Thiago rennt zum Traktor und tritt in die Pedale. Mit Gummistiefeln und Regenschutz ausgerüstet, kurvt er über die Zufahrt des dreistöckigen Hauses an der Bielstrasse in Solothurn. Er ist nicht allein, eine ganze Horde kleiner Bäuerinnen und Bauern tobt mit ihm im Garten herum.

Eine Gruppenleiterin, eine pädagogische Mitarbeiterin, eine Lernende und ein Praktikant beaufsichtigen die bis zu zwölf Kinder im Alter von drei Monaten bis sechs Jahren. Zwei solcher Gruppen, die Gruppe Löi und die Gruppe Lianenhüpfer, werden in der Kita Tubeschlag betreut. Die eine Gruppe im Erdgeschoss, die andere im 1. Stock – auf beiden Etagen gibt es Spielzimmer, Schlafzimmer, Rückzugsmöglichkeiten und Wickelzimmer.

Das Angebot für familienergänzende Kinderbetreuung, wie jenes der Kita Tubeschlag, ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen. Claudia Hänzi, Chefin des Amts für soziale Sicherheit (ASO), sagt: «In den vergangenen zwölf Jahren hat sich die Zahl der Kita-Plätze verdoppelt.» Das hat eine 2013 in Auftrag gegebene und gestern vorgestellte Studie zur Situation der Kinderbetreuung im Kanton ergeben. Im Vergleich mit anderen Kantonen, bei denen ein solcher «zulässig ist», wie Hänzi sagt, bewegt sich Solothurn mit seinem Angebot im Mittelfeld. «Aber wir können uns natürlich nicht mit Zürich oder Basel-Stadt vergleichen.»

Bis 5500 Franken mehSteuereinnahmen pro Kita-Platz

Das hat einen einfachen Grund: «Es gibt deutlich mehr Betreuungsangebote im städtischen Raum, also in und um Solothurn, Grenchen und Olten, als auf dem Land. Dort wird das fehlende Angebot teilweise durch Tagesfamilien ausgeglichen», sagt Michael Marti, Mitverfasser der Studie. Rund 80 solche Tagesfamilien gibt es im Kanton. Sie betreuen zwischen einem und drei Kinder. Es wird eine der zentralen Aufgaben des Kantons sein, die Entwicklungen in den ländlichen Gegenden genau zu beobachten und gegebenenfalls zu reagieren. Doch: «Momentan ist die Situation okay», sagt ASO-Chefin Hänzi.

Ganz allgemein zeigt sie sich mit der Ist-Situation zufrieden. Genauso wie Thomas Blum, Geschäftsführer des Verbands Solothurner Einwohnergemeinden (VSEG), als Vertreter der Gemeinden, die letztlich verantwortlich sind für das Kinderbetreuungsangebot. Ein für ihn zentrales Ergebnis der Studie: «Sie hat gezeigt, dass Gemeinden mit zusätzlichen Kita-Plätzen höhere Steuereinnahmen generieren können.» Bis zu 5'500 Franken, behauptet die Studie. Ausserdem erhöhe ein Kita-Angebot die Standort-Attraktivität einer Gemeinde und könne die Integration von ausländischen Familien erleichtern.

Zwei auf dem Arbeitsmarkt aktive Eltern können aber nicht nur mehr Steuereinnahmen für die Gemeinden bedeuten, sondern auch etwas gegen den Fachkräftemangel tun. «Viele gut ausgebildete Frauen bleiben zu Hause bei den Kindern, weil es sich für sie nicht lohnt, zu arbeiten», sagte Innenminister Alain Berset am Mittwoch. Deshalb will der Bund in den nächsten acht Jahren 100 Millionen Franken in die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie investieren. In erster Linie sollen damit Betreuungsplätze finanziert werden.

Im Durchschnitt warten 23,5 Familien auf einen Kita-Platz

Auch der Kanton will mehr subventionierte Kita-Plätze. Ende 2015 waren von 1'239 Plätzen 661 (rund 53 Prozent) durch Gemeinden subventioniert. Nun sollen die Kommunen prüfen, wie diese Zahl weiter gesteigert werden kann. Im Gegenzug will der Kanton Bürokratie abbauen, wo dies möglich und noch nicht geschehen ist, und Hilfe leisten, in dem er gelungene und funktionierende Praxis-Erfahrungen sammelt und weitergibt. Hänzi sagt dazu: «Wir haben die Bewilligungsverfahren für Kitas vereinfacht so weit möglich.» Zentral sei in erster Linie, dass es den Kindern gut gehe. Es werde nicht mehr ein Dutzende Seiten umfassendes pädagogisches Konzept verlangt. «Zwei A4-Seiten genügen. Es ist wichtig, was gelebt wird, nicht der Papierkrieg.»

Der Bedarf nach subventionierten Betreuungsplätzen sei vorhanden und wachse tendenziell, darin waren sich alle in der Studie befragten Experten einig. Das zeigten auch die Angaben der befragten Kitas: Fast überall gibt es lange Wartelisten. Zwar ist deren Aussagekraft begrenzt, da sich Familien oft vorzeitig eintragen lassen und das oft gleich bei mehreren Kitas. Zudem melden sich die wenigsten ab, wenn sie etwas gefunden haben. Trotz Doppelspurigkeiten: Im Durchschnitt 23,5 wartende Familien deuten an, wie gross der ein Bedarf ist.

Thiago gehört zu den Glücklichen, er hat seinen Platz. Doch obwohl die subventionierten Plätze im «Tubeschlag» für Solothurner maximal 90 Franken für einen ganzen Tag kosten (für Eltern mit einem Brutto-Jahreseinkommen von über 120'000 Franken) und bei geringeren Einkommen sogar unter 60 Franken kosten können, ist die Kita derzeit aktiv auf der Suche nach neuen Kindern. «In den kommenden Wochen treten zehn Kinder aus. Wir hatten oft Wartelisten, doch dieses Jahr macht sich eine Lücke auf, die wir natürlich unbedingt schliessen möchten», so Kita-Leiterin Magdalena Gygli. Dann ist Zeit fürs Mittagessen. Thiago wartet schon. Er will unbedingt mit Frau Gygli am Tisch sitzen.

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