Regierungsrat Solothurn
Klaus Fischer: «Schule braucht eine gewisse Gestaltungsfreiheit»

Acht Jahre führte Klaus Fischer das Bildungs- und Kulturdepartement – am 31. Juli tritt er als Regierungsrat ab. Im Interview blickt er auf die Höhen und Tiefen einer ereignisreichen Amtszeit zurück.

Elisabeth Seifert und Marco Zwahlen
Merken
Drucken
Teilen
Klaus Fischer: Freude auf einen weniger straffen Zeitplan.

Klaus Fischer: Freude auf einen weniger straffen Zeitplan.

Der letzte Arbeitstag naht, Ihr Pult leert sich, jetzt heisst es endgültig Abschied nehmen ...

Klaus Fischer: Dass ich wirklich aufhöre, wurde mir erst nach dem letzten Sessionstag Anfang Juli bewusst. Bis dahin gabs noch eine Menge zu tun. Ein wichtiger Meilenstein war Anfang Juni die Präsentation der Ergebnisse zum Schulversuch Spezielle Förderung, die auf grundsätzliche Zustimmung stossen. Seit letzter Woche gibt es verschiedene Abschiedsanlässe. Auf Schloss Waldegg etwa organisierte mein Departement ein grosses Fest. Und diese Woche hat der Gesamtregierungsrat eine dreitägige Reise in den Kanton Thurgau unternommen, der Heimat von Frau Landammann Esther Gassler.

Nach acht Jahren treten Sie als Bildungs- und Kulturdirektor ab – welche Bilanz ziehen Sie?

Ich bin mit dem Bekenntnis angetreten, dass alle Schüler nach der obligatorischen Schulzeit eine Zukunft haben müssen. Die Berufsbildung war ein Schwerpunkt meiner achtjährigen Regierungstätigkeit. Und ich bin stolz darauf, dass wir heute im interkantonalen Vergleich nur sehr wenige Schulabgänger ohne Anschlusslösung haben. Dies ist besonders auf sehr gute Coaching-Angebote zurückzuführen. Die verbesserte Vorbereitung auf den Eintritt ins Berufsleben bildete auch einen Schwerpunkt der Sek-I-Reform. Für mich persönlich sehr spannend war hier die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft. Weiter freut mich ganz besonders, wie gut sich die Fachhochschule Nordwestschweiz entwickelt. Es machte mich sehr stolz, dass ich Ende Juni den neuen Campus am Standort Olten einweihen durfte.

Bei der Berufsbildung haben Sie vermehrt mit dem Volkswirtschaftsdepartement und dem Departement des Inneren zusammengearbeitet. Ist diese Vernetzung neu?

Eine solche Zusammenarbeit ist nicht selbstverständlich. Sie hat sich aber gerade beim Thema Jugendarbeitslosigkeit sehr bewährt. Wichtig scheint mir diese Zusammenarbeit, und zwar unter allen Departementen, auch mit Blick auf die anstehenden Sparmassnahmen. Hier gilt es zunächst, sämtliche Sparideen auf den Tisch zu legen und im Anschluss daran eine Strategie zu entwickeln. Eine solche sollte die Standortvorteile des Kantons nicht aus den Augen verlieren. Dazu gehören die Bildung und auch die Kultur. Mit Sparmassnahmen in diesem Bereich muss man vorsichtig sein.

... die Kulturausgaben sind auf Ihre Veranlassung hin doch sogar etwas erhöht worden?

Kulturelle Institutionen mit einer kantonalen Ausstrahlung werden heute verstärkt unterstützt. Die Kulturausgaben sind mit jährlich sieben bis acht Millionen Franken im Vergleich mit anderen Kantonen aber immer noch sehr tief. Mit der moderaten Aufstockung ging es mir aber darum, dass sich die Politik zur Kultur bekennt. Es ist bekannt, dass ein reiches Kulturleben ein Standortvorteil ist. Solothurn verfolgt im Allgemeinen eine eher defensive Kulturpolitik. Es können entsprechende Projekte eingereicht werden, die der Kanton dann bei einer positiven Beurteilung mit Lotteriefondsgeldern unterstützt. Während der letzten acht Jahre hat mich neben den etablierten Kulturanlässen vor allem auch das reiche Kulturleben in den Dörfern tief beeindruckt. Amateure und Profis erarbeiten hier immer wieder tolle Produktionen.

