Kanton Solothurn

Kirchen-Austritte auf Rekordhoch: Was hat die Wiedereintritts-Kampagne bewirkt?

Eine gewöhnliche Messe füllt die Kirche kaum – es brauche neue Ideen, so Kurt von Arx, Präsident der römisch-katholischen Synode Kanton Solothurn.

Eine gewöhnliche Messe füllt die Kirche kaum – es brauche neue Ideen, so Kurt von Arx, Präsident der römisch-katholischen Synode Kanton Solothurn.

Vor rund sechs Jahren lancierten die Landeskirchen im Kanton Solothurn eine Kampagne, um verlorene Schäfchen zurückzugewinnen. Die Wiedereintrittszahlen halten sich in Grenzen; gerade im Vergleich zu den hohen Austrittszahlen.

Der Kirche laufen die Schäfchen davon. Das ist nichts Neues. Ebenso wenig die Tatsache, dass es im Kanton Solothurn besonders viele Schäfchen sind, die aus der Kirche austreten. Das ist etwa der Schweizer Kirchenstatistik zu entnehmen. Und das sagt auch Kurt von Arx, Präsident der römisch-katholischen Synode im Kanton Solothurn. «Wir sind auf dem Podest», so von Arx. Diesen Spitzenplatz will man aber nicht.

«Es ist schade», sagt von Arx im römisch-katholischen Pfarreiheim in Egerkingen, vis-à-vis von der frisch sanierten St. Martinskirche, die an diesem Nachmittag leer ist. «Aber es ist schon ein eindeutiger Trend: Wir verlieren Mitglieder.» Das geht den Katholiken so und auch den Reformierten in allen Bezirken des Kantons.

Diesem Trend entgegenwirken wollen auch Katholiken und Reformierte gleichermassen. Die römisch-katholische, die evangelisch-reformierte und die christ-katholische Landeskirche starteten im Jahr 2013 eine Wiedereintrittskampagne. Seither kann man sich online über eine Webseite kostenlos und mit einigen Klicks registrieren. Rund 600 Personen haben sich die Webseite vergangenes Jahr angesehen. «Beeindruckend», findet von Arx. Er spricht von der Kampagne als Erfolg. Die Kirche zeige, dass ihre Türen immer offen stünden – stellvertretend dafür sind auf der Homepage auch offene Türen abgebildet.

Ein Tropfen auf den heissen Stein stellt jedoch die Anzahl Personen dar, die tatsächlich durch diese Tür gegangen sind: 2018 waren es 18 Wiedereintritte, seit Kampagnenstart insgesamt 68. Und das bei Hunderten Kirchenaustritten jährlich. So überwiegt denn auch der Mitgliederschwund im Kanton deutlich. Zwischen 2013 und 2017 haben die Landeskirchen laut kantonaler Statistik über 9000 Personen verloren.

infogram: Kircheneintritte im Kanton Solothurn

Eintritte aus Dankbarkeit – Austritte nach Skandalen

Für von Arx zählt indes jedes Schäfchen. Zudem ergänzt er: auch direkt über die Kirchgemeinden komme es zu Wiedereintritten. Seit 2013 betragen diese laut Angaben der Landeskirchen knapp 1000. Online müssen die Gründe für den Wiedereintritt nicht angegeben werden. Von Arx weiss dafür dass es letztes Jahr auffällig oft 30-Jährige waren – ledig, verheiratet oder geschieden –, die den Schritt gemacht haben. Auch eine 18-jährige Person war darunter.

Zudem kennt von Arx die Wiedereintritts-Gründe aus den Kirchgemeinden: Menschen, die für ihre Kinder wieder eintreten, damit diese auch in den Religionsunterricht können, wie ihre Gspändli die Erstkommunion feiern dürfen. Menschen, die Schicksalsschläge erlebt haben – Todesfälle oder Krankheiten. Aber auch Menschen, die solche durchgestanden haben und aus Dankbarkeit zurückkehren. «Das sind jeweils Situationen, in denen uns bewusst wird, dass da noch jemand ist, der uns weiterhilft.»

Ein Bewusstsein, das schwindet. Dessen ist sich auch von Arx bewusst. «Uns geht es so gut heute – der Herrgott kommt für Viele nicht mehr an erster Stelle.» Etwas plakativ ausgedrückt gebe es bei uns keine Katastrophen, keine Erdbeben, die Kirchen füllten. Menschen orientieren sich anderweitig. Entsprechend hätten sie auch keine Lust mehr, Kirchensteuer zu bezahlen, so von Arx. Dass sei in drei Viertel der Fälle die Ursache für den Austritt.

Laut einem Bericht der Sonntagszeitung sind die Austrittszahlen in der Schweiz derzeit aber auch auf einem Rekordhoch, weil die Skandale rund um die katholische Kirche viele Leute vergraulen, sie das Vertrauen in die Kirche verlieren lässt. «Das ist tatsächlich eine Katastrophe, was da an manchen Orten abläuft», sagt von Arx angesprochen auf diese Fälle – etwa die Recherche zu zahlreichen missbrauchten Nonnen oder der verurteilte Erzbischof von Lyon, der Missbrauchsfälle vertuscht haben soll. Aber: Die katholische Kirche bedeute mehr als diese Fälle, daran hält von Arx fest.

«Die Kirche muss wieder näher zu den Leuten»

Der Präsident der römisch-katholischen Synode findet aber auch, dass nun auch die ganze Kirche etwas gegen die Austritte tun müsse. «Die Kirche muss wieder näher zu den Leuten.» Die Ausgangslage im Kanton sei eigentlich ideal: «Wir Landeskirchen sprechen mit einer Stimme im Kanton – das gibt es nur hier.» Der Kanton kennt nämlich die SIKO – die solothurnische interkonfessionelle Konferenz der drei Landeskirchen. Geschlossen müsse man nun aber auch auf die Leute zugehen: Bei jedem Austritt nachhaken; alle fünf Jahre danach nachfragen, ob nicht ein Wiedereintritt in Frage kommt.

Das könne man als Synode nur empfehlen – umsetzen würden das längst nicht alle. Von Arx spricht von konservativen Priestern in einigen Kantonsteilen, die hier nicht mitmachen würden. Auf der anderen Seite gebe es viele Jüngere - gerade Frauen – die neuen Wind in die Kirche brächten.

Von Arx fordert auch: «Einen Gottesdienst herunterleiern – das bringt es nicht. Viele wollen nicht mehr jeden Sonntag in die Kirche.» Es brauche mehr Angebote – Konzerte, Krippenspiele für Familien, Fasnachtsgottesdienste – einen ungezwungenen Rahmen, der mehr Leute anspreche. Von Arx berichtet auch von der Langen Nacht der Kirchen, an welcher die Landeskirchen 2020 teilnehmen: ein Abend mit verschiedenen Veranstaltungen, der Leute anlocken soll.

Denn von Arx ist trotz der Krise überzeugt: «Es braucht die Kirche. Sie gibt uns Halt und Stärke.» Auch wenn es nicht immer einfach sei zu glauben.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1