Um es vorwegzunehmen: Es sind sicher 5 km, sprich fünf Kilometer, anthrazitfarbenes Papierklebeband, das sich hier wie breite schwarze Tuschebalken zu einer in den Raum greifenden, zur dreidimensionalen Zeichnung aufbaut. Es beginnt im Hauptraum rechts und links, wächst an und von den Wänden wie lineares Gerüst in den Altarraum hoch und zieht sich verdichtend und überschneidend in den Chorraum. Das Klebeband fächert sich auf, um hier aus einer verwebten Struktur das Zentrum, den Schnittpunkt aller Linien unter dem Stifterwappen zu finden.

Seltsam und bewegend

Es ist eine seltsame Installation hier im Haus der Kunst, eine seltsam bewegende und berührende zugleich in der Fremdheit des Moments und in der Stille des vertrauten Ortes mit den weissen Wänden, hohen Decken, der einstigen kontemplativen Umgebung. Wie eine mit einem breiten Tuschepinsel den Wänden entlang in den Raum gezeichnete Räumlichkeit, die mehr ist als ein Raum, zur Idee eines inneren Raumes wird, zu einer Intervention, die den jeweiligen Raum fokussiert, ihn sich zu eigen macht, eine ihm eigene Dynamik entwickelt, um diese dann visuell zu transformieren.

Besonders im Chorraum, wenn die schwarzen Papierklebebandstreifen zu einem Schlussakkord im leisen Rhythmus zusammenwirken, bildet sich ein wirkungsmächtiger Moiré-Effekt, der die Betrachtenden mit einbezieht, sie die Kraft dieses Momentes spüren lässt. Letztendlich sind Monika Grzymalas Arbeiten auch eine Eroberung des Raumes mit einfachen, linearen Mitteln und komplexen Strukturen, wie die unterschiedlich langen, an die Wand geklebten, im Raum straff gezogenen oder dezent schwingenden Papierklebebandstreifen. Oder wie es die Künstlerin selber nennt: «Von der Hand geführtes Denken», das sich zwischen Intuition und Konzentration installativ immer neu findet und erfindet.

Jedes Werk entsteht vor Ort

«Raumzeichnung» nennt die in Berlin lebende und arbeitende, 1970 geborene Monika Grzymala ihre Arbeiten, die meist aus Papierklebeband vorgegebene Räume bespielen. Jedes Werk entsteht vor Ort, aus dem Ort heraus und wird höchstens vorher als Grundidee konzipiert, durchdacht und bleibt in der Momenthaftigkeit ein Unikat; so wie die hier «Solitär» genannte Installation, mit der die Künstlerin auf den Ort des Einzelnen zur Musse hinweist. Es geht ihr letztlich immer um die Beziehung zwischen den Dingen, nicht darum, Räume zu füllen, sondern Räume zu formen, Räume neu zu formen, das, was im Raum ist, was den Raum ausmacht – Bewegung, Licht, Luft, Atmosphäre – miteinzubeziehen und mit den linearen Momenten zu formulieren.

Eigentlich ist die in Polen gebürtige und in Deutschland aufgewachsene Künstlerin gelernte Steinbildhauerin. Später studierte sie an den Kunsthochschulen in Karlsruhe, Kassel und Hamburg und avancierte mittlerweile zu einer der ungewöhnlichsten Installations-Künstlerinnen mit internationalen Ausstellungserfolgen. Stets bleibt Monika Grzymala ihrer künstlerischen Haltung treu, ist sie in ihren Arbeiten authentisch, in denen die Steinbildhauerin nachklingt: sei es die zeichnerische Geste oder die Linienführung, um aus dem Vorhandenen etwas Neues im Raum oder aus dem Raum heraus zu imaginieren. Was nach Ausstellungsende bleibt, ist ein Bild, die Erinnerung – und ein riesiger Materialknäuel.

Bis 3. Juni 2017. Geöffnet: Do-Fr, 17-20 Uhr; Sa-So, 13-17 Uhr.