Die Liste der nicht erfüllten Pflichten des Hägendörfer Schulleiters Thomas S. ist lang, wie die publik gemachte externe Schulevaluation letzte Woche zeigte: fehlende Personalführung, fehlende pädagogische Führung und mangelhaftes Qualitätsmanagement an der Primarschule. An der Infoveranstaltung letzten Dienstag wurde die Gemeinde aus dem Plenum aufgefordert, die Schulleitung auszuwechseln. 

Nun hat der Gemeinderat am Montagabend an einer ausserordentlichen Sitzung entschieden, den Schulleiter Thomas S. und die ebenfalls kritisierte Schulverwalterin Monika Kronenberg zu verwarnen und ihnen eine sechsmonatige Bewährungsfrist zu geben, aber vorerst nicht zu entlassen. Es werden nun Zielvereinbarungen getroffen, um einen Massnahmenplan umzusetzen, wie Gemeindepräsident Albert Studer auf Anfrage sagt. Der Massnahmenplan wird derzeit vom Gemeinderat zusammen mit dem Kanton aufgesetzt. Bereits heute tagt das Gremium erneut. Bis Ende März soll der Plan stehen.

«Wir wollen der Schulleitung eine faire Chance geben, um das Vertrauen mit den Lehrern wieder aufzubauen», sagt Studer zum Entscheid, weiter auf das bisherige Duo zu setzen. Nicht ausschliessen will Studer allerdings eine Entlassung zu einem späteren Zeitpunkt. Explizit ausgenommen von diesem Vorgehen ist Co-Schulleiterin Patricia Segura, die seit August 2014 bei der Schule in einem 30-Prozent-Pensum angestellt ist.

Bei Lehrern der Primarschule stösst der Gemeinderats-Beschluss auf Unverständnis. Mehrere Personen wollen sich nur unter Wahrung der Anonymität zu Schulleiter Thomas S. äussern, weil sie Angst vor Repressionen haben. «Ich bin überrascht über diesen Entscheid und dachte nun, dass dieser Albtraum ein Ende hätte», sagt eine Lehrperson. Menschliche Führung und pädagogische Grundkompetenzen fehlten ihm. Eine weitere Lehrperson sagt, es sei erstaunlich, dass S. trotz der Missstände weiterbeschäftigt werde. Und eine dritte Lehrkraft fügt an, dass das Verhältnis zwischen Schulleiter und Lehrern zerrüttet sei.

Lehrerverband ist Fall Hägendorf bekannt

Der einzige Lehrer, der mit Namen hinsteht, ist Dominik Kohler. Er war über 17 Jahre lang an der Schule tätig und hatte am Freitag vor den Sportferien seinen letzten Arbeitstag. Er kündigte, weil «der Arbeitgeber so unerträglich geworden ist». Und damit meint er explizit den Schulleiter, aber auch die Gemeindebehörden, die seine Hilferufe kaum erhörten. Er sei «sehr enttäuscht über den mutlosen Entscheid des Gemeinderats», sagt Kohler.

Mit dem Hinauszögern der Entlassung werde nun die ganze Schule weiter für Monate gestresst und ein Neuanfang vertagt. «Wenn man die Lehrer als Mannschaft anschaut und den Schulleiter als Trainer, dann sollte man eigentlich den Trainer auswechseln, um möglichst schnell wieder akzeptable Zustände herzustellen.» Die jetzige Situation sei für alle Beteiligten enorm belastend und er wisse von einigen Lehrkräften, welche sich nach einer anderen Stelle umschauen würden.

Er könnte sich sogar vorstellen, dass einige Lehrer die Zusammenarbeit mit der Schulleitung verweigern. Er selbst hatte insgesamt zweimal Meinungsverschiedenheiten mit Schulleitung und Gemeindebehörden, bei welchen der Rechtsdienst des Lehrerverbandes Solothurn eingeschaltet wurde. Roland Misteli vom Berufsverband bestätigt auf Anfrage, dass sich mehrere Lehrkräfte an ihn gewandt hätten für Rechtsberatung und Rechtsschutz. Der Fall Hägendorf sei schon länger bekannt, sagt der Geschäftsführer, ohne weitere Details bekannt zu geben.

Unzufrieden mit dem Gemeinderats-Entscheid sind auch Eltern um Andrea Nussbaumer, die Ende Januar in einem offenen Brief an Bildungsdirektor Remo Ankli mehrere Forderungen aufstellten. «Der Schulleiter hat schon einige Chancen erhalten», sagt Nussbaumer über S., der seit bald zehn Jahren das Amt des Primarschulleiters in Hägendorf innehat. Viele im Dorf seien erstaunt, dass S. bisher nicht selbst die Konsequenzen aus dem Fall gezogen und gekündigt habe.

Diese Zeitung hat Thomas S. am Dienstag telefonisch erreicht. Der Schulleiter wollte allerdings weder zur Bewährungsfrist noch zu den Vorwürfen Stellung beziehen und verwies an Gemeindepräsident Albert Studer.