Solothurn

«Kunst am Bau» wird nach 42 Jahren einfach in den Keller gestellt

Diese Holzcollagen von Roman Candio wurden demontiert und im Keller eingelagert.

Diese Holzcollagen von Roman Candio wurden demontiert und im Keller eingelagert.

An der Pädagogischen Hochschule in Solothurn wurde ohne Wissen des Künstlers eine zweiteilige Wandcollage in Holz von Roman Candio entfernt.

Da staunte Roman Candio nicht schlecht, als er vor ein paar Monaten von einem Bekannten den Tipp bekam, er solle doch mal in der Pädagogische Hochschule FHNW in Solothurn vorbeigehen und nachschauen, wo seine Kunstwerke geblieben seien. «Ich war ziemlich überrascht und schockiert, was ich da sah», sagt der bald 80-jährige Kunstschaffende. «Meine beiden Wandarbeiten, Holzcollagen in Farben, die ich 1972/73 zur Eröffnung des damaligen Lehrerseminars geschaffen hatte, waren weg.» Jetzt hingen dort weisse Wandplastiken eines ihm unbekannten Künstlers.

Candio hatte mit seiner Arbeit dem Raum Farbe und Struktur geben wollen. Ein künstlerisches Anliegen, welches scheinbar nur gut 40 Jahre Bestand hatte. «Ich hatte schon ein paar schlaflose Nächte», erzählt der Künstler weiter. Er habe sich Sorgen darum gemacht, was mit seinem Werk geschehen sei, denn niemand habe sich im Vorfeld bei ihm gemeldet und erklärt, was beabsichtigt war.

Auch er selbst konnte beim Nachfragen in der PH keine zuständige Person finden, die ihm Auskunft geben konnte. «Der Kanton Solothurn hat das ehemalige Lehrerseminar an die FHNW vermietet und seither wird die Ausbildungsstätte von unbekannten Entscheidungsträgern verwaltet. Da sieht niemand durch». So hat es Candio erlebt. Die Pressestelle der FHNW konnte beim Nachfragen keine Auskunft geben, wer die Neugestaltung des Aufenthaltsraumes in der PH Solothurn veranlasste.

«Dem Zeitgeist entsprechend»

Schliesslich schrieb er einen Brief an Regierungsrat Roland Fürst, zuständig fürs Justiz- und Baudepartement und damit die kantonalen Räumlichkeiten. Von dort wollte er wissen, warum man seine Kunstwerke demontiert hatte und wo sie nun seien. Die Antwort des Regierungsrates kam postwendend. Er bedaure, dass man ihm als Urheber der Holztafeln keine Meldung gemacht habe, so Fürst. Und er versuchte zu erklären, warum man die Kunstwerke abmontiert habe: «Nach über 50 Jahren (dieser Seminarbau besteht seit 1973, d. Red.) sollte der Raum erneuert werden und dem heutigen Zeitgeist entsprechend angepasst werden mit dem Ziel, Studierenden, Gästen und Mitarbeitenden eine funktionale Begegnungszone zur Verfügung zu stellen.»

Die Demontage habe die Standortleitung der FHNW veranlasst und diese wurde von einem in Solothurn anwesenden Architekten (ohne Namensnennung, die Red.) überwacht und begleitet. Die Bildelemente seien sorgfältig demontiert, sachgerecht verpackt worden und jetzt in den Archivräumen der PH eingelagert. Hier sind sie «klimatechnisch noch besser geschützt als am Originalstandort.» Zudem sei eine vollständige Fotodokumentation erstellt worden. Und: «Bei einem allfälligen Auszug müsste die FHNW den Originalzustand wieder herstellen», sprich: die Candio-Arbeiten wieder aufhängen.

Das alles hat im Sommer stattgefunden, doch Roman Candio ereifert sich immer noch: «Ich finde es skandalös, wie im Kanton Solothurn mit ‹Kunst am Bau› umgegangen wird. Ich erinnere nur an die Robert-Müller-Plastik, die ebenfalls bei der PH steht. Nur dank privater und hartnäckiger Initiative wurde dieses bedeutende Werk der Schweizer Moderne schliesslich restauriert und steht jetzt wieder am Ort, für welchen es geschaffen wurde.»

Er selbst habe an vielen Orten in der Schweiz Werke im öffentlichen Raum gestaltet. «Von einer Arbeit weiss ich, dass diese wegen einer Renovation zugedeckt wurde. Doch wurde ich von den Verantwortlichen dort im Voraus kontaktiert und informiert, wie man das anständigerweise auch macht.». Candio ärgert sich vor allem über die Aussage, seine Arbeit sei wegen des «Zeitgeistes» weggekommen. «Was ist das für ein tödlicher Begriff. Wenn wir immer alles dem Zeitgeist opfern, haben wir am Ende gar nichts mehr.»

Eberlin: «Nicht so tragisch»

Cäsar Eberlin, Chef des kantonalen Amtes für Kultur und Sport, meint zu der ganzen Angelegenheit: «Keiner kann davon ausgehen, dass ‹Kunst am Bau›-Werke bis in alle Ewigkeit an ihrem Ort verbleiben. Doch im vorliegenden Fall ist es klar ein Fehler der Verantwortlichen gewesen, die Bilder ohne unser Wissen zu demontieren.» Er findet die ganze Sache aber auch nicht so tragisch, denn er könne ja niemandem, auch in der öffentlichen Verwaltung nicht, vorschreiben, welche Kunst er aufzuhängen habe. «Wenigstens wurden die Bilder sachgerecht eingelagert, sodass nichts kaputtging», sagt Eberlin noch.

Er verweist darauf, dass es in der Solothurner Geschichte ja schon mal einen ähnlichen Sachverhalt gegeben habe, über den heute noch geschmunzelt werde: Er spielt auf die «Solothurner Madonna» von Hans Holbein d. J. und ihrem «Umzug» von Grenchen nach Solothurn an. Dieses Gemälde wurde bei Renovationsarbeiten im Grenchner Allerheiligen-Chappeli 1864 gefunden, nicht gleich als wertvoll erkannt und ein paar Jahre später für 30 000 Franken an den Kunstverein Solothurn verkauft, zum Leidwesen der Grenchner. 

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