Premiere

Künstlergenie mit Frittatensuppe in der letzten Theaterproduktion

Günter Baumann IST der eitle, selbstverliebte «Bruscon»; dahinter Hanspeter Bader, der Dorfwirt.

Günter Baumann IST der eitle, selbstverliebte «Bruscon»; dahinter Hanspeter Bader, der Dorfwirt.

Mit Thomas Bernhards «Theatermacher» macht das Theater und Orchester Biel Solothurn/TOBS Schluss mit der Rythalle in Solothurn.

Wie sinnbildlich, die letzte Theaterproduktion des Theaters und Orchester Biel Solothurn/TOBS, das während der Auslagerungssaison unter anderem in der Rythalle in Solothurn gastierte, mit Thomas Bernhards «Der Theatermacher» zu programmieren.

Bernhards Abgesang auf einen einst erfolgreichen Staatsschauspieler Bruscon (Günter Baumann) ist eine Abrechnung mit den Bühnenkünstlern selbst und mit denjenigen, die Bühnenkunst ermöglichen. Zum Inhalt: Der einst erfolgverwöhnte Staatsschauspieler (eine Bezeichnung, die übrigens in der Schweiz nicht existiert) Bruscon kommt mit seiner Familie, die gleichzeitig seine Schauspielkollegen sind, ins kleine Dorf Utzbach, um dort sein genial-universales Stück «Das Rad der Geschichte» aufzuführen. Der müfflige Saal im Gasthof «Schwarzer Hirsch» soll zum Ort der höchsten Kunst werden, trotz Blutwursttag. Der Kontrast zwischen dem hohen Kunstanspruch Bruscons und der Kulturlosigkeit und Ahnungslosigkeit in der Provinz könnte nicht grösser sein.

Bruscon kämpft aber nicht nur gegen den tumben Dorfwirt (Hanspeter Bader), einen unsichtbaren Gegner in Form eines Feuerwehrhauptmanns und das stinkende Hahnenwasser in Utzbach an, er hadert auch mit seiner eigenen Frau und seinen Kindern. Seinem naiv-tolpatischen Sohn Feruccio (Tim Mackenbrock), seiner sinnlich-durchtriebenen Tochter Sarah (Natalina Muggli) und seiner von ständigem hypochondrischen Husten geplagten Ehefrau (Barbara Grimm). Sie alle vermögen den Kunstverstand und die Geistesüberlegenheit von Bruscon nicht einmal zu fassen, geschweige denn zu verstehen. Ja, sie boykottieren gar mit ihrer Dummheit und Ahnungslosigkeit Bruscons Kultur-Mission und Kunstbesessenheit. Das Resultat für den Vater, Ehemann und Künstler ist, dass alle Beteiligten der Brutalität, dem tyrannischen Gebaren und seiner Eitelkeit ausgeliefert sind, er selbst sich aber in der Ausweglosigkeit seines Vorhabens verliert.

Thomas Bernhard hat mit diesem 1985 uraufgeführten Stück sich selbst, seinen eigenen Grossvater sowie seine Künstlerkollegen parodiert. Und dies auf seine gewohnt sprachgewaltige Weise, mit viel Ironie, Sarkasmus, Absurdität und beissendem Spott. Dem Publikum bleibt so manches Mal das Lachen im Halse stecken, es erkennt sich selbst, seinen eigenen Kunstanspruch, sein elitäres Verhalten.

Der Entstehung dieses Stückes liegt – mit aller Absurdität – eine tatsächliche Begebenheit zugrunde: der sogenannte Salzburger Notlichtskandal von 1972. Damals bestanden Regisseur Klaus Peymann und Autor Thomas Bernhard bei der Premiere des Stückes «Der Ignorant und der Wahnsinnige» darauf, zum Schluss der Aufführung eine absolute Finsternis im Saal herbeizuführen, indem auch das Notlicht für zwei Minuten ausgeschaltet werden müsse. Dieses Vorhaben scheiterte an der österreichischen Gesetzeslage, was Bernhard 13 Jahre später zum Schreiben des «Theatermachers» veranlasste. In diesem Stück gelingt die absolute Dunkelheit, aber aufgrund ganz anderer Umstände.

Baumanns Paraderolle

Für Günter Baumann, Wiener und seit Jahren feste Grösse am TOBS, ist «Bruscon» eine Paraderolle. Wie ein Berserker und doch wieder ganz zerbrechlich und unsicher verkörpert er diesen Künstlertyp, der glaubt, von der schnöden Gesellschaft verkannt zu sein, und dennoch nicht aufhören will, sich zu produzieren. 150 Minuten lang hält er den Berhard’schen Fast-Monolog, bringt dessen Sprache melodisch, kraftvoll und wie selbstverständlich auf die Bühne. Klar im Ausdruck, präzis-stechend in der Wirkung. Seine Kollegen sind in diesem Stück eher Statisten. Hanspeter Bader hat als schweigsamer Wirt fast noch dem grössten Textanteil. Alle andern müssen ihre Rollen eher pantomimisch gestalten.

Regisseurin Deborah Epstein zeigt diesen Theatermacher und seine Truppe in einem realistischen Theateralltag, das Bühnenbild von Florian Barth unterstreicht diesen Ansatz. Keine leichte Kost wird hier serviert, auch wenn es immer auch wieder mal ums Essen und Trinken geht. Vielleicht noch so viel zur Erklärung: «Frittatensuppe» heisst in der Schweiz «Flädlisuppe».

Aufführungen Solothurn: 2.12., 10.12., 19.12., 27.12. Premiere Biel: 9. 1. 2015.

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