Plötzlich alleinerziehend. Plötzlich IV-Bezüger oder Rentner – und das Geld reicht nicht mehr. «Es kann sehr schnell gehen», sagt Irene Krause von der Caritas Solothurn, und jeder und jede könne in die Armut abrutschen. In der Schweiz leben rund 615 000 Menschen in Armut. Wer im Kanton Solothurn am oder unter dem Existenzminimum lebt, hat Anrecht auf die KulturLegi der Caritas.

Mit der roten gratis Karte können Sozialhilfebezüger, Studenten mit Stipendien, oder Menschen ohne Ergänzungsleistungen, die am Existenzminimum leben, im Caritas-Markt Olten günstigere Lebensmittel kaufen, mit Rabatt ins Kino, aber auch vergünstigte Weiterbildungskurse besuchen. Rund 60 solcher Angebote gibt es im Kanton – nach den fünf Jahren, seit die KulturLegi auch hier eingeführt wurde. Damit ist das Angebot im Vergleich mit anderen Kantonen eher jung – und dürfte noch wachsen was Anbieter und Nutzende angeht, wie die 54-jährige Krause sagt.

Das Motto der KulturLegi lautet «Dabei sein – auch mit wenig Geld.» Geld ist also Voraussetzung, Teil dieser Gesellschaft zu sein?

Es gibt natürlich mehrere Voraussetzungen. Geld ist sicher eines der Dinge, die Zugang zur Gesellschaft verschaffen – aus dem einfachen Grund, dass viele Angebote im Bereich Bildung und Freizeit nur mit entsprechendem Budget in Anspruch genommen werden können.

Die Menschen, die die KulturLegi haben werden etwa durch Sozialhilfe unterstützt. Warum ist es zusätzlich so wichtig, dass sie Zugang zu Kultur haben?

Wir sind keine Einzelwesen: Wenn man von der Gesellschaft isoliert lebt, kann das auch krank machen. Natürlich ist jeglicher Kontakt mit den Mitmenschen wertvoll. Aber es gehört auch dazu, ins Theater gehen zu können oder ins Schwimmbad – dorthin, wo die Gesellschaft stattfindet.

Seit fünf Jahren gibt es die KulturLegi im Kanton Solothurn. Erfüllt sie ihren Zweck?
Mittlerweile nutzen 2132 Menschen im Kanton die KulturLegi. Das ist eine Zunahme um knapp 27 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Aber wie viele derjenigen Personen, die Anspruch auf die KulturLegi hätten, diese auch nutzen, weiss ich nicht. Ich denke, wir bewegen uns diesbezüglich noch im einstelligen Bereich.

Sie haben auch erwähnt, dass die KulturLegi noch zu verbreitet ist im Kanton.
Damit man die KulturLegi nutzen kann, muss man auch wissen, dass es die KulturLegi überhaupt gibt. Sozialdienste und Beratungsstellen sind wichtig für uns – da sie mit unserer direkten Zielgruppe zusammenarbeiten und auf die KulturLegi verweisen können.

Die KulturLegi zu kennen ist das Eine, andererseits muss man auch Kultur mögen, um diese Angebote überhaupt zu nutzen.
Man muss vermutlich schon vorher Interesse an Museen gehabt haben, bevor man eine Ausstellung mit Rabatt besucht. Wir haben aber auch Angebote, die viele Menschen zusagen; solche aus dem Sport- und Bildungsbereich.

Anfang dieses Jahres sagten Sie in einem Interview mit Kolt (Oltner Kulturmagazin), ihr Wunsch sei es, SBB und Verkehrsbetriebe im Kanton ins Boot zu holen. Ist dies gelungen?
Das ist immer noch auf meiner «To Do»-Liste. Da es für KulturLegi-Inhaber Angebote in der ganzen Schweiz gibt, müssen diese Nutzer auch mobil sein, um überhaupt profitieren zu können. Zudem ist Mobilität auch für die berufliche Integration wichtig. Es ist manchmal aber schwierig, Anbieter ins Boot zu holen. Dabei würden Anbieter Kunden gewinnen, die sie ansonsten wohl gar nicht erreichen könnten.

Immer mehr sind auch Kinder von Armut betroffen. Ein Fünftel der KulturLegi Nutzenden im Kanton ist unter 18. Gibt es genug Angebote für diese Gruppe?
Tatsächlich haben wir dieses Jahr den Schwerpunkt auf Familien mit Kindern gelegt. Ich habe dafür vor allem im museumspädagogischen Bereich Angebote gesucht. Das Bundesamt für Kultur hat die Caritas unterstützt und 10 000 Museumseintritte an KulturLegi-Nutzende schweizweit verschenkt. Mittlerweile gibt es auch im Kanton viele Museen mit Rabatt-Angeboten.

Und wie erreicht man von Armut betroffene Rentner?
Nächstes Jahr werden wir unseren Schwerpunkt auch auf die Zielgruppe 55+ richten. Dazu hatte ich erste Kontakte mit der Pro Senectute. Die Lungenliga konnten wir schon als Anbieter gewinnen.

Ist es heute noch mit Scham verbunden, die KulturLegi zu zeigen?
Ich denke schon, dass Armut auch heute immer noch mit einem grossen Stigma verbunden ist. Ich glaube auch, dass es in Grossstädten einfacher ist, die KulturLegi zu zeigen, als auf dem Land, wo jeder jeden kennt.

Kann man dieses Stigma beseitigen?
Das ist schwierig. Jeder und Jede sollte versuchen, die eigenen Vorurteile abzubauen. Dazu gehört auch auf jemanden, der die KulturLegi vorzeigt, genau gleich zu reagieren wie auf jemanden, der an der Kasse die Studentenkarte zückt.


Mehr Infos zu den Angeboten und der roten Karte: www.kulturlegi.ch/kanton-solothurn