Zurück zur Bildung: Neben Erfolgen gabs auch Niederlagen. Das Parlament stoppte Ende 2010 die definitive Einführung der Speziellen Förderung per August 2011. Was haben Sie falsch gemacht?

Vorausschicken möchte ich, dass wir wie erwähnt jetzt auf einem guten Weg sind. Zudem hat die Einführung der Speziellen Förderung überall in der Schweiz mit Widerstand zu kämpfen. Im Vergleich dazu sind die Probleme in Solothurn gering. Das Parlament hatte sich 2005 einstimmig für die Spezielle Förderung ausgesprochen. Mit dem Verordnungsveto von Ende 2010 ging es vor allem um die Frage der Ressourcen. Zudem ist es uns im Departement zu wenig gelungen, die Lehrerschaft und auch die Gemeindebehörden von der Umsetzbarkeit des Projekts zu überzeugen. Eine gute Kommunikation ist einfach alles.

Haben Sie die Brisanz des Geschäfts unterschätzt?

Ja vielleicht. Die Spezielle Förderung und damit die Integration von schwächeren Schülern in die Regelklassen bedeutet einen Paradigmenwechsel. Die Lehrer müssen mit einer grösseren Heterogenität zurecht kommen. Ich war aber damals oft in Schulklassen, in denen schon lange nach dem Prinzip der Speziellen Förderung unterrichtet worden ist. Und diese Klassen machten vor allem gute Erfahrungen. Im Rückblick muss ich sagen: Das Verordnungsveto des Parlaments war für das Gedeihen des Projekts eigentlich ganz gut. Die Akzeptanz ist durch die Einbindung von Lehrerschaft und Gemeinden viel breiter. Zudem haben wir die Umsetzung vereinfacht.

Auffallend ist, dass Bildungsfragen heute zu breiten und kontroversen Diskussionen in der Öffentlichkeit führen. Wie gehen Sie damit um?

Ich finde es toll, in einem Gebiet politische Verantwortung zu tragen, wo derart engagiert diskutiert wird. Einen Grund für dieses Interesse an Bildungsfragen sehe ich in der gesellschaftlichen Entwicklung. Wenn Probleme in Verbindung mit jungen Menschen auftauchen, dann wird schnell die Schule als neutrale Stelle angefragt. Sie soll für eine Lösung der Probleme sorgen. Man fragt weniger nach der Verantwortung der Eltern. Das kann man gut finden oder nicht, es ist einfach so.

Diese gesellschaftliche Entwicklung ist dann auch ein Grund für die immer wieder beklagte grosse Anzahl an Reformprojekten ...

So viele Reformen sind das gar nicht. Wir haben vor allem die Reform auf der Sekundarstufe I, die 20 Jahre unterwegs war, die Frühfremdsprachen, die Spezielle Förderung und die Geleiteten Schulen.

Das ist einiges, zumal alle Reformen gleichzeitig umgesetzt werden. Und jetzt kommt auch noch der Lehrplan 21 dazu. Können Sie die Reformmüdigkeit verstehen?

Die Herausforderungen an die Schule werden grösser und das ist für die Lehrer nicht einfach. Das kann ich nachvollziehen. Auffallend aber ist, dass es in Schulen mit starken Schulleitungen, die gut mit den Gemeindebehörden zusammenarbeiten, wenige Probleme gibt. Aber nochmals: Ich sehe das Problem der Quantität nicht. Es sind ja auch nicht alle Schulstufen von jeder Reform betroffen.

Der administrative Aufwand aber nimmt doch allgemein zu?

