Perspektive Solothurn-Grenchen

Krise beschäftigt auch Suchthilfe: «Diese Einbussen fangen wir nicht auf»

Die Perspektive erlebte während der Krise viel Solidarität. (Archivbild)

Die Perspektive erlebte während der Krise viel Solidarität. (Archivbild)

Die Klientel der Perspektive Solothurn-Grenchen stemmt die Krise wieder anfänglichen Befürchtungen gut; dafür leidet die Suchthilfeorganisation selbst unter der Pandemie. Gefragt sind laut der Geschäftsführerin nun die Gemeinden, welche die Perspektive finanziell mittragen.

Selbst Betteln in der Stadt sei nicht mehr möglich gewesen. Dies nennt Karin Stoop als ein Beispiel dafür, was die Coronakrise mit der Suchthilfeorganisation Perspektive Solothurn-Grenchen und deren Klientel macht. Die Geschäftsführerin berichtet von Beratungen, die vorwiegend telefonisch stattfanden. Von der Anlaufstelle – dort können Suchtmittel in geschütztem Rahmen konsumiert werden –, die in ein Zelt in die Solothurner Vorstadt verlagert worden ist. Gut sichtbar für Passantinnen und Passanten, was laut Geschäftsführerin der Perspektive «menschenunwürdig» und «stressig» ist.

Karin Stoop, Geschäftsleiterin Perspektive

Karin Stoop, Geschäftsleiterin Perspektive

Trotz dieser Umstellungen und Befürchtungen zum Start der Pandemie, manchen Klientinnen und Klienten könnte der Quasi-Lockdown übermässig zu schaffen machen: Laut Stoop konnte man den Kontakt zu allen rund 100 Klientinnen und Klienten aufrechterhalten, Krisenintervention – etwa die Begleitung in eine Klinik – gab es keine einzige. «Alle, Mitarbeitende und Klientel, haben begriffen, dass es ernst ist», erklärt Stoop, «und sich an Vorgaben gehalten und Verantwortung übernommen».

Die Suchthilfeorganisation selbst hat derweil stärker unter der Krise gelitten. Stoop spricht im Gespräch von finanziellen Einbussen, «die wir aus eigener Kraft nicht mehr auffangen».

Rund 200'000 Franken Einbussen wegen Corona

«Es ist wichtig, nebst Gewerbe und Kunstschaffenden auch an soziale Institutionen zu denken», spricht Stoop die Finanzhilfen an, die etwa Selbstständige oder Kunstschaffende erhalten haben. Auch soziale Institutionen bräuchten «Geld in der Kasse». Die Perspektive Solothurn-Grenchen wird zwar von einem Trägerverein, zu welchem über 50 Gemeinden gehören, unterstützt. Aber: Einen gewissen Teil im Budget holt die Suchthilfeorganisation selbst ein, durch Arbeitseinsätze. Die Klientel hilft etwa bei Umzügen, führt Transporte durch oder erledigt Gartenarbeiten.

Weil diese Einsätze von «einem Tag auf den anderen» gestrichen worden seien, so Stoop, habe vielen Klientinnen und Klienten wichtiges Zusatzeinkommen gefehlt. Gleichzeitig rechnet die Geschäftsleiterin der Perspektive mit Umsatzeinbussen von rund 100'000 Franken im ersten Halbjahr 2020.

Dazu kommt: Die Gassenküche, der Adler in Solothurn, bot während mehrerer Wochen gratis Take-away-Menus an. «Das war sehr wichtig», bekräftigt Stoop die Aktion, welche die Perspektive zur Unterstützung ihrer Klientel durchgeführt hat. Gleichzeitig habe der Adler mit Zeltbetrieb während der ganzen Zeit auch mehr gekostet, was wohl zu einem weiteren Verlust von rund 90'000 Franken führen werde. Mit dem Loch, dass die Krise in die Kasse gerissen habe, müsse man sich nächstes Jahr «auch über Sanierungsmassnahmen» – sprich einen möglichen Abbau – unterhalten, hält Stoop fest.

Anfrage bei Gemeinden für höhere Beiträge

Was laut Stoop aktuell auf Bundesebene überprüft werden sollte: Wie für Schülerinnen und Schüler sollte auch für die Klientel von «niederschwelligen Beratungsangeboten» – wie eben eine Suchthilfe – eine Ausnahme gemacht werden; etwa Abstandsvorgaben gelockert werden. Sodass beispielsweise im Adler wieder Normalbetrieb herrschen kann. Diese Änderung würde auch Abhilfe schaffen beim eingangs erwähnten Zelt, in welches die Anlaufstelle umgezogen ist. Am alten Standort hätte man, so rechnete es Stoop aus, um Schutzmassnahmen einhalten zu können, für die rund 160 Konsumationen am Tag 40 Stunden täglich geöffnet haben müssen. Deshalb sei der Umzug notwendig gewesen. Für die nächsten drei Monate hat die Perspektive zwar einen Standort nähe Westbahnhof erhalten. «Ein Zelt ist aber eben nur eine Sommerlösung.» Ab Herbst brauche man eine andere.

Nebst Bund seien aber auch Gemeinden gefordert. Mit diesen ist die Leiterin der Perspektive in Kontakt. Sie bittet um mehr Gelder, um den Verlust einigermassen abfedern zu können. Sie ist zuversichtlich, dass das Angebot von den Gemeinden weiter unterstützt ist. «Die Perspektive ist in der Krise nicht vergessen gegangen», berichtet Stoop von der Solidarität, die man erfahren habe. Die Genossenschaft Baseltor hat während acht Wochen einmal wöchentlich Essen für die Gassenküche geliefert, Lebensmittel wurden gespendet, und von der Glückskette und dem Lions Club Bucheggberg-Wasseramt hat man zusätzliche Gelder erhalten.

Trotz Solidarität: Wie es weitergeht, ist unklar. Stoop rechnet zudem damit, dass die Coronakrise auch zu zusätzlicher Klientel bei Suchthilfen führen wird. «Auch wenn es jetzt noch keinen Ansturm gibt», so die Geschäftsführerin, «die Krise wird auch mehr Sozialhilfe-Fälle und ausgesteuerte Personen hinterlassen», welche am Schluss auch im Teufelskreis einer Sucht und bei der Perspektive landen könnten.

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