Die Bilder des brennenden Flugzeuges, die ich als Dreieinhalb-Jähriger gesehen habe und nie mehr vergessen werde, lassen sich genau auf den 13. Juli 1944 fixieren. Immer, wenn ich das Ereignis zur Sprache brachte, hiess es: «Aha, du meinst den Bomber von Utzenstorf». Das glaubte ich zunächst unbesehen. Bis ins Jahr 2013 hatte ich auch keinen Anlass, daran zu zweifeln. Dann sah ich aber in verschiedenen Medien Publikationen über diesen Bomber von Utzenstorf, dessen Landung damals genau 70 Jahre zurück lag. Da entdeckte ich, dass das nicht mit meinen Erinnerungen übereinstimmen konnte. Der Utzenstorfer Bomber wurde notgelandet und hatte dabei noch die ganze Besatzung an Bord. Von Feuer, wie ich es gesehen hatte, war nirgends die Rede. Grund genug, nachzuforschen.

Am 13. Juli 1944 standen zwei Soldaten – die militärischen Grade kannte ich noch nicht – auf der Strasse, der heutigen Oberen Sonnenrainstrasse Biberist. Soldaten interessierten mich seit jeher. Also ging ich zu ihnen hin. Sie blickten angestrengt nordwärts. Ich bemerkte, dass sie etwas erwarteten. Schliesslich fragte ich sie. «Bei dem grossen, weissen Haus (Pestalozzi-Schulhaus) kommt jetzt dann ein Flugzeug», sagte einer. Tatsächlich tauchte rechts davon ein Flugzeug auf, das direkt in unsere Richtung flog. Der äussere Steuerbordmotor war in Flammen gehüllt, die von vorne noch kaum zu sehen waren. Flammen loderten weit nach hinten über den Flügel hinaus. Der Soldat ohne Feldstecher fragte den anderen, ob er schon jemanden gesehen habe. Nach einer Weile – das Flugzeug war schon fast über uns – schien es, als ob die Flügelhaut aufplatzen würde. Augenblicklich erfassten die Flammen den ganzen Aussenteil des Flügels. «Jetzt müssen sie aber abspringen», sagte der ohne Feldstecher zum anderen. «Jetzt kommen sie», sagte dieser und begann zu zählen.

Ich sah sie auch. Es sah aus, wie wenn klitzekleine weisse Wölkchen vor dem blauen Himmel entstehen würden. Daraus wurden weisse, sanft schwebende Fallschirme. Das Flugzeug verschwand brummend hinter den Baumgipfeln des Altisbergs. Die Soldaten schickten mich Knirps nach Hause. Jetzt werde es gefährlich, sagten sie. Beim Weggehen sah ich hinter einigen Bäumen der zum Restaurant Freiheit gehörenden Hofstatt schon Soldaten mit dem Gewehr im Anschlag. Lange hielt ich es zu Hause nicht aus. Weil alles ruhig geblieben war, liess mich die Mutter zwar aus dem Haus, aber nicht vom Grundstück gehen. Von da aus sah ich, wie eines der Besatzungsmitglieder, flankiert von zwei Soldaten, abgeführt wurde. Später ist dann eines der grösseren Mädchen aus dem Quartier mit mir zum Altisberg gelaufen. Dort sah ich an einer grossen Buche noch immer den Fallschirm, mit dem sich eines der Besatzungsmitglieder im Geäst verfangen hatte. Es war mir ein Rätsel, warum der Fallschirm nun nicht mehr weiss wirkte, sondern schmutzig hellbraun.

Auf der Suche nach weiteren Augenzeugen sprach ich mit meinem Bekannten Walter Pauli. Er erinnert sich an das Flugzeug und an die Fallschirme. Er wusste auch, dass einer der Amerikaner etwas oberhalb direkt am Bibernbach niedergegangen sei. An einer Klassenzusammenkunft fragte ich meine ehemaligen Mitschüler nach ihren Erinnerungen dazu. Ein Jahrgänger war damals gerade zu Besuch bei seiner Grossmutter in der Bäckerei an der Solothurnstrasse, neben der Kirche. Dass er das Flugzeug sah, bestätigt die Vermutung, dass der Bomber so ziemlich über das damalige Dorfzentrum geflogen sein muss. Er sehe die Fallschirme noch immer vor sich, sagt er ebenfalls. Seine Grossmutter sei dann mit ihm auf dem Velo zu den Landestellen hingefahren. Eine andere Mitschülerin glaubte, die Fallschirme würden direkt hinter dem Bahndamm der ehemaligen EBT niedergehen.

