Kolumne
Der Strafrichter

Konrad Jeker
Konrad Jeker
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Einer der schrecklichsten Berufe, die ich mir vorstellen kann, ist derjenige des Strafrichters. Der Strafrichter entscheidet darüber, ob ein Angeklagter schuldig oder unschuldig ist. Hält er den Angeklagten für schuldig, was in den meisten Fällen zutrifft, muss er ihn verurteilen und auch bestrafen. Er ist ja schliesslich Strafrichter. Wenn das Gesetz eine Freiheitsstrafe vorschreibt, muss er sie aussprechen, obwohl er weiss (oder nach einem Besuch in der Justizvollzugsanstalt JVA Solothurn ahnen könnte), dass es keine primitivere, sinnlosere und teurere Strafe gibt, als Menschen einzusperren.

Dem könnte man entgegnen, ein schuldiger Täter habe ja auch eine Freiheitsstrafe verdient und der Strafrichter sorge bloss für ausgleichende Gerechtigkeit. Das greift aber schon deshalb zu kurz, weil der Strafrichter ja nicht unfehlbar ist und bisweilen auch Unschuldige bestraft. Doch selbst wenn das ausgeschlossen wäre, verursacht die Freiheitsstrafe Leid auch bei Unschuldigen. Das Urteil stigmatisiert nämlich nicht nur den Täter, sondern auch seine Angehörigen.

Mit der Freiheitsstrafe und mit der allenfalls damit verknüpften Landesverweisung reisst der Strafrichter Familien auseinander und zerstört mit den hohen Verfahrenskosten nebenbei auch noch deren finanzielle Existenz. Kollateralschaden. Selbst den Opfern von Straftaten wird der Strafrichter übrigens kaum je gerecht. Den Opfern, die gerne im Namen der Gerechtigkeit sprechen, sind die Strafen zu mild und die Entschädigungen zu knapp. Zusammengefasst verursacht der Strafrichter mit jeder Freiheitsstrafe menschliches Leid, und das nicht nur bei den Prozessbeteiligten, sondern fast immer auch bei Dritten, die sich nicht einmal dagegen wehren können und die nicht einmal angehört werden.

Dennoch streben viele Juristen ein solches Richteramt an. Mögliche Gründe sind das flache Anforderungsprofil oder die steil und leistungsunabhängig verlaufende Lohnkurve. Das Amt garantiert attraktive Arbeitsbedingungen verbunden mit Sozialprestige und unvergleichlicher Macht über Menschen. Aber selbst solche Anreize können kaum die Last aufwiegen, die mit der Verhängung einer Freiheitsstrafe selbst dann verbunden ist, wenn der Verurteilte tatsächlich schuldig ist.

Der wahre Grund liegt vielleicht darin, dass die Strafjustiz so organisiert ist, dass persönliche Verantwortlichkeit nicht zugewiesen werden kann. Es herrscht die geteilte Verantwortungslosigkeit. Längere Freiheitsstrafen werden durch mindestens drei Strafrichter in geheimer, nicht protokollierter Beratung gefällt. Urteile können an höhere Gerichte weitergezogen werden, wo ein anderes Richtergremium geheim berät. Verantwortlich ist somit nie der einzelne Strafrichter, sondern immer das System.

Darauf kann sich der Strafrichter rechtlich berufen und verlassen. Wie er die Mitwirkung an einem freiheitsentziehenden Urteil mit sich selbst ausmacht, ist mir vor allem deshalb ein Rätsel, weil jeder Strafrichter ohne Zweifel weiss, dass jedes seiner Urteile ein Fehlurteil sein kann.

Konrad Jeker, Strafverteidiger, Solothurn