Er ist kein Schreibtischtäter. Gerade deswegen hat er die Berufsbildung im Kanton Solothurn in den letzten 13 Jahren wesentlich mitgeprägt: Lehrstellenförderer Urs Schmid. «Als Sekundarschullehrer war es meine Faszination, Schülerinnen und Schüler in eine Berufslehre hineinzubringen», sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Diese Faszination begleitete ihn auch als Projektleiter Berufsbildung/Lehrstellenmarketing, zunächst beim Amt für Berufsbildung (von 2004 an) und dann im Auftrag des Kantons beim kantonalen Gewerbeverband (seit 2008).

Er war wesentlich beteiligt an der Gründung mehrerer Berufsinformationsveranstaltungen, die sich einen festen Platz im Solothurner Jahreskalender erobert haben (siehe Text unten). Mit Berufsbildungsprojekten wie «Rent a Boss» erhalten Schülerinnen und Schüler einen praktischen Einblick in die Arbeitswelt. Aktiv beteiligt war er am Aufbau des Berufslernverbunds Thal-Mittelland, der es selbst kleinen Firmen ermöglicht, Lehrstellen anzubieten. Jetzt geht er in Pension. Er hält Rückschau, vor allem aber benennt er die Herausforderungen für die Berufsbildung im Kanton.

Sie können entspannt in Pension gehen. In Solothurn gibt es zurzeit mehr als genug Lehrstellen?

Urs Schmid: Wir haben numerisch gesehen sogar zu viele Lehrstellen. Wir haben aber nicht für jeden Schulabgänger eine Lehrstelle. Das kann aber auch nicht das Ziel sein. Wir gehen ja davon aus, dass jeder junge Mensch sich seine Lehrstelle selber sucht und nicht, dass wir ihm diese auf dem Silbertablett servieren. Zu wenige Lehrstellen haben wir bei den zweijährigen Attestausbildungen. Hier müssen wir noch Überzeugungsarbeit bei den Unternehmen leisten. Wenn ein Betrieb zum Beispiel niemanden für die drei- oder vierjährige Lehre findet, kann es durchaus Sinn machen, einen Attestlernenden anzustellen, der dann vielleicht später noch die drei- oder vierjährige Berufsbildung absolvieren kann.

Ist das nicht vor allem ein Wunsch der Berufsbildung – und weniger der Wirtschaft?

Das war eine Zeit lang so. Jetzt aber findet ein Umdenken statt. Die Wirtschaft hat mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen und ist sich bewusst, dass sie ihren Nachwuchs selbst ausbilden muss. Es wächst deshalb die Bereitschaft innerhalb der Betriebe, schulisch vielleicht etwas weniger starke Schüler anzustellen und diese dann sukzessive aufzubauen. Dass dies gelingen kann, zeigen etliche Beispiele aus verschiedenen Branchen. Junge Leute können sich schulisch entwickeln und öfters handelt es sich dabei um junge Leute mit grossen manuellen Fähigkeiten.

Es ist für etliche Betriebe also alles andere als einfach, gut qualifizierte Lernende für anspruchsvolle Lehrstellen zu finden?

Bei vielen Leuten hat die Kantonsschule nach wie vor einen hohen Stellenwert. Oder auch eine weiterführende Schule wie die FMS. Gerade auch aufgrund der Tatsache, dass wir zurzeit eher weniger Schulabgänger haben, ist es sehr wichtig, dass wir Schüler und Eltern über die Möglichkeiten der Berufsbildung informieren. Zusammen mit der Berufs- und Studienberatung haben wir deshalb jetzt begonnen, an Elternabenden in der 5. und 6. Klasse den Eltern aufzuzeigen, dass eine Berufslehre keine Sackgasse darstellt. Eine Lehre ist ein Einstieg in eine mögliche Karriere. Den Schülern in den oberen Klassen wollen wir konkrete Erlebnisse in der Berufswelt ermöglichen. Damit werden auch Gefühle angesprochen. Darum geht es nämlich immer, um Gefühle und Emotionen.

