Medizin
Kinderarzt Thomas Baumann: «Unsere Welt ist keine Welt für Kinder»

Der Solothurner Kinderarzt Thomas Baumann ist seit vielen Jahren medizinischer Leiter am Zentrum für körper- und sinnesbehinderte Kinder in Solothurn. Im Interview erläutert er seine Arbeit mit Kindern, die «anders» sind.

Elisabeth Seifert
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Thomas Baumann: «Eltern, Lehrer, Pädagogen und Ärzte sollten die Kinder so nehmen, wie sie sind»

Thomas Baumann: «Eltern, Lehrer, Pädagogen und Ärzte sollten die Kinder so nehmen, wie sie sind»

Hansjörg Sahli

Seit vielen Jahren sind Sie medizinischer Leiter am Zentrum für körper- und sinnesbehinderte Kinder (ZKSK) in Solothurn. Was ist Ihre Aufgabe?

Thomas Baumann: Ich kläre ab, ob ein Kind bei uns wirklich richtig aufgehoben ist. Dann analysiere ich die Schwierigkeiten, die ein Kind hat und welche Unterstützung wir mit Therapien und speziellen pädagogischen Massnahmen leisten können.

Wir unterstützen Kinder mit cerebralen Bewegungsstörungen, die vor oder während der Geburt eine Hirnblutung erlitten haben und als Folge davon mit unterschiedlich stark ausgeprägten Lähmen zu kämpfen haben. Einen weiteren Teil im Zentrum bilden Kinder mit mehrfachen genetisch bedingten Entwicklungsstörungen.

Hinzu kommen autistische Kinder. Weiter betreuen wir Kinder, die wegen ihrer Aufmerksamkeitsstörung und/oder Hyperaktivität in der Regelschule Schwierigkeiten haben. Dafür gibt es ganz unterschiedliche Namen wie POS oder ADHD. Diese «Störungen» werden immer häufiger diagnostiziert. Diese Zunahme macht mir Sorgen.

Wie erklären Sie sich diese Zunahme des Phänomens Hyperaktivität?

Die Vorstellung von dem, was normal ist, wird immer enger. Wir leben zwar in der freien Marktwirtschaft, in der die Erwachsenen glauben, sich frei entfalten zu können. Die Freiheit der sogenannten Konsumgesellschaft beschränkt sich aber – überspitzt formuliert – darauf, wo wir unsere Nike-Boots einkaufen wollen.

Hinzu kommt der Druck, mit dem Konsum der anderen mithalten zu können. Unsere uniforme Gesellschaft aber führt dazu, dass die Kinder schon früh ganz bestimmten Vorstellungen entsprechen müssen. Viele Lehrer, Eltern, Ärzte und Pädagogen haben immer klarere Vorstellungen von dem, wie sich ein Kind in einem bestimmten Alter verhalten muss. Kinder, die nicht in dieses Schema passen, werden abgeklärt und therapiert.

... Sie sprechen auf die Abklärungen an, die Schulkinder über sich ergehen lassen müssen?

Zur Person

Thomas Baumann (1951) ist seit Mitte der 1980er-Jahre als Kinderarzt in Solothurn tätig. Ebenso lange wirkt er als medizinischer Leiter des Zentrums für körper- und sinnesbehinderte Kinder (ZKSK) in Solothurn. Im Mai verlieh ihm die Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie den Guido-Fanconi-Gedenkpreis 2012. Dies insbesondere in Anerkennung seines Engagements im Bereich der Früherkennung und Vorsorge von Entwicklungsstörungen. Baumann hat in diesem Bereich zahlreiche Publikationen verfasst. Er ist verheiratet, wohnt in Solothurn und hat drei erwachsene Söhne.

Die Abklärungsmaschinerie ist in den letzten Jahren richtiggehend explodiert. Bei den Diagnosen geht häufig vergessen, dass es etwa keinen Normalwert für die Aktivität in einem bestimmten Alter gibt. Gemäss Zahlen aus dem Kanton Zürich erhalten über 50 Prozent der Grundschulkinder Unterstützungsmassnahmen, sei dies psychomotorische, logopädische oder heilpädagogische Unterstützung.

Da kann einfach etwas nicht stimmen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass es keinen Nachweis dafür gibt, dass die entsprechenden Behandlungen auch wirklich etwas bringen. Das ist sicher nicht im Sinn der Kinder. Sie werden durch diese Maschinerie vielmehr stigmatisiert und ausgegrenzt.

Sie bezweifeln, dass man bei der Hyperaktivität von einer Entwicklungsstörung reden kann?

Wir stellen in Tests fest, dass es Kinder gibt, die rein objektiv betrachtet, grosse Probleme haben, sich zu konzentrieren. Und es gibt auch medizinische Hypothesen, die dieses Phänomen zu erklären versuchen. In der Praxis stellen wir aber fest, dass die Diagnose allein noch gar nichts bringt bzw. nichts über den Leidensdruck der Kinder aussagt.

