Kultur
Journalistin und Modekennerin: Lotte Ravicini ist im September verstorben

Sie gab den Anstoss zur Gründung des Kabinetts für sentimentale Trivialliteratur, verbrachte Zeit in London und Paris und schreib für verschiedene Zeitungen in der Schweiz. Am 24. September ist Lotte Ravicini-Tschumi nun verstorben.

Helmuth Zipperlen
Drucken
Teilen
Lotte Ravicini-Tschumi in ihrem Kabinett für sentimentale Trivialliteratur im Jahr 2001.

Lotte Ravicini-Tschumi in ihrem Kabinett für sentimentale Trivialliteratur im Jahr 2001.

Oliver Menge

«Wenn ich über das, was ich gearbeitet habe und über mein Leben nachdenke, dann finde ich, ich habe eine ungebrochene Biografie», sagte Lotte Ravicini-Tschumi in ihrer Oral History, welche unter dem Titel «Kunst und Kitsch in einem kleinen Kabinett» veröffentlicht wurde. Am 24. September hat sich ihr Lebenskreis geschlossen und Solothurn ist um eine bemerkenswerte Persönlichkeit ärmer geworden.

Es wäre zu verkürzend, Lotte Ravicini nur mit dem Kabinett für sentimentale Trivialliteratur in Verbindung zu bringen. Ursprünglich hat sie sich vor allem für Mode interessiert und wäre gerne Kostümbildnerin geworden, wenn sie als Näherin begabter gewesen wäre. Nach der Matura besuchte sie in Genf eine Modeschule. Später verbrachte sie ein halbes Jahr in Paris bei einer Baronin, welche Einladungen zu den Modeschauen erhielt und diese an ihre Besucherin weitergab.

Emanzipation, Mode und ein offenes Ohr

In Cambridge besuchte sie einen Sprachkurs und lernte die englische Lebensart kennen. Bevor sie nach Paris zog, absolvierte sie ein Volontariat bei der «Solothurner Zeitung», womit sie ihren zweiten Berufswunsch zu verwirklichen begann. Ihren Traumjob fand sie bei Ringier, wo sie für alle Zeitschriften des Verlages die Modeseiten verantwortete.

Später bearbeitete sie beim «Emmentaler Tagblatt» die Frauenthemen und die Beilage «Nadel-Faden-Fingerhut». Bis in die 80er-Jahre war sie für das «Emmentaler Tagblatt» und die «Berner Zeitung» tätig. Anschliessend arbeitete sie als freie Journalistin und zeichnete fünf Jahre als Redaktorin für die evangelische Frauenzeitschrift «Unser Blatt» verantwortlich.

Bereits in der Kantonsschule verliebten sich Lotte Tschumi und Pietro Ravicini ineinander, und noch im hohen Alter war ihnen die Liebe anzusehen. (Pietro Ravicini starb am 31. Mai 2020.)

Das Ehepaar Ravicini hatte ein offenes Ohr, wenn kulturelle Vorhaben Unterstützung brauchten. Nebst anderem hat es in der Vorstadt Beschriftungen an historischen Häusern angebracht und den kürzlich verliehenen Ravicini-Preis für Arbeiten zur Trivialliteratur gestiftet.

Sie verfügte über ein grosses Netzwerk, war sie doch einige Jahre Präsidentin des Clubs Solothurner Berufs- und Geschäftsfrauen, war Mitglied des Solothurner Verfassungsrates und während acht Jahren Vizepräsidentin der Reformierten Kirchgemeinde Solothurn. Der Besuch der Science-Fiction-Bibliothek in Yverdon gab den Anstoss zur Gründung des Kabinetts für sentimentale Trivial­literatur mit dem Schwerpunkt der Frauenemanzipation.

Aktuelle Nachrichten