Gastkolumne
Kernschmelze

Gastkolumne zu gelebter Gemeinschaft – und zu den weltweit zahllosen Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche

Tatjana Christina Disteli
Tatjana Christina Disteli
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«Die Zweifel nagen, denn diese andere, die dunkle Wahrheit, belastet uns alle immens», schreibt Tatjana Christina Disteli.

«Die Zweifel nagen, denn diese andere, die dunkle Wahrheit, belastet uns alle immens», schreibt Tatjana Christina Disteli.

Nicole + Kenneth Nars

Beim Pendeln vor zwei Jahren haben wir uns kennen gelernt – obwohl Schweizer dabei bekanntlich kaum ins Gespräch kommen. Seither verabreden wir uns ab und zu. Am letzten Samstagabend lädt sie mich erstmals und völlig unkompliziert in ihr Heim ein. Sie hatten angekündigt, italienisch zu kochen. Als Gastgeschenk bringe ich dazu einen schönen Amarone mit und Brioche vom Brändli.
Sie öffnet die Tür und heisst mich herzlich willkommen, stellt mir ihren Mann vor. Wir drei sind keine Kinder der Langeweile, wir erzählen leidenschaftlich,
erkennen die Zwischentöne und halten auch Momente der Stille prima aus. Die beiden sind sympathisch, offen, ehrlich.

Nach dem ersten Geplauder setzen wir uns an den gedeckten Tisch. Sie zieht ihre Bruschette aus dem Ofen. Er giesst den Wein ein. Wir stossen an, die Gläser klingen. Menschsein. Ganz da. Vorbehaltlos willkommen – angenommen. Er ist evangelisch-lutherisch, sie katholisch. Beide entstammen Bauernfamilien und sind Wissenschaftler geworden, Forscher. Alle drei interessieren sich für «Gott und die Welt». Die Politik gehört zu unseren Gesprächsthemen, der ungelöste Brexit, die EU generell, aber auch die Flüchtlingskrise und der Überfluss bei uns.
Das ist echte Gemeinschaft: So stelle ich mir auch «Kirche» vor, da, wo vorbehaltlos Brot und Wein geteilt wird an dem einen Tisch. Wo wir verschieden einfach sein dürfen, mit allem, was wir sind. Kirche soll Raum und Zeit, Lebensatem und Vertrauen ermöglichen.
Jetzt bringen die beiden ihre Lasagne auf den Tisch. Danke!
Das ist die Kirche, die ich kennen gelernt habe. Das ist Gemeinschaft ohne Gleichmacherei, wo Kritik erlaubt ist. Da unterstützt man einander. Da holt man Randständige zurück in die Mitte. Man feiert und lacht und philosophiert. Man gibt seine Kirchensteuer für sozial-diakonische Zwecke vor Ort «im Dienst der Kirche an der Gesellschaft». Nein, man sondert sich nicht ab und grenzt Menschen nicht aus!

Und ganz und gar nicht missbraucht man das Vertrauen anderer: Was jedoch in diesen Tagen aus bereits sieben Ländern der Welt ans Licht kommt – es ist nur noch schrecklich. Ohne Worte. Der Super-GAU. Die Kernschmelze der Römisch-katholischen Kirche. Wir sprechen nicht viele Worte. Es tut nur noch weh: «Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst.» Ha! Was für ein heuchlerischer Zynismus, was für eine elende Blasphemie! Diejenigen, die durch ihr ganzes Sein Gottes Liebe und Weisheit ausstrahlen und als Vorbilder in unserer Gesellschaft leben sollten, ausgerechnet ein Teil derer pervertieren ihr Amt und missbrauchen das Vertrauen junger Menschen aufs Schrecklichste. Wir verstummen angesichts der unzähligen Opfer, die dadurch jeglichen Glauben an Gott und in Menschen verloren. Wie nur kann ihnen geholfen werden?

«Strukturelle Sünde» nennt die Theologie diese Katastrophe. Die Täter gehören hinter Gitter. Die verantwortlichen Mit-Täter müssen so was von Busse tun und Umkehr nicht mehr anderen predigen, sondern selber vollziehen. Wehe! Die gesamte Glaubwürdigkeit der Kirche ist zum Teufel! Dieser Vertrauensverlust provoziert den radikalen Wendepunkt oder aber den Tod jeder moralisch-ethischen, religiösen Autorität.
Stumm sind wir auch angesichts des Generalverdachts, der nun auf allem «Katholischen» lastet; auf den Mitgliedern, den Freiwilligen im Dienst an einer guten Sache, auf den Hauptamtlichen.
Nie zuvor war ich derart entsetzt. Derart sprachlos. Derart stumm.
Trotzdem kann ich nicht aufgeben – aus Liebe zum Kern der jesuanischen Botschaft und zu Jesu Gottesbild. Aus Freude über die ehrliche karitative Arbeit, die Gemeinden, Kantone, der Bund nicht leisten könnten. Aus Liebe zur Liturgie. Ich will die vielen tollen Menschen nicht aufgeben. Doch fällt das Geradestehen schwer in diesen Tagen. Die Zweifel nagen, denn diese andere, die dunkle Wahrheit, belastet uns alle immens.
Ihr sämiges Panna cotta verschafft uns
eine weitere Pause.
Wird jetzt die katholische Kirche Aargau-Solothurn sintflutartige Austritte verzeichnen, sodass unsere Kranken-, Behinderten-, Alters-, Flüchtlings- und Jugendseelsorge vor Ort gefährdet ist? Wird jetzt auch das Gute vom Bösen zerstört?
Die beiden geben mir ein grosses Stück der köstlichen Lasagne mit nach Hause. Umarmung. Ein Blick zurück in dieses warme Haus.
Es ist fast Mitternacht. Ich tränke meinen kleinen Apfelbaum mit lebendigem Wasser. Wenigstens diese Hoffnung bleibt mir – dass der junge Baum auch im nächsten Herbst Früchte trägt. Und dass seine Kerne auf fruchtbaren Boden fallen.

Tatjana Christina Disteli ist Römisch-katholische Theologin, sie lebt in Olten.