In der Klemme

Kinderheime können sich keine leeren Plätze leisten

Wenn immer möglich werden Kinder nur für kurze Zeit im Heim betreut.

Wenn immer möglich werden Kinder nur für kurze Zeit im Heim betreut.

Da sie mit Tagespauschalen abgegolten werden, droht den Kinderheimen ein Defizit, wenn Plätze leer bleiben. Kinder müssten länger behalten werden, um finanziell gut dazustehen. Der Kanton kennt das Problem, sieht es aber marktwirtschaftlich.d

Regina Giger ist in einer Zwickmühle. Einerseits möchte sie, dass die Kinder die Kinderheime, denen sie vorsteht, bald möglichst wieder verlassen können. Andererseits kann sich die Geschäftsführerin der Stiftung Kinderheime Solothurn SKSO keine leeren Plätze leisten. «Wir sind mit hundert Prozent Auslastung nicht ganz kostendeckend», sagt Giger.

«Die Behörden entschädigen uns für unsere Grundkosten zu einem Tarif, der unseren Aufwand bei weitem nicht abdeckt». 300 Franken pro Tag kostet der Aufenthalt in einem der Wohnheime, inklusive Grundversorgung. Das ist exakt die vom Regierungsrat definierte Maximaltaxe. Zu wenig laut Giger.

«Die Taxen werden aufgrund aktueller Zahlen in Jahresrechnung und Budget je Aufenthaltstag pro Kind festgelegt», sagt Sandro Müller vom Amt für soziale Sicherheit. Dabei gingen sie von einer Auslastung von 90 Prozent aus. Amtschefin Claudia Hänzi ergänzt: «Es ist eine kleine Schwankungsgrösse an Leerbeständen einberechnet. Doch man ist auf eine gute Auslastung durchs Jahr angewiesen.»

Anders als in den heilpädagogischen Kinderheimen wie dem Bachtelen könne man die Belegung nicht gut planen, sagt Müller: «Dort sind etwa Geburtsgebrechen stabil und nicht veränderbar.» Bei Kindern, die aus sozialen Gründen im Heim seien, sind «Angebot und Nachfrage dynamischer, die Planbarkeit ist geringer».

Zu wenig flexibel

Früher kannte man eine direkte Subventionierung der Institution oder Defizitgarantien. Den Schritt zurück zur Objektfinanzierung wolle man nicht mehr gehen, so Hänzi. Bezahle man den tatsächlich belegten Platz pro Kind und Tag, gewährleiste dies, dass der effektive Bedarf finanziert werde. «Objektfinanzierung ist strukturerhaltend und hat nötige Veränderungen behindert.» Man wäre zu wenig flexibel.

«Wir würden sonst eine nötige Entwicklung aufhalten.» Auch die Kinderheimbetreiber sind dabei an einer solchen Entwicklung interessiert. Giger berichtet, wie ihre Stiftung schon vor fünf Jahren einen Kurswechsel einschlug. «Heimplatzierungen sind das Teuerste, das man in der Kinder- und Jugendpflege machen kann. Und es ist der intensivste Einschnitt in eine Familie. Viele Platzierungen wären nicht nötig gewesen, hätte man zuvor eine gute ambulante Unterstützung gehabt.»

Giger schwebt eine Kombination von stationärer und ambulanter Betreuung vor. Sie nennt ein Beispiel, wo durch intensive Elternarbeit vermieden werden konnte, dass gleich drei Kinder in ein Heim geschickt werden mussten. Ein solches Vorgehen spart Kosten und verhindert Folgeschäden. Regina Giger hat speziell in sozialpädagogischer Diagnostik ausgebildetes Personal. Da könne man schon präventiv viel erreichen.

Vor grossen Herausforderungen

Personalkosten machen gut 90 Prozent des Gesamtaufwandes aus. Giger erzählt, wie in ihrem Heim letzten März nach einer längeren Durststrecke alle Plätze plötzlich wieder belegt werden konnten. «Da braucht man dann rasch das nötige Personal.» Beim ASO kennt man diese Schwierigkeiten. Hänzi: «Es ist uns bewusst, dass die Heimbetreiber vor grossen Herausforderungen stehen, sich anzupassen.»

Sie spricht davon, dass es eine «Veränderung der Angebotslandschaft» geben wird. «Institutionen werden sich zusammenschliessen oder den Betrieb einstellen. Oder ihre Strukturen anpassen, sich vielleicht spezialisieren. Kleinstheime haben mehr Probleme.» Bei Notfallplätzen und Baby-Plätzen sei die Nachfrage stabil.

«Es wird immer gewisse stationäre Plätze brauchen.» Müller nennt einen Grund für die Zuspitzung: «Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Kesb sowie die Sozialdienste prüfen Alternativen und wählen bei zwei ähnlich sinnvollen Lösungen die kostengünstigere, also meistens nicht die stationäre Massnahme.»

Sowohl das ASO als auch Giger betonen, dass sie miteinander offen im Gespräch stünden. Hänzi: «Wenn wir wirklich sehen, dass es nicht kostendeckend ist, und das Angebot eigentlich nicht umstritten ist, gibt es für uns Gründe, die Anpassung der Taxen zu prüfen.» Sie tönt an, dass der Verteilungsschlüssel von der Politik vorgegeben wird, nicht vom ASO.

Eine politisch-rechtliche Rahmenbedingung, welche die Entwicklung hin zu einer Kombination von stationärer und ambulanter Betreuung behindert, ist der Umstand, dass die Kinderheime den Gemeinden unterstehen, nicht dem Kanton.

Ein solches Modell würde Leistungsvereinbarungen erfordern. Aber: «Wir können mit dem Kanton keine Leistungsvereinbarungen eingehen, sondern müssten mit jeder einzelnen Gemeinde eine solche treffen», so Giger. Das jetzige Finanzierungsmodell sei ein «Finanzkorsett». Sie hofft weiterhin auf die Realisierung einer Idee, die sie «sozialraumorientiert» nennt. Das Heim-Personal würde dabei auch bei den Familien vor Ort arbeiten. Zudem wäre auch der Einsatz von Freiwilligen möglich.

Nicht alle Kinderheime sind gleichstark von der Problematik betroffen. Denn einige hätten sich eher auf «Langzeitplatzierungen» ausgerichtet, erklärt Giger, während die SKSO intensiv mit den Eltern an einer Rückplatzierung arbeitet.

Ein anderes Kinderheim, das auch mit stark schwankender Belegung und mit Finanzproblemen zu kämpfen hat, ist das Chinderhuus Elisabeth in Olten mit 20 Plätzen. Es erfüllt die Funktion eines Durchgangsheimes. Leiterin Franziska Sidler kritisiert beim derzeitigen Finanzierungsmodell, dass nicht alle Kosten, sondern nur Betreuungskosten einberechnet würden.

«Das Problem liegt im System der Subjektfinanzierung, ohne Berücksichtigung der tatsächlichen Vollkosten», sagt sie. Wichtig wäre, dass nicht mit einer hundertprozentigen Auslastung gerechnet würde. «Eine Auslastung von 80 bis 90 Prozent erscheint uns realistisch.» Auch sie betont das gute Einvernehmen mit dem Kanton. Ihre Tarife hätten auf Anfang 2017 angepasst werden können.

Was nun auch der SKSO gewährt wurde. «Dadurch werden noch nicht die Vollkosten gedeckt, aber der finanzielle Druck wurde etwas gelindert.» Kinder würden nicht im Heim behalten, nur weil der Platz sonst leer bleibt, unterstreicht sie.

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