Manchmal nur erhascht Mara Zala einen Blick in die Seelen ihrer Schützlinge. «Wann geht Ihr abends ins Bett», hat die Lehrerin ihre Schüler gefragt. «Frau Zala, ins Bett gehen und einschlafen, das ist nicht das gleiche», haben die Kinder geantwortet.

Mara Zalas Schülerinnen und Schüler schlafen nicht in «ihrem» Bett. Sie übernachten in einem der beiden Asyl-Durchgangszentren im Kanton, und wenn sie abends ins Bett gehen, kommen Erinnerungen hoch an die Brennpunkte dieser Welt, an eine Flucht aus Syrien, Sri Lanka, Eritrea. Erinnerungen, die den Weg ins Schulzimmer an der Solothurner Bielstrasse selten finden.

Hier, wo der Asyldienstleister ORS im Auftrag des Kantons Ausbildungsprogramme anbietet, unterrichtet Mara Zala diejenigen Kinder, die vorübergehend in den beiden Asyl-Durchgangszentren wohnen. Seit gut einem Jahr lehrt der Kanton diese Kinder nicht mehr in den Regelklassen, sondern in einer gesonderten Klasse. «Die meisten Kinder sind sehr fröhlich», sagt Zala.

Es wird gesungen, geklatscht, gelacht im kleinen Schulzimmer. «F wie Fisch», «F wie Farbe», «F wie Filzstift». Drei Mal pro Woche fahren Kleinbusse die derzeit zehn Kinder aus den Zentren in Selzach und Oberbuchsiten hierhin. «Die Schüler müssen sich hier nicht schämen, dass sie die Sprache nicht können, sie müssen keine Angst haben, sich zu exponieren und sie haben keinen Leistungsdruck», sagt Lehrerin Zala.

Maximal vier Monate - so lange wie im Durchgangszentrum - bleiben die Kinder in der Klasse. So lange, bis sie in eine Gemeinde kommen und dann irgendwann der Staat entscheidet, ob sie vorläufig in der Schweiz bleiben dürfen, oder abgeschoben werden.

Einfach ist der Unterricht für die Lehrerin nicht, planbar schon gar nicht: Das kleine, dunkelhäutige Mädchen, das jetzt Wörter wie «Stuhl» (warum nicht «Schtuhl») und «Essig» (warum nicht «Essik») in sein Heft schreibt, stand am Tag zuvor morgens einfach vor der Türe.

Zwischen zehn und fünfzehn Kinder im Alter von 7 bis 15 besuchen den Unterricht. Einige sind mit dem arabischen Alphabet aufgewachsen. «Ein konsequenter Aufbau ist nicht möglich», sagt Lehrerin Zala. «Es ist sehr anspruchsvoll. Und es ist gleichzeitig einfach, weil die Kinder sehr gerne in die Schule kommen, und schnell ihren Weg finden.» Sobald die Familie in eine Gemeinde kommt, werden die Kinder dort eingeschult.

Elisabeth Ambühl-Christen ist als Leiterin der Abteilung Schulbetrieb im Volksschulamt auch für die Asyl-Schulklasse verantwortlich. Sie ist froh, für Kinder von Asylsuchenden in den Durchgangszentren nun ein angemessenes Angebot zu haben, das den Kindern Orientierung und Sicherheit für den späteren Schweizer Schulalltag gibt. «Ein Kind ist hier nicht eines von vielen», sagt Ambühl-Christen.

Zuvor wurden die Kinder in den Klassen der Primarschulen Selzach und Oberbuchsiten unterrichtet, wo die beiden Durchgangszentren stehen. Das war laut Ambühl-Christen nicht immer einfach: Die Schulen in Selzach und Oberbuchsiten waren stark gefordert, wenn regelmässig neue Kinder kamen, die die Sprache nicht beherrschten.

Ganz neu ist das jetzige Pilotprojekt allerdings nicht. Bereits während der Jugoslawienkriege in den 1990er-Jahren gab es eine ähnliche Klasse im Kanton.

Aber reichen drei Morgen die Woche, um Kindern Deutsch zu unterrichten, sie auf die Integration vorzubereiten und fit für die Schule zu machen? «Es sind drei sehr intensive Tage», sagt Elisabeth Ambühl. «Hier haben sie immer genügend Lernstoff, ergänzt mit Hausaufgaben. Sprach- und Landeskundeunterricht sind durchdacht.» Mit der reduzierten Lektionenzahl sollen Kinder nicht überfordert werden.

Hände fliegen in die Luft im kleinen Schulzimmer mit dem Klavier, die Stimmung ist motiviert und konzentriert. Als «Perle» bezeichnet denn auch Claudia Hänzi, Chefin im Amt für soziale Sicherheit, die Sonderklasse. Die Schulen in Selzach und Oberbuchsiten seien entlastet worden, der Unterricht für die Kinder gezielt.

Doch Hänzi sieht die Klasse auch als sensibles Projekt. Man wisse nie, welche Erfahrungen Kinder mitbringen und was eine Einschulung auslöst, sagt die Amtschefin. Einzelne Kinder haben erlebt, wie andere Kinder aus Schulen in ihrer Heimat verschleppt wurden. Entsprechend sei wichtig, die Kinder in den ersten Tagen gut zu beobachten und zu reagieren, wenn das Kind Belastungssymptome zeige. Im neuen System wird man dem besser gerecht.

Einmal pro Quartal werden die Eltern in den Durchgangszentren informiert. Im Schulzimmer hat Lehrerin Mara Zala nie irgendeine negative Rückmeldung von Eltern erhalten. «Eltern sind dankbar, wenn ihre Kinder gefördert werden. Und wenn sie sehen, dass es ihren Kindern gut geht, sind sie zufrieden», sagt Elisabeth Ambühl vom Volksschulamt und erzählt die Geschichte von einer Mutter, die anfangs nach Solothurn mitkam. Als sie Vertrauen gefasst hatte, blieb sie plötzlich weg.

Abdul (Name geändert) ist einer der Schüler, der älteste der Klasse. Er hat gelernt, dass man Essig mit g und nicht Essik schreibt. Zum Schluss kommt er, sagt Danke für den Besuch und auf Wiedersehen. Das Deutsch ist etwas gebrochen, aber er lächelt und versucht sein bestes. Hier geht es um die Zukunft, nicht um Erinnerungen. Diese bleiben vor der Türe des Schulzimmers.