Dolorografie
Kopfschmerz gleicht einer Bildstörung

Schmerzempfindungen lassen sich nur schwer beschreiben. Sie entziehen sich, wie auch andere Gefühlsempfindungen, unserer Sprache. Nun gibt es ein neues visuelles Kommunikationsinstrument zur Beschreibung von Schmerz.

Fränzi Rütti-Saner
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Wenn Worte nicht genügen, Schmerzen zu beschreiben, könnten die Bilder aus der «Dolorografie» weiterhelfen. zvg

Wenn Worte nicht genügen, Schmerzen zu beschreiben, könnten die Bilder aus der «Dolorografie» weiterhelfen. zvg

Wer an Schmerzen leidet, kann diese häufig kaum in Worte fassen. Ein Umstand, der besonders die Therapie von chronischen Schmerzen erschwert, basiert diese doch auf den Schilderungen der Betroffenen.

Zwar lassen sich Schmerz verursachende Läsionen durch Röntgenbilder oder Computertomografie erfassen, doch lässt sich anhand dieser Methoden noch nichts über das subjektive Schmerzerleben sagen.

Es sind also neue Methoden gefragt, die die Beschreibung von Schmerz und somit dessen Therapie unterstützen. Ein überraschender und radikaler Vorschlag zur besseren Schmerzerfassung heisst Dolorografie und wird derzeit von der Gestalterin Sabine Affolter zusammen mit dem Oberarzt Dr. Niklaus Egloff im Ambulatorium der psychosomatischen Abteilung am Inselspital Bern versuchsweise eingesetzt.

Abstrakte Bilder für Schmerzen

Anhand von abstrakten, nicht figürlichen Darstellungen beschreiben ausgewählte Schmerzpatienten ihre Schmerzempfindungen. Die dazu eingesetzten Bilder zeigen Kratzereien, Kritzeleien, Blasen, Striche, bunte Flächen, aber auch diffuse Formen und Gebilde, farblich verfremdet, moduliert, vergrössert oder verkleinert.

Sie entziehen sich, wie der Schmerz, einer eindeutigen verbalen Beschreibung und regen deshalb umso mehr zum Sprechen und Beschreiben an und rufen Assoziationen hervor. Die Bilder helfen den Patienten die «Leerstellen» in ihrer verbalen Schilderung auszufüllen, Differenzierungen und Spezifizierungen vorzunehmen.

«Zudem haben wir festgestellt», sagt Affolter, «dass die Bilder eine wichtige Stütze für eine strukturierte, gut gegliederte Beschreibung des oft dynamischen Schmerzverlaufs sein können.»

Die rund 100 Bilder, aus denen die Patienten jene auswählen, welche ihrem Schmerzempfinden am genauesten entsprechen, wurden von Sabine Affolter zusammen mit ihrer Mitstudentin Katja Rüfenacht vor einem Jahr an der Hochschule der Künste Bern hergestellt und werden seither laufend von Affolter überarbeitet.

Mehr Informationen über Schmerz

«In der medizinischen Landschaft steht die Dolorografie natürlich ziemlich schief drin», sagt Affolter, «so ist es zwar Konsens, dass sich Schmerzen nicht objektivieren lassen, dennoch wird mit anderen Hilfsmitteln häufig genau dies versucht.»

Egloff, seit 2002 als Internist im Kompetenzbereich Psychosomatik an der Insel tätig, ist von der Dolorografie begeistert: «Wir erhoffen uns auch neue Informationen und Erkenntnisse über die Regelhaftigkeit jener chronischen Schmerzstörungen zu erhalten, welche sich bisher medizinisch nicht befriedigend verstehen lassen.»

Selber arbeitet er mit sogenannten Pain Drawings. Schematische Darstellungen, in welche die Patienten die Stellen ihrer Schmerzen einzeichnen können.

Die beiden Forschenden untersuchen nun, wie sich die Dolorografie und Pain Drawings kombinieren lassen. Überhaupt sieht Affolter ein besonderes Potenzial darin, die Dolorografie in verschiedenen therapeutischen Feldern als Einstiegsinstrument einzusetzen – dort wo Worte alleine nicht genügen.

www.dolorographie.ch