«Will ich Floristin werden – oder eine Ausbildung zur kaufmännischen Angestellten absolvieren?», fragt sich derzeit vielleicht eine junge Frau in der zweiten Klasse der Sek E. Und ihr Banknachbar brütet über der Frage, ob es eine Lehre zum Polymechaniker sein soll oder der Beruf als Mediamatiker besser zu ihm passt. Oder ist doch Automechaniker der richtige Beruf? Guter Rat ist da oft teuer. Wie also finden die jungen Leute zu «ihrem» Beruf? Durchforsten die 14- bis 16-Jährigen seitenlange Berufsbeschreibungen im Internet, besuchen Infomessen, absolvieren Schnupperlehren und wählen dann den Beruf, der am besten mit ihren Fähigkeiten und Interessen übereinstimmt?

Auch wenn man das vielleicht meinen könnte, der Erziehungswissenschafter Markus Neuenschwander von der Pädagogischen Hochschule in Solothurn sieht das anders: «Die jungen Leute wären mit einem solchen Prozess völlig überfordert», sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Überfordert von der schieren Zahl der Berufe, immerhin gibt es derzeit gegen 300 Berufslehren mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ). Überfordert aber auch von den für sie wenig verständlichen Berufsbeschreibungen. «Junge Leute wissen nicht, was es heisst, berufstätig zu sein, sie können sich unter diesen Beschreibungen deshalb nur wenig vorstellen.»

Emotionen spielen eine Rolle

«Die Berufswahl ist kein vollständig rationaler Prozess», so Neuenschwander. Entscheidender sei vielmehr, wie ein Kind aufwächst und welche beruflichen Vorbilder es hat. Der Wissenschafter nimmt damit wohl eines der wichtigsten Ergebnisse seiner Studien vorweg. Aber alles der Reihe nach. Dass es weniger die Ratio ist, welche Jugendliche in ihrem Berufswahlprozess begleitet, sondern ganz andere Dinge, zeigte eine erste Umfrage, die er ihm Rahmen seines Forschungsprojekts «Determinanten von Berufsbildungsentscheiden» durchgeführt hat.

Um herauszufinden, wie Jugendliche zu dem für sie passenden Beruf kommen, hat Neuenschwander zusammen mit seinem Team bei gegen 500 Jugendlichen aus der ganzen Deutschschweiz am Ende der neunten Klassen mehrere Befragungen durchgeführt. In einem ersten Durchgang mussten die jungen Frauen und Männer beantworten, was bei ihnen zur Sicherheit im Berufswahlprozess beigetragen hat.

Und der durchaus überraschende Befund: «Es waren vor allem emotionale und nicht rationale Kriterien», fasst Neuenschwander zusammen. «Ich habe das Gefühl gehabt, dass es passt», antworteten viele. Oder: «Ich habe mich im Team wohlgefühlt.» Eine verschwindende Minderheit hingegen gab an, dass schriftliche Informationen über die Berufe für sie entscheidend gewesen wären.

Die Wissenschafter wollten es dann noch genauer wissen: Wie lässt sich der Berufsfindungsprozess beschreiben? Neuenschwander erkennt im Auswahlverfahren der Jugendlichen bestimmte «Heuristiken». Dabei handelt es sich um Vorgehensweisen, mit denen jemand «trotz unvollständiger Informationen eine möglichst gute Entscheidung treffen kann», erläutert Neuenschwander.

Vom Einfluss der Eltern

Das Forschungsteam stellte rund 20 «Heuristiken» zusammen. Darunter fallen etwa die Schnupperlehre, das Urteil von Kollegen oder auch die späteren Berufsaussichten, die Berufs- und Laufbahnberatung, die Unterstützung von Lehrern und Eltern, die eigenen Interessen, die eigene Fähigkeiten. Ein umfassender Katalog also – der allen 500 Jugendlichen vorgelegt worden ist.