So gibt es Kinder, die im Alltag bestens funktionieren, obwohl sie gemäss Tests grosse Probleme haben müssten. Ihre Eltern hatten aber möglicherweise ähnliche Schwierigkeiten und können deshalb mit dem Phänomen umgehen. Zudem zeigen die Lehrer viel Verständnis. Umgekehrt stellen wir fest, dass Kinder mit messbar geringeren Problemen im Alltag enorm leiden. Hier spielen dann häufig die hohen Ansprüche der Eltern und auch Lehrpersonen eine grosse Rolle.

Wie gehen Sie mit der Hyperaktivität um?

Wichtig ist die Gesamtbetrachtung. Wir versuchen herauszufinden, wo die Betroffenen der Schuh am meisten drückt. Wenn wir beobachten, dass Eltern unrealistisch hohe Erwartungen stellen, raten wir ihnen zu einem Coaching. Wenn ein Kind Mühe mit Schönschreiben bekundet, dann empfehlen wir eine Psychomotorik-Therapie oder Ergotherapie.

Einfach auch, um das Selbstwertgefühl des Kindes zu stärken, wirklich beheben lassen sich diese Probleme nämlich kaum. Leidet ein Kind stark unter seiner Aufmerksamkeitsstörung, dann können auch Medikamente wie Ritalin die Situation des Kindes verbessern.

Zurück zu Kindern mit cerebralen Bewegungsstörungen und anderen schweren Behinderungen. Welche Fortschritte gibt es im Umgang mit diesen Krankheitsbildern?

Die Entwicklungspädiatrie kann nicht mit so spektakulären medizinischen Ergebnissen wie die Onkologie aufwarten. Was aber das Verständnis für Kinder mit einer Behinderung betrifft, haben wir gewaltige Fortschritte erzielt. Wir achten das Kind in seiner Andersartigkeit.

Früher versuchte man, Kinder mit cerebralen Bewegungsstörungen mit Hilfsmitteln aller Art «gerade zu richten». Das sah dann zwar schön aus, engte aber die Bewegungsfreiheit enorm ein. Heute achten wir auf eine möglichst hohe Funktionsfähigkeit. Derzeit sind wir zum Beispiel mit der Entwicklung von neuartigen Schienen beschäftigt, die beim Gehen aktive Unterstützung leisten.

Gibt es nicht auch Fortschritte bei der Reduktion der Krankheitssymptome?

Indem wir zum Beispiel Botox direkt ins Muskelgewebe spritzen, kann das zu einer Verbesserung des Bewegungsumfanges beitragen. Vor allem aber haben wir gelernt, weniger auf die Defizite der Kinder zu fokussieren, sondern vielmehr ihre Ressourcen zu stärken.

Wenn ein Kind mit cerebraler Bewegungsstörung nicht gut gehen, aber dafür umso besser rechnen kann, dann müssen wir es vor allem in diesem Bereich unterstützen. Dadurch steigt die Chance, dass er oder sie später zum Beispiel eine Lehrstelle im KV-Bereich findet. Und bei Kindern mit einer autistischen Störung macht es wenig Sinn, die Kommunikation verbessern zu wollen. Viel zielführender ist es, ihre Fähigkeiten in der Mathematik und der Informatik zu stärken.

Wie gelingt die Integration von Kindern des ZKSK in die Regelklassen?

Jedes Jahr beurteilen wir die Situation unserer Schülerinnen und Schüler neu. Unsere Aufgabe besteht nicht darin, die Kinder zu hüten, sondern sie gezielt zu fördern. Jedes Jahr schaffen rund zehn Prozent unserer Schüler den Übertritt in die Regelklassen, und zwar dauerhaft. Umgekehrt kommen aber jedes Jahr auch etwa gleich viele Kinder, die ursprünglich in eine Regelklasse integriert worden sind und es dort dann nicht schaffen, zu uns.

... und das, obwohl man heute – wenn irgend möglich – die Integration von Kindern in die Regelklassen fördert?

Integration ist grundsätzlich eine fantastische Idee. Das Problem besteht aber wie bereits erwähnt darin, dass die Norm in der heutigen Schule immer enger gefasst wird. In einer solchen Umgebung werden Kinder, die eben nicht dieser Norm entsprechen, ständig an ihre Schwierigkeiten erinnert. Dadurch aber fühlen sie sich ausgegrenzt. Es ist auffallend, dass wir im ZKSK seit der Integration nicht weniger Kinder haben, sondern eher mehr. Das trifft auch auf die Heilpädagogischen Sonderschulen (HPS) zu.

Sie fordern ein gesellschaftliches Umdenken?

Unsere moderne Welt ist keine Welt für Kinder. Hier muss es zu einem Umdenken kommen. Eltern, Lehrer, Pädagogen und Ärzte sollten lernen, die Kinder so zu nehmen, wie sie sind. Dies umso mehr, weil unsere Gesellschaft vor allem durch jene Menschen weitergebracht wird, die etwas aus der Reihe tanzen, «anders» sind.

Mit eng gesetzten Normen züchten wir aber vor allem angepasste graue Mäuse heran. Ganz generell wünschte ich mir, dass wir uns nicht gegenseitig in Schablonen pressen, sondern in der jeweiligen Eigenart respektieren und schätzen.