Auf einen Kaffee mit...

Krach machen, anecken und Missstände anprangern - «so muss es sein»

Markus Allemann (50) mit Kaffee am Landhausquai.

Markus Allemann (50) mit Kaffee am Landhausquai.

Der Solothurner Markus Allemann ist Co-Geschäftsleiter von Greenpeace Schweiz. «Der Umwelt tut der Kompromiss selten gut», meint der 50-jährige Kampagnenprofi.

Er kommt pünktlich zum Treffpunkt am Landhausquai, steigt vom Velosattel und wirft seine Jacke lässig über die Aaremauer. Wir bestellen beim Sommerbeizli nebenan Kaffee, düsen zurück zur Mauer und suchen uns ein freies Plätzchen. Markus Allemann trägt ein kariertes Hemd, olivfarbene Jeans und Schuhe mit Kautschuksohlen, Modell urbaner Öko.

Der Fotograf schiesst kniend einige Bilder, Allemann grinst in die Linse. Der 50-Jährige ist gut gelaunt. Kein Wunder: Allemann hat Greenpeace wieder in die Schlagzeilen katapultiert.

Die Umweltorganisation tut das, was man gemeinhin von ihr erwartet: Krach machen, anecken und Missstände anprangern. «So muss es sein», meint Allemann zufrieden. Laute Kampagnen sind das Kapital von Greenpeace – und eine Spezialität des Solothurners. Seit sechs Jahren ist er Co-Geschäftsleiter des Schweizer Büros.

Gefährliche Aare

Zum Auftakt ein bisschen Smalltalk. Ein prächtiger Ort, finden Sie nicht? «Allerdings», sagt Allemann, und sein Blick schweift von der Flaniermeile runter zur Aare. «Ob alle wissen, wie gefährlich wir hier eigentlich leben?» Angebissen. Natürlich möchten wir wissen, warum sich Allemann sorgt. Wegen des Atomkraftwerks Mühleberg, erklärt er, dieses beziehe nämlich sämtliches Kühlwasser aus der Aare. «Wenn es da zu einem Zwischenfall kommt und Radioaktivität in den Fluss gelangt, ist das ganze Mittelland betroffen.»

Dann setzt Allemann gleich noch einen drauf. «Die Politik beschäftigt sich jetzt mit der Masseneinwanderung», sagt er. «Aber bald könnten wir mit einer Massenauswanderung konfrontiert sein.» Er ist kein Freund des Kompromisses, diesem gutschweizerischen Vehikel. «Der Umwelt tut der Kompromiss selten gut», sagt Allemann, der sich selbst als «ziemlichen Pragmatiker» bezeichnet. Der Pragmatiker spricht meist sanftmütig und demonstriert Lässigkeit, er kann aber auch in einen Redeschwall verfallen.

Stochert in vielen Gärten

Ob Bienenschutz, chemische Verseuchung oder Atomausstieg. Greenpeace stochert in vielen Gärten, gerne auch mit der Spitzhacke. Besteht da nicht die Gefahr einer Verzettelung? Markus Allemann schüttelt den Kopf. «Wir sind eingebunden in einem internationalen Netzwerk und führen nicht jede Kampagne selbst.» Die Umweltorganisation unterhält Büros in vierzig Ländern. In der Schweiz hat sie etwa 70 Mitarbeiter und 168 000 Mitglieder. Allemann ist stolz, dass die Schweiz innerhalb des Greenpeace-Netzwerks das drittbeste Spenderland ist.

Allerdings weiss der Kampagnenprofi: «Am Schluss sind es die Aktivisten, die Greenpeace stark prägen.» Mit den Aktivisten ist das so eine Sache. Aktuell stehen in der Schweiz rund 300 Personen regelmässig für Greenpeace im Einsatz. Sie klettern etwa, wie jüngst in Beznau und im Elsass, auf ein Atomkraftwerk und montieren Transparente. Was manche an das impulsive Gebaren einer Guerilla-Truppe erinnert, hat Allemann hinter den Kulissen sorgfältig geplant. Er kümmert sich um die «kommunikative Aufbereitung der Botschaften» und sorgt dafür, dass bei den Aktionen ein paar Kameras in der Nähe sind.

Gut geölte PR-Maschinerie

Die PR-Maschinerie von Greenpeace ist gut geölt. Die Organisation benutze Aktivisten für ihre Zwecke, monieren Kritiker. «Manchmal müssen wir sie sogar bremsen», kontert Markus Allemann. Jeder Aktivist werde vor einem Einsatz über rechtliche Konsequenzen informiert. «Auch Marco Weber», schiebt er nach – im Wissen, dass die Frage nach Weber ohnehin kommt.

Der Zürcher und 27 weitere Aktivisten waren in Russland zwei Monate inhaftiert, weil sie eine Ölplattform erklettert und so gegen die geplanten Bohrungen in der Arktis protestiert haben. «Ohne selbstlose Freiwillige und Aktivisten gäbe es Greenpeace nicht», betont Allemann abermals.

Bei Problemen stehe man voll und ganz hinter ihnen. Freilich wüsste die Öffentlichkeit wohl kaum über die Missstände in der Arktis Bescheid, wenn die Aktivisten nicht verhaftet worden wären. Allemann räumt ein, dass es unter solchen Umständen leichter falle, Empörung auszulösen. «Wir haben Grenzen aufgezeigt bekommen, die Härte der russischen Behörden stimmt ohnmächtig.»

Bevor Markus Allemann nach Zürich in die Greenpeace-Zentrale wechselte, war er Kampagnenleiter im Bundesamt für Gesundheit. In seine Ära fällt die Stop-Aids-Kampagne mit dem Slogan «Ohne Dings kein Bums». Die Praxis war ihm schon immer näher als die Theorie. «Unkonventionelles fesselt mich», sagt Allemann. Das Studium der Psychologie und der Ethnologie hat er abgebrochen. Er wurde Journalist und schrieb für den «Tages-Anzeiger» und die damals linksliberale «Weltwoche» über Asylthemen.

Vor 25 Jahren war er Mitgründer einer ökologischen Wohngenossenschaft im Jura; Allemann bezeichnet das als «basisdemokratischen Gehversuch».

Heute lebt er mit seiner Partnerin und den drei Kindern wieder in seinem Elternhaus in Solothurn. Er sei sesshafter geworden, sagt der Bartträger. Ist die Zeit der Experimente also vorbei? Mitnichten. Allemann liebäugelt gerade mit der Idee, sein dreimonatiges Sabbatical im Regenwald zu verbringen. «Natürlich ohne Handy und Laptop.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1