie geschmiert auf den Schienen.

Zu viele Faktoren im Spiel

Bähnler sind sich einig: Solange Züge mit starren Achsen unterwegs sind, wird das Kurvenkreischen dazugehören. Zu viele Faktoren seien im Spiel, etwa die Qualität der Drehgestelle oder die Fahr-Geschwindigkeit. «Moderne Züge sind zudem viel leiser unterwegs, deshalb sind Kreischgeräusche umso auffälliger», erklärt SBB-Sprecher Reto Schärli.

Ein Allzweckmittel gegen das Kreischen scheint es jedoch nicht zu geben. Bei den SBB werden die Schienen in mehreren Bahnhöfen mit stationären Anlagen geschmiert. Dabei wird eine dünne Flüssigkeit auf die Schienen gesprüht, die von den Rädern über die Schienen verteilt wird. Zusätzlich verfügt jeder Zug heute über eine Spurkranzschmierung, die ebenfalls Lärm vermindert. Trotzdem können die Anlagen das Quietschen nicht ganz vermeiden, sagt Schärli. «Zu viel Schmiermittel darf nicht auf die Schienen gelangen, sonst könnten die Züge nicht mehr effizient abgebremst werden.»

«Pionierarbeit geleistet»

André Kofmehl kann da nur den Kopf schütteln. Mit seinem Schmierstoff-Vertrieb Igralub weibelt er seit Jahren für mobile Anlagen in den Zügen. Umfangreiche Tests sind laut Kofmehl zu einem klaren Ergebnis gekommen: Solche Systeme haben keinen negativen Einfluss auf das Bremsverhalten. Mobile Anlagen gibt es neuerdings sogar mit Computer-Steuerung. GPS-Satelliten sagen dem System, wenn sich der Zug einer kreischanfälligen Kurve nähert, und erteilen den Befehl zum Sprühen. «Die Software entscheidet, wo, wann und wie viel Mittel eingesetzt wird», erklärt Kofmehl.

Allein in der Schweiz zählt Igralub über ein Dutzend Bahnen zu den Abnehmern seiner Systeme. Der Regionalverkehr Bern-Solothurn (RBS) gehörte zu den ersten Kunden, wie Sprecherin Christine Schulz bestätigt. «Herr Kofmehl hat Pionierarbeit in diesem Bereich geleistet.» Nach erfolgreicher Zusammenarbeit setze der RBS nun aber auf andere Anbieter. «Der Markt bietet in der Zwischenzeit eine grosse Bandbreite an Produkten», sagt Schulz.

Tatsächlich gleicht es mitunter einer Glaubensfrage, mit welchen Mitteln das Kurvenkreischen bekämpft wird. Radikallösungen bringen nicht selten neue Probleme mit sich. So sind die Cobra-Trams mit einzeln angetriebenen Rädern zwar ohne Quietschen unterwegs, rumpeln dafür aber umso stärker.