Wie schaffen sie solche Erlebnisse?

Seit einigen Jahren bereits führen wir den Transportlogistiktag im Gäu durch. Die Schülerinnen und Schüler können aus zehn Berufen rund um die Logistikbranche jeweils zwei auswählen und diese dann innerhalb eines halben Tages genauer kennenlernen. Wenn auch nur für wenige Stunden: Die Schüler erleben hier sehr konkret, wie die Berufswelt tickt. Im Sinne einer Weiterentwicklung haben wir letztes Jahr im Juni erstmals die «Erlebnistage Beruf» durchgeführt. Orientiert haben wir uns dabei an der gläsernen Werkstatt in Baden-Württemberg. Dabei erhalten die Jugendlichen während jeweils eines Tages einen konkreten, physisch erlebbaren Eindruck von einem oder mehreren Berufen. Für den Juni 2017 haben sich bis jetzt 50 Betriebe angemeldet, das Ziel sind 100. Alle Schulen und Lehrpersonen sind informiert.

Eine Herausforderung für die Betriebe ist sicher auch, dass sich junge Leute heute nicht mehr einfach alles sagen lassen …

Wir stellen fest, dass gerade die Lernenden der drei- und vierjährigen Lehre vieles hinterfragen. Sie sind kritisch in einem positiven Sinn. Die Unternehmen müssen die jungen Leute ernstnehmen und ihnen das Gefühl geben, dass sie ein Teil des Betriebs sind. Viele Betriebe haben begriffen, worum es geht. Eine schöne Geste ist es zum Beispiel, die Jugendlichen zu einem Betriebsanlass einzuladen, auch wenn sie ihre Lehre noch nicht begonnen haben.

Die strikte Ausrichtung der Sek P auf das Gymnasium hat Ihre Arbeit wohl nicht gerade erleichtert?

Wir hatten tatsächlich keine Freude daran, dass bei der Sek P das Thema Berufsorientierung nicht eingebaut worden ist. Dabei wissen die jungen Leute in diesem Alter oft noch gar nicht, welche Richtung sie später einschlagen wollen. Wenn sie sich nach der zweiten Sek P für eine Lehre entscheiden, fallen sie irgendwie zwischen Stuhl und Bank. In der dritten Sek E ist die Berufsfindung bereits gelaufen. Wenig Sinn macht auch der Wechsel ans Gymnasium, wenn jemand nach einem Jahr wieder geht. Jetzt ist man daran, Korrekturen vorzunehmen. Für die Sek-P-Schüler wollen die beiden Kantonsschulen in Solothurn und Olten einen Freikurs Berufsfindung aufbauen. Wirtschaftsleute und die Berufs- und Studienberatung erhalten hier eine Möglichkeit, Sek-P-Schüler an die Berufsorientierung heranzuführen. Diese Schüler können ihre obligatorische Schulzeit dann problemlos mit der dritten Sek E beenden.

Gibt es solche Berufsfindungs-Freikurse auch an den Sek-P-Standorten ausserhalb der Kantonsschulen?

Zurzeit ist das nicht geplant. Solche formell eingerichteten Freikurse sind hier auch weniger wichtig, weil hier ein gewisser informeller Austausch mit dem Berufsfindungsunterricht der Sek E und Sek B stattfinden kann.

Was die Sek E und Sek B betrifft: Ausbilder klagen immer wieder darüber, dass etliche Absolventen schulisch nicht genügen. Was ist Ihre Einschätzung?

Sek E und Sek B sind nicht mehr vergleichbar mit den früheren Abteilungen der Sekundarstufe I. Das führt zu Unsicherheit bei vielen KMU. Generell stellen wir fest, dass die Absolventen der Sek B vor allem in der Mathematik merkliche Schwächen haben, aber auch im Deutsch und bei den Fremdsprachen. Innerhalb des Berufslernverbunds Thal-Mittelland bin ich für die Auswahl der Strassentransportfachleute zuständig. Das sind vor allem Sek B-Schüler. Beim Eignungstest, den wir durchführen, erzielten die Oberschüler früher bessere Resultate.

