Es ist Abend. Die Türe zum Stadtpräsidium ist bereits abgeschlossen. Eine schrille Ziehglocke ertönt im Innern. Sie zeigt Wirkung. Auf der Treppe ist die Putzmannschaft an der Arbeit. Der Herr des Hauses bittet in ein Sitzungszimmer. Er wirkt entspannt, obwohl er Tage mit Gegenwind hinter sich hat. Seine politischen Gegner haben, vom Zeitgeist getrieben, die Ämterkumulation des Stadtpräsidenten und Nationalrats infrage gestellt. Doch dieser macht generell nicht den Eindruck, als würde er sich von Scheingefechten über den Tag hinaus beeindrucken lassen. Entsprechend distanziert reagiert er auch im Nachhinein auf die Vorstösse im Solothurner Gemeinderat.

So richtig stramm mit offenem Visier mag dort niemand gegen ihn antreten. Wohlwissend, dass ihm keiner das Wasser reichen kann, aber auch weil ihm mit keinen handfesten Vorwürfen beizukommen ist. Die Sozialdemokraten versuchen es schon mal mit einer Interpellation, worin sie die Sorge um Fluris Arbeitspensum zum Ausdruck bringen. Derweil verklausulieren CVP/GLP-Vertreter in einer Motion Ansprüche auf seine Zusatzeinkünfte.

Geplänkel, die von seiner freisinnigen Hintermannschaft überhaupt nicht goutiert werden, womit der 59-Jährige unter dem Strich einmal mehr gestärkt aus dem Intermezzo hervorgeht.

Dies wiederum ist nicht bis nach Zürich durchgedrungen, hat doch vorgestern ein Wochenblatt zu einem erneuten Rundumschlag gegen den «Übermensch der Effizienz» ausgeholt. Inzwischen nimmt Kurt Fluri die Angriffe auf seine Person und sein Portemonnaie gelassen.

Er zeigt sich höchstens erstaunt darüber, dass offenbar alle an seinen Einkünften interessiert seien, aber niemand genau wissen wolle, was er dafür wirklich leistete und welche Vorteile er der Stadt bringe. Auf sämtliche Einzelheiten mag er gar nicht eingehen, er verweist lediglich darauf, dass es ihm gelungen sei, den Städten im nationalen Kontext mehr Gehör zu verschaffen.

Dann schwenkt er den Arm Richtung Weissenstein und fügt an: «Das mit dem Bähnli wäre ohne nationale Präsenz noch harziger verlaufen.» Bezüglich Gesamtlohn kann der FDP-Mann die Aufregung nicht nachvollziehen. «Ich arbeite in der Tat viel. Bei gleichem Pensum würde ich als Anwalt wesentlich mehr verdienen und bei Vergleichen mit Managern der Privatwirtschaft muss ich mich schon gar nicht verstecken.»

Seine breite Vernetzung sei zudem ein weiterer Vorteil für die Stadt. Solothurn verfüge im Vergleich zu einem Stadtratssystem gesamthaft betrachtet über eine äusserst günstige Exekutive und die Abläufe seien zudem sehr effizient. Die Begrenzung von Politikerlöhnen führt nach Ansicht Fluris dazu, dass sich letztlich nur noch die zweite Wahl für die Öffentlichkeit zur Verfügung stellt. Den Auslöser, was die derzeitige schweizweite Abgabemanie bezüglich Sitzungsgelder und Honorare anbelangt, ortet Kurt Fluri bei einem Solothurner Ex-Regierungsrat seiner Partei.

Nochmals zurück nach Bern. Ist die Arbeit im Nationalrat für Sie wirklich immer befriedigend? Besonders schätze er die Arbeit in den Kommissionen, die mache ihm Spass, und sie sei ergiebiger als die Ratsdebatten. Während Letzteren könne er durchaus weitere Akten studieren und zusätzliche Arbeiten erledigen.

Und abends, geht es zum Bier mit Ratskollegen? Er verneint. Höchst selten, fügt er an. Zu diesem Zeitpunkt fahre er eben zurück nach Solothurn und setze die Arbeit hier fort.

Noch ein kurzer Blick ins kommende Jahr: Werden Sie den Nationalratssitz der FDP erneut erobern? Er schmunzelt: «Habe ich denn schon angekündigt, dass ich nochmals antreten werde?»

Kurt Fluri geht als Stadtpräsident und als Nationalrat unbeirrt seinen Weg. Mit Twitter und Facebook mag er nicht die Zeit vertrödeln. Von den Selbstdarstellern unter seinen Politikerkollegen und deren permanentem Mitteilungsbedürfnis hält er gar nichts. Und auch reine Parteipolitik ist nicht sein Ding. «Betrachten wir mal die Windenergie in unserer Region. Wir schützen seit Jahrzehnten den Jura, befreien ihn von Ferienhäusern, und jetzt wollen wir aufgrund einer aktuellen energiepolitischen Kapriole gigantische Windräder hinstellen. Ist das jetzt linke oder rechte Politik?»

Hand aufs Herz, Herr Stadtpräsident, wird Ihnen diese Arbeitsbelastung manchmal nicht zu viel? Die Frage entlockt ihm ein mildes Lächeln: «Absolut nicht, ich bin schon als junger Mensch mit fünf bis sechs Stunden Schlaf ausgekommen und die reichen auch heute noch aus.» Er fühle sich absolut fit, der jährliche Check beim Arzt bestätige jeweils sein subjektives Empfinden. Und wie halten Sie es mit Sport? «Ich benutze vor Ort wenn immer möglich das Velo, und zudem gehe ich gerne zu Fuss, das reicht mir in Sachen körperlicher Aktivität im Alltag.»

Kommen Sie zum Entspannen, zu Ferien? Kein Problem, meint er. Zehn Tage Winterferien mit der Familie und zehn Tage im Sommer lägen immer drin. Um die Familie müssten sich die Kritiker jedenfalls keine Sorgen machen, das würden sie schon selber regeln. Dann kann er sich den Hinweis auf 40-Stunden-Väter nicht verkneifen, die sich in ihrer Freizeit längst nicht immer nur um ihre Familien kümmerten: «Die Beziehung zu den Kindern ist letztlich eine Frage der Qualität und nicht der Quantität.»

Kurt Fluri, ein Mann, der in der Politik Beruf und Hobby verbindet, der weder Golf spielt noch segelt, der sich in keine Schablone pressen lässt, der eine eigene Meinung hat und diese auch gegen Widerstände vertritt. Noch ist der Abend für ihn nicht zu Ende. Er bricht auf: Im Buechibärg wartet ein Podiumsgespräch zum Thema Einheitskrankenkasse auf den Generalisten unter den Politikern. Im Treppenhaus hat die Putzequipe ihre Arbeit längst erledigt.