Der Vater trinkt, die Mutter weint und das Kind leidet. Mehrere zehntausend Kinder leben in der Schweiz in einer Familie, in der ein oder beide Elternteile ein Alkoholproblem haben. Hinzu kommen noch Kinder aus Familien mit anderweitigen Suchtbelastungen. Lange Zeit als Tabuthema heruntergestuft, werden in jüngster Zeit die Lebensbedingungen von Kindern, die mit suchtkranken Elternteilen aufwachsen, verstärkt diskutiert.

Potentiell letzte Veranstaltung

An dieses Thema herangewagt hat sich diesen Mittwoch die Fachstelle Kinderschutz des Kantons Solothurn. Sie lud zur Minimax Veranstaltung «Gefangen in der elterlichen Sucht? Kinder von Alkohol, Medikamenten oder Drogen missbrauchenden Eltern». Die Fachveranstaltung richtete sich an alle Berufsgruppen, die sich im Alltag mit solchen Kindern konfrontiert sehen.

Franz Ziegler, Ueli Imhof, Patricia Flammer und Michael Klein.

Franz Ziegler, Ueli Imhof, Patricia Flammer und Michael Klein.

Entsprechend gross war auch die Nachfrage, so war der Saal im Alten Spital bis auf den letzten Platz besetzt. Dies freute besonders die Organisatoren, Franz Ziegler und Patricia Flammer, Leiter der Fachstelle Kinderschutz. Umso grösser war das Bedauern, dass es sich hierbei um die letzte Minimax Veranstaltung handeln könnte. Denn im Zuge der Sparmassnahmen des Kantons soll die kantonale Fachstelle Kinderschutz per Ende des laufenden Jahres aufgehoben werden.

Schwer verdaulicher Hauptgang

In seiner Begrüssungsrede lockerte Ziegler gekonnt die Stimmung auf, was er selbst als «Amuse bouche» bezeichnete, «obwohl man bei der Thematik des nachfolgenden Hauptgang leicht den Appetit verlieren kann». Hauptreferent des Nachmittags war Michael Klein, Professor für klinische Psychologie und angewandte Suchtforschung. Seit über 30 Jahren beschäftigt sich Klein mit der Thematik «Sucht in Familien». Nach Aufzeigen des historischen Verlaufs der Suchtforschung klärte der Experte über die Risiken für betroffene Kinder auf.

So lautete sein Fazit: «Die elterliche Suchtmittelabhängigkeit gilt als eine der risikoreichsten und gefährlichsten Konstellationen für die gesunde psychische und körperliche Entwicklung von Kindern». Eine Schädigung sei zwar nicht zwingend, aber die Wahrscheinlichkeit dafür sei im Vergleich zu Kindern, die in normalen Familienverhältnissen aufwachsen, um das sechsfache erhöht. Mehr als 30 Prozent der Kinder aus suchtbelasteten Familien werden selbst suchtkrank, meist schon sehr früh in ihrem Leben. Dazu kommen psychische, soziale und materielle Schwierigkeiten.

Botschaft an die Politik

Aus diesem Grund ist eine frühzeitige Unterstützung und Prävention unabdingbar. Dazu Klein: «Hier eine Botschaft an die Politik: Wenn nichts dagegen unternommen wird, können betroffene Kinder für die Gesellschaft sehr teuer werden.» Als lokaler Fachmann für Unterstützung Betroffener, Kinder und Bezugspersonen war Ueli Imhof zugegen. Imhof stellte einige der 27 Einrichtungen des Kantons Solothurn in diesem Bereich vor, darunter das Projekt «Freizeit - starke Zeit!» der Perspektive Region Solothurn-Grenchen in Zusammenarbeit mit der Suchthilfe Ost. Als Gegenerfahrung zum belasteten Familienalltag sollen die Kinder mithilfe fachlicher Unterstützung eine gut gestaltete Freizeit mit tragenden Beziehungen aufbauen können. Denn «Kinder sollen im Alltag einfach Kind sein dürfen», so Imhof. Das Angebot richtet sich an Kinder ab Kindergartenalter bis zur sechsten Klasse.