«Krankhaft, schmutzig, pervers» – Staatsanwalt Christoph Fricker machte vor dem Solothurner Obergericht keinen Hehl daraus, was seiner Meinung nach vom Beschuldigten zu halten sei.

Der 46-jährige Oberaargauer Martin H.*, der vor Gericht einen schmuddeligen Eindruck machte, hatte ab Februar 2011 einen damals 2½-jährigen Jungen – sein Patenkind – während fast drei Jahren in Wohnungen im Thal und im Emmental sexuell missbraucht.

Gegen die im Mai 2016 am Amtsgericht Thal-Gäu ausgesprochene Freiheitsstrafe von 7 Jahren und 6 Monaten, die zugunsten einer stationären Massnahme aufgeschoben wurde, hatte der Mann Berufung eingelegt. Zwei der Vorhalte seien ihm zu Unrecht angelastet worden, namentlich die Punkte «Eindringen des Beschuldigten mit seinem Penis in den Anus des Geschädigten» und «Ejakulation auf das Gesicht des Geschädigten».

Die eigenen Taten fotografiert

Der Mann, der der mehrfachen Schändung, mehrfacher sexueller Handlungen mit einem Kind und der mehrfachen Pornografie schuldig gesprochen worden war, hatte seine Vergehen fotografisch dokumentiert.

Vor dem Obergericht bestritt er, dass ein bei ihm gefundenes Bild eines Penis und eines Anus ihn und das Opfer zeige. Er habe das Bild aus dem Internet heruntergeladen. Auf einer weiteren Aufnahme war der Kopf des Opfers mit weissen Flecken im Gesicht abgebildet. Bei den Flecken handle es sich nicht um Ejakulat, vielmehr seien sie durch Blitzlicht entstanden.

Oberrichter Daniel Kiefer hielt fest, dass der Beschuldigte bei der Einvernahme noch ausgesagt habe, er nehme an, dass es sich beim ersten der zwei Fotos um das Opfer handle. Martin H. jedoch entgegnete, dass ihm während einer halben Stunde von ihm hergestellte Bilder vorgelegt worden seien und er besagtes Foto daher nicht mehr richtig angeschaut habe.

Die ihm vorgeworfene sexuelle Handlung habe er nie vollzogen. «Das war die massivste Handlung, die auf den Bildern dargestellt war. Wieso haben sie ausgerechnet da nicht genau hingesehen?», drückte der Oberrichter seine Verwunderung aus.

Immer wieder gelogen

Zum zweiten der Bilder hielt der Angeklagte fest: «Es stellt keine Übergriffssituation dar, wir waren am Blödeln.» Der nicht eindeutig definierbare Körperteil am Bildrand sei «sicher kein Penis» und die weissen Flecken auf dem Gesicht kein Ejakulat. Sämtliche der 120 Fotos vom Opfer, die bei dem Mann sichergestellt wurden, wiesen einen sexuellen Hintergrund auf. Dem Oberrichter fiel es daher schwer, Martin H. Glauben zu schenken.

Zudem hielt der Staatsanwalt fest, dass der Beschuldigte in den vergangenen Jahren immer wieder gelogen habe und seine Schuld jeweils erst dann eingestanden habe, wenn sich die Schlinge um seinen Hals sehr eng zugezogen habe: «Sein Aussageverhalten stinkt gewaltig – warum sollte man ihm jetzt glauben?», so der Staatsanwalt.

Die Vertreterin des Opfers, Rechtsanwältin Melania Lupi, nannte die Taten von Martin H. «grausam, brutal und menschenverachtend». Er habe seine Handlungen gezielt und von langer Hand geplant. Bereits seit 2007 hatte der Mann Kinderpornografie konsumiert.

Durch Vermittlung der Caritas war der in einem Berner Kinderheim tätige Sozialpädagoge Pate des Opfers geworden. Mit dem vaterlosen Jungen hatte er gespielt, Ausflüge gemacht, ihm Spielsachen gekauft und so das Vertrauen des Kindes und dessen Sozialhilfe empfangenden Mutter erworben. Das Vertrauen habe er über Monate auf «abscheuliche» Art ausgenützt; die sexuellen Handlungen mit dem Jungen hatte er fotografiert.

Weiter zeugte er mit der Mutter des Opfers auf deren Drängen hin und nach einer bereits erfolgten Fehlgeburt ein Kind. Dies, als der Frau schon bekannt war, dass er ihren Sohn missbraucht hatte. «Nicht sehr intelligent» sei das gewesen, bemerkte Martin H. selber. Rechtsanwältin Lupi verlieh ihrer Verachtung Ausdruck: Sein Vorgehen sei «jenseitig»: «Der Beschuldigte hat eine Spur hinterlassen, die das Opfer nie vergessen wird.»

Der amtliche Verteidiger Ronny Scruzzi plädierte auf Freispruch von den beiden Anklagepunkten und eine Freiheitsstrafe von 3½ Jahren. Der Staatsanwalt hielt die vom Amtsgericht Thal-Gäu festgesetzte Freiheitsstrafe von 7½ Jahren für angezeigt. «Sollte ihn das Gericht wider Erwarten von den beiden Anklagepunkten freisprechen, wäre dies ein Revisionsgrund für den Staatsanwalt», legte er nach. Das Urteil wird heute Donnerstag eröffnet.

*Name von der Redaktion geändert.