Wochenkommentar
Kunstpreis-Verweigerung: Für die einen Kult, für die andern ein Ärgernis

Dass ein bärbeissiger Kunstschaffender einen schlechten Tag einzieht, ist das eine. Dass aber eine Szene, die für mehr als Maggi-Würfel steht, null Distanz gegenüber solchem Tun aufbringt, das ist die eigentliche Enttäuschung der Woche.

Theodor Eckert
Merken
Drucken
Teilen
René Zächs Platz ist leer

René Zächs Platz ist leer

Hansjörg Sahli

Ein Künstler macht auf beleidigt, ein Medium greift es auf, andere kriegen es mit. Wer dies liest, hört, sieht, der grölt oder höhnt. Wie zum Beispiel Schauspieler Mike Müller. Er twittert: «Ein Solothurner Künstler verweigert Kunstpreis wegen lausiger Einladungskarte. Der Check hätte ihm grafisch wahrscheinlich den Rest gegeben.»

Originelle Kommentare auf den gängigen Online-Portalen zuhauf. Etliche hammermässig, längst nicht alle zum Abdruck geeignet. Ein seltener Höhepunkt: Die Schweiz schaut interessiert nach Solothurn. Machen wir uns nichts vor, das ist bei der Verleihung des kantonalen Kunstpreises sonst eher weniger der Fall. Doch für einmal wars eben anders.

Wenn einem erkorenen Preisträger bloss wegen der Einladungskarte «das Mindestmass an mitteleuropäischem Anstand abhandenkommt» (ein gefasst-enttäuschtes Regierungsratsmitglied) und sich damit um eine nette Summe Geld bringt, dann wirft das Wellen bis zum Stammtisch. Während der sich anderntags zügig in die nächste Geschichte verbeisst, rumort es in der Welt der Künste gehörig weiter.

Nicht etwa, weil man sich überlegt, sich vom reichlich sonderbaren Verhalten eines Gesinnungsgenossen zu distanzieren. Es allenfalls gar zu verurteilen. Nein, nicht ein Hauch von Kritik. Dies käme letztlich einer Selbstkritik gleich. Das scheint zu viel verlangt. Dafür gibts eine schwer verdauliche XXL-Portion an Verständnis für den Misstritt. Ausschweifende Erklärungsversuche. Anwaltschaftliche Rechtfertigungen.

Kunst darf alles. Darf sie das? Dürfen ihre Pächter wirklich alles? Ganz offensichtlich mehr als die, welche darüber schreiben und die Botschaften überbringen. In auffälliger Einmütigkeit haben sich zahlreiche (Solothurner) Kunstbeflissene hinter den Preis-Boykotteur geschart. Die Zuschriften auf der Redaktion sprechen Bände.

Verdacht der Woche: Medien widmen Kunst und Kultur zu Recht ausgesprochen grosszügig Raum. Das vielfältige Schaffen zu verbreiten, wird gewünscht, auch schon mal gefordert. Darüber eine distanziertere Meinung zu haben, sie gar zu äussern, das hingegen ist verpönt.

Dass ein bärbeissiger Kunstschaffender einen schlechten Tag einzieht, ist das eine. Dass aber eine Szene, die für mehr als Maggi-Würfel steht, null Distanz gegenüber solchem Tun aufbringt, das ist die eigentliche Enttäuschung der Woche.