75 Jahre Arbeitsfriede
Kümmern sich Solothurns Politiker zu wenig um die Uhrenindustrie?

Boris Banga, Stadtpräsident in der Uhrenstadt Grenchen, ärgert sich. Die Uhrenindustrie wird seiner Meinung nach von der Politik stiefmütterlich behandelt.

Theodor Eckert
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Boris Banga teilt lautstark aus.

Boris Banga teilt lautstark aus.

Hanspeter Bärtschi

Nein, ein flüchtiger Flirt ist das nicht: Die Uhrenindustrie und der Kanton Solothurn pflegen eine dauerhafte Beziehung. Dazu gehören, wie in einer guten Ehe auch Rückschläge, aber unter dem Strich handelt es sich um eine Erfolgsgeschichte. Soweit sind sich alle einig. Was jedoch über den Tag hinaus Bestand haben will, muss auch immer wieder sorgsam gepflegt werden. Doch wie das genau geschehen soll, darüber gehen die Meinungen offenbar auseinander.

Banga enerviert sich über den Kanton Solothurn

Ein Beispiel: Exakt vor zwei Jahren starb Nicolas G. Hayek. Viel Prominenz aus Politik, Kultur und Wirtschaft versammelte sich zur Gedenkfeier in Bern. Dass der Kanton Solothurn nicht offiziell vertreten war, gab damals zu reden. Noch heute darüber enervieren kann sich Boris Banga. Der Grenchner Stadtpräsident, unter anderem bekannt als Kämpfer für die wirtschaftlichen Interessen seiner Uhrenstadt, ortet darin ein mangelndes Sensorium der Solothurner Politik in Bezug auf persönliche Kontakte.

Jetzt hat Banga tüchtig nachgelegt. Zwar ist noch offen, wie seine politische Zukunft aussieht, doch zumindest an Streitlust hat er nichts eingebüsst. Wie nicht anders gewohnt formuliert er unerschrocken und unmissverständlich: «Aus meiner Sicht ist es beinahe schon tragisch, wie wenig sich die Solothurner Politprominenz im Vergleich zu allen anderen Kantonen um die Uhren- und ihre Zulieferindustrie bemüht. Immerhin geht es um mehrere tausend Arbeitsplätze», so der SP-Mann.

Regierung "bedauert"

Wie reagiert die Solothurner Regierung auf die Vorwürfe von Boris Banga, der mit seinen provokativen Worten wohl nicht zuletzt den Gesamtregierungsrat im Visier hatte? Staatsschreiber Andreas Eng schreibt im Namen der fünfköpfigen Exekutive: «Der Regierungsrat ist sich der Bedeutung und der Wichtigkeit der Uhrenindustrie für den Kanton Solothurn sehr wohl bewusst. Sie pflegt deshalb auch enge Beziehungen zu Unternehmungen sowohl aus der Uhren- wie auch aus der Zuliefererindustrie. Schliesslich sind wir stolz, mit dem Zeit-Zentrum in Grenchen die einzige Uhrmacherschule in der Deutschschweiz im Kanton Solothurn zu haben. Notabene eine Erfolgsgeschichte in der Zusammenarbeit zwischen Kanton und Industrie.» Und weiter fährt er fort: «Der Regierungsrat bedauert sehr, dass er am erwähnten Anlass nicht teilnehmen konnte. Gleichzeitig fand aber eine ordentliche Regierungsratssitzung statt. Usanzgemäss geht diese repräsentativen Verpflichtungen vor. Im Weitern möchten wir darauf hinweisen, dass zu diesem Zeitpunkt Klaus Fischer krankheitshalber abwesend war, was die Vertretung des Regierungsrates an den zahlreichen Anlässen, zu den er jeweils eingeladen wird, noch zusätzlich erschwerte.» (te)

Prominente Gästeliste

Gewerkschaft und Arbeitgeber der Uhrenindustrie haben dieses Jahr gemeinsam «75 Jahre sozialer Friede» gefeiert. Aus der Gästeliste geht hervor, dass neben Bundesrat Johann Schneider-Ammann mehrere Regierungs- National- und Ständeräte vor Ort waren - und Boris Banga allein und verloren aus dem Kanton Solothurn.

Wir wollten es genauer wissen und haben bei der Regierung und den nationalen Parlamentariern nachgefragt, wie sie die Bedeutung der Uhrenindustrie einschätzen und ob, der Besuch der Feier in Neuenburg nicht ein wichtiges Signal gewesen wäre. Ständerat Roberto Zanetti zeigt sich irritiert: «Hatte ich überhaupt eine Einladung, ich glaube nicht? Wenn ja, wäre es mir ohnehin kaum möglich gewesen zu gehen, mehrere andere Verpflichtungen waren bereits gesetzt. Ich mache, was ich kann, alles liegt einfach nicht drin. Aber klar, die Wichtigkeit der Uhrenbranche kann ich sehr wohl abschätzen.»

Zeit für Cüpli-Anlässe?

Kurt Fluri bestätigt, dass er eine Einladung hatte. Für diesen Tag lagen allerdings fünf weitere auf seinem Tisch: «Ich musste mich für Neuenburg entschuldigen, es ging beim besten Willen nicht anders.»

Ständerat Pirmin Bischof schüttelt zu den Vorwürfen aus Grenchen nur den Kopf: «Ich setze mich seit langem aus Überzeugung für die Uhrenindustrie als eine der wenigen Schlüsselindustrien unseres Kantons ein. Sie stellt einen der grössten und erfreulicherweise wachsenden Arbeitgeber des Kantons dar."

«Die Schweizer Uhrenindustrie ist für den Kanton Solothurn von enormer Bedeutung», sagt ebenfalls SP-Nationalrat Philipp Hadorn und präzisiert: «Nicht nur wegen den Arbeitsplätzen für Personen ganz unterschiedlicher Qualifizierungsgrade, sondern auch als innovativer Taktgeber im Umgang mit veränderten Absatzmärkten. Am besagten Termin war ich allerdings auf einer Reise mit meinem ältesten Sohn meiner drei Jungs zu dessen 20. Geburtstag, ... und das war mir natürlich bedeutend wichtiger», gibt Hadorn unumwunden zu.