Behördenkritik

Kirschblütler: Hat die Staatsanwaltschaft ausreichend ermittelt?

Ort der Razzia im Jahr 2015: Das Zentrum der Kirschblütengemeinschaft in Lüsslingen.

Ort der Razzia im Jahr 2015: Das Zentrum der Kirschblütengemeinschaft in Lüsslingen.

In Sachen Kirschblütler wird erneut Kritik gegen die Behörden laut. Einerseits reicht ein Kantonsrat kritische Fragen zum mittlerweile eingestellten Verfahren gegen die Gemeinschaft ein. Andererseits kritisieren eine Zeugin und der kantonale Psychiater-Verband die Arbeit der Strafverfolger.

Letzten Sommer wurden die Verfahren gegen die beiden Frauen des verstorbenen Anführers der Kirschblütengemeinschaft eingestellt. Es gab Zeugenaussagen und Medienberichte – aber keine Sachbeweise dafür, dass im Rahmen von Seminaren in Lüsslingen illegale Substanzen abgegeben worden sind. Wobei: Auch nach den Ermittlungen bleibe eine Verdachtslage, dass «in den Reihen der Kirschblütengemeinschaft illegale Substanzen verwendet wurden», ist in der Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft zu lesen. Gegen den Sohn von Samuel Widmer ist das Verfahren wegen Drogenverkaufs noch hängig.

In der Sache nachhaken will SVP-Kantonsrat Rémy Wyssmann (Kriegstetten). Er plant, am Mittwoch einen Vorstoss einzureichen. Wyssmann will etwa wissen, warum vorwiegend wegen der Drogenvorwürfe ermittelt worden ist – nicht aber wegen möglicher Handlungen gegen die sexuelle Integrität. Denn bei der Strafanzeige von Infosekta, welche 2015 die Ermittlungen ins Rollen brachte, ging es auch um sexuelle Übergriffe, zu welchen es während der Sitzungen gekommen sein soll. Weiter wird der Vorwurf laut, die Einstellungsverfügung hätten nur die Beschuldigten erhalten – nicht aber die mutmasslichen Opfer, welche sich somit nicht dagegen hätten wehren können.

Wyssmann betont, er wolle keine Anschuldigungen machen – «es geht mir nur um die Klärung sich stellender Fragen hinsichtlich der staatsanwaltschaftlichen Untersuchung.» Von Seiten Staatsanwaltschaft gibt es keinen Kommentar; sie wird die Fragen dem Regierungsrat beantworten, welcher zum Vorstoss dann offiziell Stellung bezieht. In einem kürzlich  ausgestrahlten Beitrag von «Schweiz Aktuell» weist Oberstaatsanwalt Hansjürg Brodbeck die Vorwürfe zurück: Hätte man die Untersuchung nicht ernst genommen, so hätte man kaum «in sechs Liegenschaften Hausdurchsuchungen durchgeführt» und «mehrere Personen festgenommen». Der Tatverdacht, dass illegale Substanzen abgegeben worden seien, habe sich nicht verflüchtigt - aber es sei eben auch nicht möglich gewesen «einer konkreten einzelnen Person eine konkrete strafbare Handlung» nachzuweisen; und dies in einer Form, die vor dem Gericht Stand gehalten hätte. Konkrete Fakten, die es gerechtfertigt hätten, dem Tatverdacht einer Schändung nachzugehen, so der Oberstaatsanwalt weiter, seien nie vorhanden gewesen. Deswegen habe man auch nicht in die Richtung der von Wyssmann angesprochenen möglicher Handlungen gegen die sexuelle Integrität ermittelt.

Eine, die das Einstellen des Verfahrens «unglaublich» findet, ist Sabine Bundschu, die nach eigenen Angaben über 20 Jahre hinweg Kirschblütler-Seminare besucht hat. Nach einem Schlaganfall stieg sie aus. Bundschu ist das einzige der mutmasslichen Opfer, das eine Zeugenaussage gemacht hat – in Anwesenheit der Beschuldigten. Bundschu berichtet von einer «Horror-Erfahrung». Vor dem Gebäude der Staatsanwaltschaft hätten Dutzende Kirschblütler gewartet. Während der fünfstündigen Einvernahme sei sie vier Kirschblütlern, deren Anwälten sowie dem Staatsanwalt gegenübergesessen. «Perfide» sei der Umgang der Behörden mit den Opfern. «Nach so vielen Vorfällen wird immer noch getan, als sei das alles nie passiert.»

Kritik äussert auch Psychiaterin Alexandra Horsch, welche in Sachen Kirschblütler mit der kantonalen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie eine aufsichtsrechtliche Anzeige eingereicht hat, über die Nichtanhandnahme verfügt wurde. Horsch hofft, dass die Behörden dank dem eingereichten Vorstoss und der Kontrolle durch das Parlament aus ihrem «Dornröschenschlaf» erwachen. 

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