Vor dem unter Präsident Guido Walser tagenden Amtsgericht Thal-Gäu musste sich am Donnerstag Karwen P. * für eine vor rund zwei Jahren verübte Messerattake auf Gäste der Gäu Pizzeria in der Härkinger Industriezone befassen.

Verantworten musste sich der 33-Jährige wegen versuchter vorsätzlicher Tötung, versuchter schwerer Körperverletzung sowie einfacher Körperverletzung an zwei Opfern. Die Aussagen des aus der Südtürkei stammenden Kurden wurden dem Gericht von einer Dolmetscherin übersetzt.

Aus Angst vor Angriff zugestochen

Auf Nachfrage des Amtsgerichtpräsidenten nach dem Motiv seiner am 6. Dezember 2015 um zirka 04.15 Uhr verübten Tat, erwähnte Karwen P. von Angst geprägte Panikzustände. Diese habe er, seit er als 16-Jähriger in der Türkei wegen seiner Aktivitäten in einer kurdischen Bewegung massiv zusammengeschlagen und danach auch politisch verfolgt worden sei.

Ausgelöst worden sei die Panikattacke in der Gäuer Pizzeria durch eine Gruppe Männer türkischer Abstammung am Nebentisch. Diese hätten sich feindselig benommen und mit ihrem Essbesteck Gesten gemacht, die er als Drohung empfunden habe. Auch schlimme persönliche Beleidigungen und Worte wie «Allah ben agba», zu deutsch «Allah ist gross», sollen die Männer ausgestossen haben.

Als Höhepunkt der Provokation sei auf Wunsch der ihm unbekannten Männer hin ein traditionelles türkisches Lied abgespielt worden, worauf einer von ihnen mit ausladenden Armen auf der Tanzfläche dazu getanzt habe. Das gewählte Lied sei faschistisch und habe seine Angst verstärkt, dass ihm die Männer etwas antun wollten. Deshalb hätten er und sein Kollege das Lokal verlassen wollen, hätten dafür aber die Tanzfläche überqueren müssen.

Videoaufnahme lässt Fragen offen

Was danach geschah, dauerte gemäss Staatsanwalt Martin Schneider nur gerade 25 Sekunden. Der Angeklagte hatte anfänglich behauptet, das Messer erst gezückt zu haben, nachdem er angegriffen worden sei. Eine im Gericht abgespielte Videoaufzeichnung zeigte aber klar, dass Karwen P. ohne vorher tätlich angriffen worden zu sein, mit der acht Zentimeter langen Klinge seines Klappmessers auf zwei der Männer einstach.

Zuerst verletzte er einen Mann, der vorher auf der Tanzfläche von seinem Kollegen weggestossen worden war mit einem Stich in den Oberschenkel. Danach ist auf dem Video zu sehen, wie Karwen P. dem vorher auf der Tanzfläche tanzenden Mann mit dem Messer in der Hand folgt. Nicht mehr im Bild sichtbar ist der weitere Verlauf der Attacke, die mit Stichwunden für den damals stark alkoholisierten Tänzer in den Rücken und in den Oberschenkel endete.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Angeklagte den Mann von hinten niedergestochen hat. Der 4 Zentimeter tiefe Stich in den Rücken auf der Höhe des sechsten und siebten Wirbels habe das Opfer fast das Leben gekostet, insbesondere wegen der späteren inneren Blutungen, welche eine Verlegung ins Inselspital Bern nötig gemacht habe.

Auch die von Karwen P. beigebrachte Stichverletzung am Oberschenkel des anderen Opfers hätte gemäss Staatsanwaltschaft wegen ihrer Nähe zur Arterie tödlich enden können.

81/2 Jahre Gefängnis gefordert

Staatsanwalt Martin Schneider forderte für Karwen P. eine Freiheitsstrafe von acht Jahren und sechs Monaten. Die Begründung für die ins Feld geführte Panikattacke als Grund für den Ausraster liess Schneider nicht gelten. Der Angeklagte lebe seit nunmehr 14 Jahren in der Schweiz und habe eine Familie mit vier Kindern.

Äusserungen dieser Art habe er bisher keine gemacht. Sich als Kurde verletzt zu fühlen mit Verweis auf seine Vergangenheit reiche nicht aus, um Taten von solch hoher krimineller Energie zu rechtfertigen. Zudem habe sich der Angeklagte offenbar nicht im Griff, wie ein Vorfall im Kanton Luzern deutlich mache, wo er seinem Cousin ein Messer in den Bauch gerammt habe und danach nach Serbien geflüchtet sei. Am 20. April 2017 sei er dann in Belgrad verhaftet und in die Schweiz ausgeliefert worden. Nun befinde er sich in Untersuchungshaft in Solothurn.

Verteidiger Roland Winiger plädierte für eine bedingte Gefängnisstrafe von 18 Monaten wegen mehrfacher einfacher Körperverletzung aus. Dies, weil von keiner der erwähnten Verletzungen eine unmittelbare Lebengefahr ausgegangen sei. Auch sei nicht bewiesen, weil im Video nicht sichtbar, dass sein Mandant absichtlich von hinten zugestochen habe. Vielmehr sei aufgrund der Eintrittsrichtung der Klinge im Rücken eine vorgängige Rangelei und damit ein unabsichtliches Zustechen aus der Drehung heraus von vorne oder von der Seite wahrscheinlich.

Das Urteil wird am 5. Dezember mündlich eröffnet.

* Name von der Redaktion geändert