Nein. So richtig durchgestartet ist das Projekt Passepartout noch nicht, obwohl Solothurn in den letzten Jahren bereits 6,7 Mio. Franken in das Vorhaben investiert hat. Das interkantonale Bildungsprojekt will nicht weniger als den Fremdsprachenunterricht erneuern und vereinheitlichen – und zwar in den sechs Deutschschweizer Kantonen, die am nächsten am Röstigraben liegen.

Seit rund zehn Jahren arbeiten Solothurn, Freiburg, das Wallis, Bern und die beiden Basel daran und bringen beispielsweise neue, einheitliche Lehrmittel heraus. Doch der Weg ist etwas holprig. Zuerst geriet das neue Primarstufen-Französisch-Lehrbuch «Mille feuilles» in die Kritik und musste in die Überarbeitung geschickt werden. Dann, diesen Frühling, hatte die Baselbieter Politik genug. Man beschloss, dem Projekt gleich ganz «adieu» zu sagen.

Und jetzt also der nächste Stolperstein. In der Kritik seht nun das Französisch-Lehrmittel «Clin d’œil», das ab diesem Sommer an den Sek-Stufen obligatorisch zum Einsatz kommen sollte. Zumindest auf der progymnasialen Sek-P-Stufe wird dies nicht der Fall sein. Bildungsdirektor Remo Ankli hat quasi in letzter Minute die Notbremse gezogen, wie aus einer Weisung ersichtlich ist, die der FDP-Mann Anfang März verfügt hat. Das Buch soll, ebenso wie das Englisch-Pendant «New World» nur auf der Sek E und der Sek B obligatorisch sein.

Für die Sek P aber taugt das Buch offenbar nicht. Dies haben Testklassen und eine Auswertung durch die Uni Freiburg gezeigt. «Die Sprachkenntnisse reichen nicht als Unterbau für den gymnasialen Unterricht aus», schreibt Ankli in seiner Weisung. Um den Gymi-Anforderungen zu genügen, brauche es «vertiefenderes Zusatzmaterial». Ein Grund dafür: Das Buch behandelt die Grammatik im dritten und letzten Jahr stärker als in den ersten beiden, wo es vor allem auf die Kommunikation setzt. Die Sek P aber dauert im Gegensatz zur dreijährigen Sek E/B nur zwei Jahre. Danach wechseln die Schüler ins Gymi.

Bereits einmal daneben gelangt

Es ist nicht die erste Panne der Erziehungsdirektoren mit Passepartout. Bereits das für die Primarstufe erarbeitete Französischlehrbuch «Mille feuilles» wurde heftig kritisiert und muss überarbeitet werden.

«Ich habe noch nie Lehrmittel gesehen, die so fest in der Kritik stehen», sagt Adrian van der Floe, Präsident des Solothurner Schulleiterverbandes. «Clin d’œil» sei anspruchsvoll zu unterrichten. Das Problem: Schüler sollen die Sprache möglichst übers Hören lernen und nicht in erster Linie Wörter und Grammatik büffeln. «Mit drei Lektionen Französisch pro Woche funktioniert das sogenannte Sprachbad nicht», so van der Floe.

Im Bildungsdepartement will man nicht von einer Kritik auf breiter Basis sprechen. «Rückmeldungen aus der Weiterbildung, aus den Projekt-Hearings und aus der kantonalen Begleitgruppe enthalten sowohl kritische als auch zustimmende Haltungen», sagt Departementssekretär Adriano Vella. «Ein neues Lehrmittel bringt neben Veränderungen auch Unsicherheit. Viel Neues muss erarbeitet und verarbeitet werden.»

Allerdings sieht man nach diversen Rückmeldungen auch im Bildungsdepartement Handlungsbedarf. «Die Verhandlungen für die Überarbeitung des Lehrmittels zwischen den Passepartout-Kantonen und dem Verlag schritten anfänglich zögerlich voran», sagt Adriano Vella. «Inzwischen ist die Notwendigkeit von Anpassungen des Lehrmittels vom Verlag erkannt worden. Vielfältige Zusatzmaterialien wurden bereits für die Primar- und Sekundarstufe entwickelt.»

«Katastrophe» für Durchlässigkeit

Hannes Lehmann ist nicht glücklich mit dem Entscheid von Bildungsdirektor Remo Ankli. Der Fraktionspräsident der Sekundarlehrpersonen im Solothurner Lehrerverband LSO kann nicht nachvollziehen, dass das Lehrmittel nur auf der Sek-P-Stufe abgeschafft wird. «In der Sek B rumort es. Das Buch ist zu textlastig. Und auch auf der Sek E stossen die Schüler und Schülerinnen zu oft an ihre Grenzen», sagt Lehmann. «Es ist absolut unverständlich, dass der Kanton das Obligatorium nicht für alle Stufen abgeschafft hat.»

Gravierend ist der Entscheid für Lehmann in Sachen Durchlässigkeit zwischen der Sek E (früher Bez) und der progymnasialen Sek P. Erst vor gut zwei Jahren wurde diese Durchlässigkeit verbessert. «Die Weisung des Kantons bedeutet diesbezüglich wieder einen deutlichen Rückschritt: Ein Übertritt von der Sek E ins Gymnasium ist künftig mit einer anderen Philosophie des Französischlernens verbunden und erschwert damit den Wechsel wieder erheblich. Das ist absolut nicht begrüssenswert», so Lehmann. Auch Adrian van der Floe sieht aufgrund der unterschiedlichen Lehrmittel Probleme für Schüler, die etwa von der Sek P in die Sek E wechseln. «Sie sind nun die Gestraften.»

Weniger dramatisch sieht man dies im Bildungsdepartement. Wer nach drei Jahren Sek E ins Gymnasium wechsle, könne die Differenzen auffangen, sagt Vella. «Bezogen auf die Lehrplaninhalte, haben diese Schüler eher einen Vorsprung auf jene Schüler, die von der zweiten Sek P ins Gymnasium kommen.» Unabhängig von Lehrmitteln kämen die Schüler so oder so mit unterschiedlichen Voraussetzungen ins Gymnasium.

Schon länger bekannt

Die Erkenntnis aus dem Solothurner Bildungsdepartement, dass «Clin d’œil» fürs Gymnasium wenig taugt, hatte man anderswo schon früher. Bereits Anfang 2017 hatte das «Bieler Tagblatt» berichtet, dass die Aufnahmeprüfungen für das Gymnasium Biel-Seeland nur mündlich und nicht schriftlich stattfanden. Der Grammatik-Teil musste gestrichen werden, weil Schüler «keine Verben konjugieren können». Und bereits 2016 hatten sich die Solothurner Sek-Lehrer im «Schulblatt» kritisch geäussert. Von «mehrheitlich eher skeptischen, zweifelnden, oft sogar verzweifelten Stimmen» war dort zu lesen. «Es muss zu denken geben, dass es sich viele Lehrpersonen im Moment so nicht vorstellen können, ihre Schülerinnen und Schüler adäquat auf die abnehmenden Schulen und Lehren vorbereiten zu können.»

Jetzt muss die Sek-P-Konferenz mit den Fachschaften Französisch und Englisch der beiden Kantonsschulen bis im Sommer neue Lehrmittel vorschlagen. Im Bildungsdepartement will man zuerst «die breit angelegten Evaluationsergebnisse im Schuljahr 2020/2021» abwarten, bevor allfällige Entscheide zu den kritisierten Lehrmitteln getroffen werden.