Doch die spektakulärste Schilderung trug Markus Vogt bei. Er wohnte in einem heute nicht mehr existierenden Haus an der Altisbergstrasse. Er sass auf dem Plumpsklo, als er plötzlich einen fürchterlichen Lärm vernahm. Vor lauter Angst stürmte er hinaus. Da sah er das Flugzeug über den Altisberg entschwinden. Beeindruckt haben ihn die niederschwebenden Fallschirme. Einer davon sei schliesslich nur 50 Meter vom Haus entfernt gelandet. Sofort seien auch Militärpersonen auf Motorrädern gekommen und hätten den Amerikaner abgeführt.

Nach all den Nachforschungen wurde klar: Es handelte sich um eines der 298 Flugzeuge, die mit der amerikanischen 713rd Bomb Squadron, als Teil der 448th Bomber Group vom englischen Flugfeld Seething aus am Raid gegen Saarbrücken teilgenommen hatten. Dort wurde es von deutschen Flugabwehrgeschossen getroffen. Das waidwunde Flugzeug schaffte es in die Schweiz bis in den Raum Solothurn. Die Besatzung musste aber erkennen, dass die Maschine aufgegeben werden musste. Über dem Nordrand des Siedlungsgebietes von Biberist sprangen die zehn Männer ab. Das Flugzeug flog noch etwa vier bis fünf Kilometer weiter. Nordwestlich des Nachbardorfes Bätterkinden explodierte es in der Luft. Vermutlich hatte die Besatzung noch die Selbstzerstörung eingeleitet.

Das Flugzeug war ein schwerer strategischer Bomber vom Typ B-24-H-FO Liberator. Er flog mit der Nummer 42-94989. Angetrieben wurde er durch vier Sternmotoren. Im Vergleich mit der als «Fliegende Festung» bekannten B-17, wie der Utzenstorfer Bomber, hatte er eine grössere Nutzlastkapazität. Er hatte auch eine grössere Reichweite. Mit der B-17 konnte er allerdings weder bezüglich Dienstgipfelhöhe noch mit Manövrierfähigkeit mithalten. Die höhere Zuladung und bessere Reichweite verdankte er seinem, nach seinem Konstrukteur benannten Davis-Flügel. Ein Charakteristikum war seine grosse Streckung. Das heisst, er hatte eine grosse Spannweite im Vergleich zur Flügeltiefe. Das bedeutet – laienhaft ausgedrückt – einen schlanken Flügel. Entscheidender war aber das raffinierte Flügelprofil. Das ging allerdings auf Kosten der Manövrierbarkeit und der Langsamflugeigenschaften. Dadurch war er anspruchsvoller zu fliegen und konnte auch nicht so eng in Formation fliegen wie das Vergleichsmuster B-17. Gebaut wurde er zu Tausenden in den verschiedensten Konfigurationen, darunter solchen zur Bekämpfung von U-Booten. Die Bomber-Version H hatte einen vollständig drehbaren, ausfahrbaren Kugelturm und weitere Waffenstände zur Verteidigung. Das bedeutete eine zehnköpfige Besatzung.

Meist wird ihr der Name «Battlin Baby» zugeordnet. Es gab aber mehrere B-24, welche diesen Namen trugen. So hiessen mindestens die 42-94892 und die
42-99971 so. So ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass die Bätterkinder Maschine nicht «Battlin Baby» sondern «Our Honey» hiess. So notierte es jedenfalls der Backbordschütze Clare W. Hubbard in seinem Tagebuch. Nach dessen Aufzeichnungen war es erst der dritte Einsatz der Besatzung auf dieser Maschine. Hubbard war es auch, der sich als einziger der 10 Amerikaner beim Absprung verletzte. Mit einem Beinbruch lag er im Spital, vermutlich in Solothurn. Später sei er mit den anderen in Wengen im Hotel Palace interniert gewesen.

Hans Balser ist langjähriger Korrespondent mit Spezialgebiet Blasmusik. Er wohnt in Biberist.

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Hans Balser ist langjähriger Korrespondent mit Spezialgebiet Blasmusik. Er wohnt in Biberist.