Bürgerspital Solothurn

Krebspatientinnen nehmen gemeinsam den Kampf auf

Schweisstreibende Übungen bei guter Stimmung im kleinen Turnsaal des Bürgerspitals Solothurn.

Schweisstreibende Übungen bei guter Stimmung im kleinen Turnsaal des Bürgerspitals Solothurn.

Ein Fitnesskurs am Bürgerspital Solothurn gibt Brustkrebs-Patientinnen Hoffnung auf ein Überleben und aktiviert ihren Kampfgeist.

Die Musik hämmert mit 170 Schlägen pro Minute. Die Oberkörper von Frauen schnellen rasch nach rechts, nach links. Die Arme kraftvoll ausgestreckt, die Hände zu Fäusten geballt. Alle strahlen freudig. Heute sind 32 der 40 Frauen in die kleine Turnhalle des Bürgerspitals Solothurn gekommen, die am Präventionskurs gegen Krebs teilnehmen. Er begann vor einem Jahr im Rahmen des Brustkrebsmonats Oktober. 27- bis 75-jährige Frauen schwitzen und keuchen jeden Dienstagabend eine Stunde lang. Zu Techno-Rhythmen wie in einer Disco. «Es herrscht keine Depressivstimmung», berichtet die 59-jährige Anita, «hier sind die Leute glücklich.»

Die meisten der Frauen hatten vor drei bis vier Jahren Brustkrebs, manche vor zehn Jahren. Es gibt solche, die jetzt noch in der Behandlung stecken. Der Kurs steht auch offen für Patientinnen anderer Krebsarten. Gar eine Freundin können sie mitnehmen. Und selbst Frauen, die bloss vorbeugend mitmachen, nehmen teil. Auch wer nicht im Bürgerspital behandelt wurde, darf kommen. Nach einer Operation muss aber die Wundheilung abgewartet werden, bis man turnen kann.

Alle mögen die gut gelaunte Stimmung und fühlen sich getragen. «Hier ist es anders als bei andern Sportkursen», erklärt Anita, «alle gehen aufeinander zu, halten zusammen. Wenn zum Beispiel eine Neue kommt, welche die Operation noch vor sich hat, wird ihr sofort Mut zugesprochen. Oder wenn man weiss, dass eine wieder eine Mammografie hatte, erkundigen sich alle besorgt nach dem Ergebnis.» Auch Susi, 62, betont den Selbsthilfecharakter: «Wenn man diesen Kurs besucht, braucht es keinen Seelenklempner mehr.» Franziska Maurer, 55, Chefärztin der Frauenklinik, die den Kurs ins Leben gerufen hat, erklärt: «Sport reduziert Körperfett, in welchem Östrogen produziert wird. Und Östrogen ist für den Krebs wie Dünger bei einer Pflanze, wirkt also wachstumsfördernd. Grosse Studien zeigen, dass Frauen mit einem Body-Mass-Index (BMI) von bis zu 25 zu 67 Prozent weniger Brustkrebs bekommen als Frauen mit einem BMI von mehr als 25, also übergewichtige Frauen. Und die Rückfall-Wahrscheinlichkeit beim am häufigsten vorkommenden Brustkrebstyp geht um 50 Prozent zurück.» Zudem werde durch Sport das Immunsystem gestärkt, welches bei der Krebstherapie auch sehr wichtig sei, so Maurer.

Dass ein derart intensives Fitnesstraining angeboten wird, erklärt Maurer mit: «Wir kämpfen. Wir liegen nicht einfach nur am Boden und spüren. Unser Motto ist: Gemeinsam nehmen wir den Kampf auf». Die Übungen bewirkten auch Muskelaufbau, und dieser führe zu einem höheren Grundumsatz, sodass der Körper mehr Energie verbrenne, statt in Fettpölsterchen anzusetzen.

Gewicht zu reduzieren, ist das Ziel der 58-jährigen Silvia. Sie trainierte zwar schon früher: «Joggen, draussen Rad fahren, am Wochenende manchmal golfen.» Das war, bevor sie vor zweieinhalb Jahren Brustkrebs bekam. Durch Pausieren und die Krankheit wurde ihr Körper schlaffer, sie nahm zu. «Ich bringe es nicht mehr herunter», stellt sie fest. Immerhin habe es sich stabilisiert. Dass so viele Frauen wöchentlich zum intensiven Training kommen, liegt auch an der Instruktorin. «Véronique Dal Maso hat ein grosses Charisma», meint Cornelia Staub, Brustpflegeschwester der Frauenklinik und Ansprechperson für den Kurs, «sie kann die Frauen sehr gut motivieren.» Die 45-jährige Dal Maso kennt die Situation von Brustkrebsbetroffenen, denn ihre eigene Mutter hatte in ihrem Alter Brustkrebs. Sie ist sehr einfühlsam, gibt aber trotzdem Gas. Als praktizierende Tae-Bo-Trainerin bringt sie viele Impulse dieser Fitnessart mit ein, die auch Kampfsportelemente enthält. Ihr seien viele Wirkungen des Kurses aufgefallen: aufrechtere Körperhaltung, bessere Beweglichkeit und Koordination, grösseres Selbstwertgefühl, sogar buntere Kleidung. «Die Frauen erwarten kein Mitleid, sondern dass ich sie motiviere.» Dal Maso ist überzeugt: «Es ist nicht nur die Bewegung, welche eine Rolle spielt, um gesund zu bleiben, es ist auch der Spass, den sie haben. Die Freude am Leben.» Dass bei manchen ein Umdenken stattgefunden hat, dass sie sich mehr bewegen und weniger Alkohol und Tabak konsumieren, erklärt sie so: «Wenn du wirklich Sport treibst, hast du Glückshormone. Damit hast du weniger Lust auf diese Mittel.»

Der Hallenboden vibriert, die Frauen stampfen in schneller Folge mit den Beinen. Schweissnasse Nacken. Es ist warm geworden. Die Frauen holen die Matte, das Ende naht. Stretching. Nicht gemächlich, sondern immer noch zu rasender Musik. Alle wissen, dass Sport kein absoluter Schutz ist. Maurer meint dazu: «Leider kann man nicht sagen, man sei damit garantiert geschützt. Man kann aber sagen, wenn man Sport gemacht hat und Krebs bekommt, hat man wenigstens das gemacht, was man tun kann.»

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