Es ist 22 Uhr. Der Mond hüllt sich in schwere Wolkendecken. Die Riedholzstrasse hinter dem Schloss Waldegg liegt im Dunkeln. Eine schief stehende Strassensperre blockiert den Weg. «Jemand hat die Schranke passiert!», empört sich Peter Geissbühler, Experte in Sachen Amphibien im Kanton Solothurn. Die Barriere, welche zum Schutz gefährdeter Amphibien die Durchfahrt verhindern soll, ist teilweise umgestossen worden.

Ein dreister Autofahrer hat einen Pfosten neben die Strasse geworfen. Die drei Kilometer lange Verbindungsstrasse zwischen Feldbrunnen-St.Niklaus und Riedholz verwandelt sich vorübergehend in einen Wanderweg von Fröschen und Kröten.

Im Licht bleiben Tiere stehen

Mit einer Taschenlampe ausgerüstet, taucht Geissbühler in die Nacht ein. Weg von den Lichtern der Strasse schreitet er in den Wald. Das menschliche Auge sieht bereits nach wenigen Metern schwarz. Die Erdkröten und Frösche wandern nur nach Einbruch der Dunkelheit - idealerweise bei über 5 Grad und Regen. Im Kunstlicht ist die erste Erdkröte zu sehen. Diese hält wie versteinert still. «Deshalb sind die Tierchen durch den Strassenverkehr so gefährdet», erklärt Geissbühler.

Geblendet vom Scheinwerferlicht, bliebe die Kröte einfach stehen. Je tiefer die Strasse in den Wald führt, desto mehr Kröten kreuzen den Weg des Amphibienfreunds. «Die Kröten sind dreieinhalb Wochen verspätet», erklärt er. Auf ihrer mehrtägigen Wanderung legen sie bis zu drei Kilometer zurück. Die Frösche seien bereits Ende Februar losmarschiert, weiss Geissbühler: «800 bis 1000 Meter sind sie unterwegs.»

Männchen in grosser Überzahl

Das Ziel der wandernden Kröten ist ihr Laichgewässer. Während der Sommerzeit halten sie sich auf Wiesen und im Laub der Wälder versteckt. Sobald Frühlingsgefühle aufkommen, machen sich die Amphibien auf den weiten Weg zu ihrem «Heimatweiher», in diesem Fall ist es die Biedermannsgrube. Bereits auf ihrer Wanderung bespringen die Männchen alles, was sich bewegt.

Doch erst am Ziel findet das grosse Speed-Dating statt: Ein einzelnes Weibchen kommt vorbei, fünf Männchen stürzen sich auf sie. Ein sich täglich wiederholendes Szenario: Während jeweils zwei bis drei Wochen im März/April ringen jeweils mehrere männliche Kröten um die Gunst eines Weibchens. «Es hat viel zu wenig Weibchen», erklärt der Amphibienkenner. Der Grund: «Weibliche Kröte laichen nur einmal, die Männchen machen sich jedes Jahr zum Laichgewässer auf.»

Während dieser paar Wochen ist es kaum möglich, am Ufer der Biedermannsgrube einen Fuss vor den anderen zu setzten, ohne Gefahr zu laufen, auf eine Kröte zu stehen. Zu Hunderten sonnen sich die Weichtiere am Ufer und tollen im Wasser umher. Ein feuchtfröhliches Treiben. Der glucksende Lockruf der Männchen ertönt von allen Seiten. Sie sind stetig auf der Suche nach der passenden Partnerin. «Sobald diese gefunden ist, klammert sich das Männchen auf dem Rücken des anderthalbmal grösseren Weibchens fest und lässt sie nicht mehr los», erläutert der Feldbrunner.

Der Instinkt weist den Weg

Bei Eintritt der Geschlechtsreife mit vier Jahren wandert das Weibchen zu seinem Heimatgewässer und legt nach der Paarung seinen Laich: Dieser wird wie eine Schnur gespannt zwischen Pflanzen, Steinen oder Ästen - meist im Schilfgürtel des Gewässers. Gleich danach hüpft das Weibchen wieder in den Wald. Es kehrt, anders als die Männchen, nie mehr zum Teich zurück. Die jungen Kröten sind von Beginn an auf sich gestellt. «Die kleinen ‹Erdchrötli› finden instinktiv den Weg in den Wald und später zurück in ihr Heimatgewässer», verweist Geissbühler auf den beeindruckenden inneren Kompass der Tiere. Und jedes Jahr beginnt der Kreislauf von vorn.