Ja, das sehe ich auch so. Der Grund für diesen zunehmenden administrativen Aufwand ist die Forderung, die Leistung der Schule zu überprüfen. Die gleiche Entwicklung ist dabei nicht nur in der Bildung, sondern auch im Sozialbereich und im Bauwesen zu beobachten. Die Forderung nach einer umfassenden Evaluation der Schule kam übrigens vom Parlament. Das Bildungsdepartement ist noch so froh, wenn die Evaluationen wieder etwas reduziert
werden.

Neben der Schule wird auch die Leistung der Schüler stärker überprüft. Es gibt immer mehr Tests. Müsste man hier nicht auch Gegensteuer geben?

Früher war die Leistung der Schüler sehr unterschiedlich, je nachdem welche Schule sie besuchten oder von welchem Lehrer sie unterrichtet wurden. Um das Niveau der Schulen anzugleichen und auch weiterhin zu erhalten, braucht es Klassen- und Schulübergreifende Tests. Das wird von der Wirtschaft und auch von der Politik gefordert. Es ist ungeschickt, wenn nur noch im Hinblick auf solche Tests unterrichtet wird und zudem ständig mit weiteren Tests überprüft wird, ob die Schüler das erforderliche Niveau bereits erreicht haben. In der Schweiz haben wir manchmal die Tendenz, etwas perfekt umsetzen zu wollen. Es braucht eine gewisse Gestaltungsfreiheit in der Schule. Auch das ist ein Qualitätsmerkmal.

Hand aufs Herz: Können Sie heute mit guten Gewissen jemandem empfehlen, Lehrer zu werden?

Sicher. Es gibt doch nichts Schöneres, als jungen Menschen etwas beizubringen. In allen Berufen müssen heute im Übrigen hohe Anforderungen erfüllt werden. Als Gymnasiallehrer habe ich die Auseinandersetzung mit den Schülern immer sehr geschätzt. Die Arbeit mit immer wieder neuen Klassen erhält jung. Und trotz aller Anforderungen hat ein Lehrer heute immer noch einen grösseren Freiraum als die meisten anderen Berufsleute. Die Attraktivität des Lehrerberufs zeigt sich auch in den hohen Anmeldezahlen für ein Studium an der Pädagogischen Hochschule.

Was werden Sie nach Ihrem Ausscheiden aus der Regierung per 31. Juli am meisten vermissen?

Wie schon als Lehrer habe ich auch als Regierungsrat die breite Palette an Aufgaben sehr geschätzt. Jeder Tag brachte wieder neue und interessante Herausforderungen. Im Bildungs- und Kulturdepartement ist zudem alles immer im Fluss. Eine Aufgabe ist nie wirklich abgeschlossen, das ist spannend. Vermissen werde ich weiter auch die Regierungssitzungen. Wir hatten heftige, aber immer sehr offene Gespräche. Zudem konnte ich mich immer auf absolute Diskretion verlassen.

... und was werden Sie weniger vermissen?

Den sehr straffen Zeitplan. Ich freue mich darauf, dass ich nicht mehr so stark eingebunden bin.

Wie werden Sie die nächsten, regierungsfreien, Monate verbringen? Ein Mandat bei den Solothurner Filmtagen haben Sie ja bereits ...

Insgesamt sind es mittlerweile acht Mandate. Diese sind übrigens alle ehrenamtlich. Neben den Filmtagen werde ich Einsitz nehmen im Vorstand des Demenz-Zentrums Passwang. Weiter bin ich neu Stiftungsratspräsident des Museums für Musikautomaten in Seewen. Dem Theater Dornach werde ich als Verwaltungspräsident zur Verfügung stehen. Als Vorstandsmitglied werde ich mich auch für die halbstaatliche Schule Muri Stalden einsetzen. Neben diesen Mandaten möchte ich mich schliesslich dem wissenschaftlichen Arbeiten widmen und auf Reisen gehen.

In den nächsten Tagen werden wir auch Interviews mit den abtretenden Regierungsräten Christian Wanner und Walter Straumann publizieren.