Die Kernfrage: Was war für Euch entscheidend, um eine möglichst passende Lehrstelle zu finden? Die jungen Leute durften dabei mehr als ein Kriterium ankreuzen.
Fünf Punkte haben sich als entscheidend herausgestellt. Und zwar in dieser Reihenfolge: 1. Das Interesse, 2. die Hilfe der Eltern, 3. die Hartnäckigkeit bei der Lehrstellensuche, 4. die Unterstützung der Lehrer und 5. schliesslich die möglichst frühe Entscheidung.

Für Markus Neuenschwander besonders spannend ist, dass neben der Beratung durch die Eltern und die Lehrpersonen die Motivation eine zentrale Rolle zu spielen scheint. Also weniger die Leistungen oder die Fähigkeiten, sondern das Interesse an einem Beruf sowie die Hartnäckigkeit auf der Suche nach der passenden Lehrstelle.

Neuenschwander: «Nicht das Wissen, sondern die Motivation ist für eine erfolgreiche Berufswahl entscheidend.» Ganz nach dem Motto: Wenn ich mich genügend engagiere, dann kann ich es auch, so Neuenschwander.

Gleich nach dem Interesse erachten die jungen Leute die Beratung durch die Eltern für besonders entscheidend, um eine für sie passende Lehrstelle zu finden. Neuenschwander: «Es ist vor allem das berufliche Vorbild von Eltern und Verwandten, das einen starken Einfluss auf Jugendliche ausübt.» An diesen Vorbildern im Umfeld konkretisiere sich ein Berufsfeld. Die Art der Sozialisation spiele also eine entscheidende Rolle. Jugendliche sind mit 14 noch sehr flexibel, auch formbar. Zudem: «Eltern kennen ihre Kinder und beraten sie.» Selten gebe es Jugendliche, so beobachtet Neuenschwander, die sich gegen den Willen der Eltern für eine Ausbildung entscheiden.

Beratung durch Lehrpersonen

Die Bedeutung von Vorbildern und die Beratung durch die Eltern machen deutlich, dass Kinder von Migranten und von eher bildungsfernen Schichten oder auch Alleinerziehende benachteiligt sind. Eine Reihe von Elternbildungsangeboten wollen hier Gegensteuer geben. Diese Zielgruppen wirklich zu erreichen, sei allerdings nicht einfach. Die Bedeutung der Vorbilder führe zudem dazu, dass Kinder häufig das werden, was ihre Eltern sind. Auch das sei durchaus nicht immer unproblematisch.

Ein Korrektiv zu beiden Arten von «Sozialisierungseffekten» können die Lehrpersonen bilden. Die Beratung durch diese nennen die befragten Jugendlichen an vierter Stelle. Worin aber besteht genau der Anteil der Lehrpersonen? Gemäss Neuenschwander ist vor allem das Coaching entscheidend, das ein Lehrer leisten kann, weniger das Aushändigen von Berufsmappen und dergleichen, also die simple Information über Berufe. Das Fach Berufsfindung, wie es der Lehrplan 21 vorschlägt und das sich in Solothurn bereits etabliert hat, reiht sich hier ein.

(Zu) frühe Entscheidung

Auffallend ist die Bedeutung der frühen Entscheidung. «Je früher ich mich mit der Berufswahl auseinandersetze, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es passt», so die Erfahrung vieler Jugendlicher. Die frühe Entscheidung als Erfolgsfaktor – das ist für Neuenschwander ein eher «problematischer Befund». Die Jugendlichen reagieren hier auf ein Faktum in der Berufswelt.

Je früher jemand mit dem Bewerbungsprozess beginnt, desto grösser ist die Auswahl. Grund: Viele Firmen besetzen ihre offenen Stellen bereits rund ein Jahr vor Lehrbeginn – und hoffen so, die besten Schüler anzusprechen. Markus Neuenschwander hält das allerdings für ein «Missverständnis». «Aufgrund ihrer individuellen Entwicklung können sich etliche begabte und motivierte Schüler erst zu einem späteren Zeitpunkt entscheiden.»