Wichtige Wahlen standen auch 1983 vor der Tür: «Am 23. Oktober wird das Solothurner Volk seine Vertreter (7 National- und 2 Ständeräte) in der Bundesversammlung in Bern neu zu bestimmen haben. An einer sorgfältig vorbereiteten – von über 600 Personen besuchten - Delegiertenversammlung hat die FdP in demokratischer Auswahl ihre Kandidaten bestimmt.» Diese Zeilen finden sich im Wahlprospekt der FdP für die Nationalratswahlen im Jahr 1983. Dort verwies der damalige Parteipräsident auch noch darauf, dass die Partei bei den letzten Kantonsratswahlen 1981 einen Wähleranteil von 43 Prozent erreicht habe. Tempi passati: Die gelbe Farbe, die den Wahlprospekt damals umrahmte, ist ebenso verschwunden wie der seinerzeitige hohe Wähleranteil. Der Kanton Solothurn verfügt nicht mehr über sieben, sondern nur noch über sechs Vertreter im Nationalrat, und auch Parteiversammlungen mit über 600 Teilnehmenden sind nicht mehr an der Tagesordnung.

Beim Aufräumen fielen mir letzthin die Wahlprospekte für die eidgenössischen Wahlen vor 36 Jahren in die Hände. Neben vielen Allgemeinplätzen waren auch einzelne konkrete Forderungen auszumachen. Die FdP verlangte: «Man darf nicht nur vom Umweltschutz reden. Jeder muss etwas dafür tun». Die beiden Linkspartei-en Poch und SAP propagierten eine Herabsetzung des AHV-Alters für Frauen auf 60 Jahre. Die Frage, ob die Schweiz UNO-Mitglied werden soll, wurde von den für die CVP Kandidierenden unterschiedlich beantwortet. Eine Antwort lautete: «Die Schweiz kann der internationalen Zusammenarbeit inner- oder ausserhalb der UNO dienen». Was gilt jetzt: Ja oder Nein?

Klartext ist nicht jedermanns Sache und bei einem komplexen Thema zugegebenermassen auch nicht immer möglich. Um dem Klimawandel wirksam zu begegnen, könnte ich beispielsweise als Grüner schlicht und einfach fordern, der Benzinpreis dürfe nicht weniger als fünf Franken pro Liter betragen. Den darauffolgenden Einwand, Autofahren werde dadurch ja nur noch eine Angelegenheit für Vermögende, könnte dann aber nicht nur ich, sondern auch ein bekennender Grüner nicht in einem Satz widerlegen. Der Vorwurf an Kandidatinnen und Kandidaten, sie sprächen zu wenig Klartext, greift deshalb bisweilen zu kurz. Wichtiger ist die Glaubwürdigkeit.

Unglaubwürdig ist beispielsweise, wer die Vielfliegerei kritisiert, selber aber in den Fernen Osten in die Ferien fliegt. Daran ändert auch nichts, wenn die betreffende Person erklärt, die Flugmeilen doppelt kompensieren zu wollen. Solche Aussagen, wie auch immer sie zu verstehen sind, dienen doch nur dazu, das schlechte Gewissen zu beruhigen. Unglaubwürdig ist für mich auch, wer die EU als Feind Nummer eins der Schweiz ansieht und bei jeder Gelegenheit «Switzerland first» predigt, selber aber beispielsweise auch ausländische Weine oder Biere (das zur dänischen Carlsberg-Gruppe gehörende Feldschlösschen zählt auch dazu!) konsumiert. Und sich mit der Forderung «Switzerland first» nicht einmal einer schweizerischen Amtssprache bedient.

Es ist angesichts der Hektik unserer Zeit und der heutigen Kommunikationsmittel wie beispielsweise Twitter in den letzten Jahren nicht einfacher geworden, stets glaubwürdig zu handeln. Für mich ist es aber nach wie vor eine unverzichtbare Eigenschaft, die ein Politiker mit sich bringen muss. In diesem Sinne mag es zwar unterhaltsamer sein, die Vielfliegerei mit einfachen Worten im Klartext zu verdammen. Es ist aber beispielsweise ehrlicher zu fordern: «Man darf nicht nur vom Umweltschutz reden. Jeder muss etwas dafür tun», und dabei selber mit dem guten Beispiel voranzugehen.