Landwirtschaft
Kuhgeburten waren einst Dramen im Stall: Wie sie dank gezielter Zucht einfacher wurden

Es ist noch nicht allzu lange her, da waren Kuhgeburten Schwerstleistungen für Bauern und Kühe. Dank technischem Fortschritt hat sich das verändert. Ein Augenschein auf dem Wallierhof.

Daniela Deck
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Karl Heeb erlebte mit, wie mit Zucht und Gentechnik das Leiden der Kühe gelindert wurde.

Karl Heeb erlebte mit, wie mit Zucht und Gentechnik das Leiden der Kühe gelindert wurde.

Hanspeter Bärtschi

Wer vor den Siebzigerjahren auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, hat die Dramen im Stall miterlebt: Wenn die Geburt eines Kälbchens anstand, verbarrikadierten sich die Männer des Hofes im Stall, oft über Stunden. Manchmal mussten gar die Nachbarn geholt werden, um ein Kalb aus dem Mutterleib zu reissen. Trotz aller Anstrengung starben immer wieder Kälber. Wenn sogar die Kuh starb, konnte das einen kleinen Hof an den Rand des Ruins bringen – vom emotionalen Verlust für die Familie ganz zu schweigen.

Man kann sagen: Die Milch auf unserem Zmorgetisch war damals mit Tierleid verbunden, weil die Kühe oft schwere Geburten hatten. Heute ist das kaum mehr ein Problem. Karl Heeb, an der Landwirtschaftsschule Wallierhof verantwortlich für den Tierhaltungsunterricht, erzählt von der Wende zum Guten im Stall und was die Genomanalyse für Kuhgeburten bedeutet.

Der Grund für das hohe Risiko bei der Geburt war: Die Kälber aller gängigen Kuhrassen hatten so grosse Köpfe und einen so groben Knochenbau, dass sie kaum durch den Geburtskanal passten. Und wenn sich eine Schwergeburt abzeichnete, dann war es für einen Kaiserschnitt meistens zu spät.

Die alltägliche Angst

Karl Heeb ist im aargauischen Freiamt auf einem Bauernhof aufgewachsen. Er erinnert sich: «Normal war die Geburt bei einer Kuh damals, indem man einfach ziehen half. Von einer Schwergeburt sprach man erst, wenn mehrere starke Männer oder gar die Nachbarn helfen mussten. So waren die Geburten im Stall mehr Anlass zur Furcht vor Verlust als zur Freude über den kommenden Nachwuchs.

Übrige Nutztiere blieben verschont

Die Problematik der Schwergeburten hat sich nach Aussage von Karl Heeb auf die Kühe beschränkt. Er ist an der Landwirtschaftsschule Wallierhof verantwortlich für die Tierhaltung. Weder bei Schafen noch bei Ziegen sei das Problem hierzulande im grossen Stil aufgetreten. «Ziegen werden in der Schweiz seit langem auf Milchleistung gezüchtet. Bei den Schafen steht zwar die Fleischproduktion im Vordergrund – für die einheimischen Rassen ergibt sich daraus jedoch kein Problem; eine leichte Verschärfung der Schwergeburtenproblematik kann sich allerdings beim Einsatz fleischbetonter Rassen ergeben.»

Auch beim Pferd waren und sind schwere Geburten kaum ein Thema, wie Ronald Biehler, Präsident der Freiberger Pferde Stiftung mit Sitz im Kanton Solothurn, auf Anfrage sagt. «Man achtet bei der Paarung darauf, dass Stute und Hengst vom Erscheinungsbild her zusammenpassen.»

Heutzutage kann man sich das kaum mehr vorstellen: Die Kühe gebären aus eigener Kraft, Komplikationen sind selten.» Dabei lag das hauptsächliche Problem nicht bei der Kuh, sondern beim Muni. «Der Stier hat einen grösseren Einfluss auf den Geburtsverlauf als die Kuh», erklärt Karl Heeb, «und weil die meisten Kühe früher vom Genossenschafts- oder Dorfmuni gedeckt wurden, waren jeweils schon dutzende Kühe trächtig, bis sich nach neun Monaten und zehn Tagen zeigte, dass ein bestimmter Muni Schwergeburten produziert.» Egal ob Braunvieh, Simmentaler oder die schwarz-weissen Freiburger Kühe: «Alle Rassen sind betroffen gewesen.»

Den Grund, warum das Problem über Jahrzehnte bestanden habe, verortet der Tierexperte darin, dass einerseits Kriterien wie Milchleistung, Fleischigkeit und Zugkraft – bis um den Ersten Weltkrieg herum zogen Kühe und Ochsen den Pflug – wichtiger waren als komplikationslose Geburten. Andererseits hatten Stierzüchter und Bauern wenig Austausch dazu: «Der Geburtsverlauf war kein Kriterium, das für die Zucht systematisch erfasst wurde.»

Rettung aus Übersee

Der Geburtenalbtraum endete Anfang der Siebzigerjahre. Die Rettung kam aus Amerika. Karl Heeb erzählt: «Die Rassen aus Übersee waren im Körper- und Knochenbau zierlicher als unsere, ihre Milchleistung war besser und sie liessen sich erst noch leichter melken. So wurden Brown Swiss ins originale Braunvieh eingekreuzt und Red respektive Black Holstein in die Simmentaler und Freiburger.

Schon die ersten Nachkommen der Kreuzungen kamen fast problemlos zur Welt.» Doch gute Geburten und mehr Milch waren nur die eine Seite der Medaille, die im Stall glänzte. Mindestens so wichtig war die Verbreitung der künstlichen Besamung zur selben Zeit. Karl Heeb: «Fortan gab es bei jedem Zuchtmuni einen so genannten Prüfeinsatz mit 30 bis 50 Geburten. Anschliessend wurden von ihm 20'000 bis 30'000 Spermadosen eingefroren.

Bewährte sich der Muni nach den bis heute geltenden Kriterien (einfache Geburt, Milchleistung, guter Körperbau und Fruchtbarkeit seiner Nachkommen, um einige Beispiele zu nennen) so wurde das Sperma nach rund fünf Jahren eingesetzt. Nur zehn bis 20 Prozent schafften die Selektion.» Sicher sei das System gewesen, aber teuer und langsam. Weil Stiere mit zunehmendem Alter schwierig im Umgang werden können und deshalb geschlachtet wurden, seien viele erst nach ihrem Tod zum Zug gekommen.

Seit rund fünf Jahren hat das Warten ein Ende. Wie früher kommen die Zuchtstiere (beziehungsweise ihr eingefrorenes Sperma) zu Lebzeiten zum Einsatz. «Zu verdanken ist das der Genomanalyse», sagt Karl Heeb. «Die Berechnung von Zuchtdaten aus der Analyse benötigt ausgeklügelte Computermodelle und grosse Rechenkapazitäten, gibt aber recht zuverlässig Auskunft über die erwünschten Qualitäten eines Tieres.

Damit können die Lagerkosten bei den Samenbanken und die Wartezeiten gesenkt werden.» So schnelllebig sei die Zucht geworden, dass manchmal die Leistung eines Spitzenmuni schon nach einem Jahr übertroffen sei, weil bessere Tiere nachrücken.

Der Ausbildner am Wallierhof erzählt die Geschichte von den Schwergeburten auch heute noch den angehenden Landwirten. «Diese Rückblende hilft den künftigen Bäuerinnen und Bauern zu verstehen, warum der Geburtsverlauf für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Kühe eine wichtige Rolle spielt.»

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