Ein Drittel der Sek-B-Schüler findet nach der obligatorischen Schulzeit keine Lehrstelle. Ist das nicht bedenklich?

Ja, das ist bedenklich. Es gibt wohl verschiedene Ursachen dafür. Zum einen ist die Arbeit des Sek-B-Lehrers sehr anspruchsvoll, er hat ein sehr breites Leistungsspektrum in seiner Klasse. Zum anderen haben viele Sek-B-Schüler zu hohe Ansprüche und überzeichnete Vorstellungen von ihren Fähigkeiten. Sie bewerben sich auf die falschen Stellen und werden dann auf dem Lehrstellenmarkt nicht fündig. Der Berufsfindungsunterricht genügt hier oft nicht, um den jungen Leuten ein realistisches Bild von sich selbst und ihren Wunschberufen zu vermitteln.

Welche Verbesserungen schlagen Sie vor?

Der Berufsfindungsunterricht braucht eine hohe Orientierung an der Praxis. Vor einigen Jahren zum Beispiel haben wir das Berufsbildungsmodul «Rent a Boss» eingeführt, das von vielen Schulen sehr geschätzt wird. Die Lehrpersonen können wählen zwischen der Bewerbungswerkstatt und der Fragerunde mit dem Boss. In der Zwischenzeit sind wir ein Pool von 50 Bossen, die immer wieder angefragt werden. Manchmal gehen wir zu zweit oder zu dritt in eine Klasse. Bei diesen Gelegenheiten können wir den Schüler sehr praxisnah aufzeigen, worauf es ankommt.

Etliche Sek-B-Schüler sind auf Brückenangebote nach der obligatorischen Schulzeit angewiesen ...

Wir haben heute zwei Brückenangebote, die sich in der Praxis sehr bewähren: der Startpunkt Wallierhof und das Berufswahlvorbereitungsjahr in Olten. Letzteres ersetzt die frühere Vorlehre, die ich im Kanton mitprägen durfte. Beide Angebote haben sowohl einen schulischen Teil auch einen praktischen Teil in einem Betrieb. Die beiden Brückenangebote haben einen guten Einfluss auf die Lernenden und auch auf die Betriebe. Durch unsere Unterstützung konnten wir viele Betriebe dazu bewegen, einen Ausbildungsplatz zu schaffen. Sie geben den jungen Leute so die Möglichkeit, sich auf eine künftige Lehre einzustimmen und eine realistische Sicht der Berufswelt zu erlangen. Als besonders sinnvoll erweisen sich die Brückenangebote für junge Migranten. Sie können hier gewisse schulische Defizite aufarbeiten.

Wie beurteilen Sie die steigenden Anforderungen in der Berufswelt?

Stark beschäftigt uns vor allem die Digitalisierung, die vor der Berufsbildung natürlich nicht Halt macht. Die Digitalisierung macht mir manchmal etwas Angst, weil dadurch gerade eher niederschwellige Jobs wegfallen werden. In der Logistikbranche etwa, oder auch im Detailhandel. Aber auch in der Autobranche: Die Mechatroniker, die eine anspruchsvolle vierjährige Lehre absolvieren, werden auch künftig keine Probleme haben. Anders aber sieht es mit dem Automobilfachmann oder dem Automobilassistenten aus. Wir müssen die Leute irgendwo einsetzen können. Trotz oder gerade wegen der Digitalisierung: Wir müssen weiterhin Sorge tragen zu einer hochstehenden Berufsbildung.

Nachfolger von Urs Schmid als Projektleiter Berufsbildung/Lehrstellenmarketing ist Thomas Jenni. Der 54-Jährige ist Automechaniker und Betriebsökonom. Er wohnt mit seiner Familie in Günsberg.