Nach den Wahlen ist bekanntlich vor den Wahlen. Und eine Frage, die sich im Hinblick auf kommende Kantonsratswahlen stellt, lautet: Hat sich die mit der Verkleinerung des Parlaments von 144 auf 100 Mitglieder einhergehende Reduktion der Wahlkreise auf die fünf Amteien statt zehn Bezirke überhaupt bewährt oder werden damit einzelne Regionen benachteiligt?

Den Verdacht, das mit den Wahlen im Jahr 2005 eingeführte System bevorzuge die bevölkerungsreichen gegenüber den ländlichen Gebieten, äussert der Grenchner CVP-Kantonsrat Peter Brotschi in einer Interpellation. Der Regierungsrat sieht dagegen keinen Handlungsbedarf, wie er in der Beantwortung des Vorstosses erklärt. Zu grösseren Sitzverschiebungen sei es immer wieder gekommen, auch unter dem alten System.

Für den Regierungsrat liegt allerdings der Verdacht nahe, dass dies mehr mit anderen Faktoren als der Grösse der Wahlkreise zu tun hat. So seien zum Beispiel einzelne kleine Gemeinden über viele Jahre hinweg mit der gleichen Person im Kantonsrat vertreten gewesen. Und sobald diese dann nicht mehr zu Neuwahlen antrat, ging der Sitz zu jemandem aus einer anderen Gegend. Will heissen: Die Persönlichkeit der Kandidaten dürfte wohl den grösseren Einfluss auf die Sitzverteilung haben als die Aufteilung der Wahlkreise.

Höchste Politikerdichte in Olten

Klar: Mit nur noch 100 statt 144 Sitzen liegt es auf der Hand, dass sich die Gewählten auf weniger Gemeinden verteilen. Das zeigt sich im Vergleich der Zusammensetzung des aktuellen Parlaments mit dem Kantonsrat nach den Wahlen 2001: 70 von damals noch 130 Gemeinden stellten mindestens einen Kantonsrat, heute sind es 41 von 109. Unter dem alten System gingen also nur 42 Prozent der Gemeinden leer aus, heute sind es 59 Prozent. Genau genommen noch etwas mehr, denn zwei im Wahlkreis Bucheggberg-Wasseramt Gewählte wohnen in Solothurn.

Im Grossen und Ganzen lässt sich aber feststellen, dass die Verteilung der Mandate auch mit fünf Wahlkreisen recht gut mit den Bevölkerungsanteilen der Bezirke korrespondiert. Wo Interpellant Brotschi recht hat: In der Amtei Solothurn-Lebern ist es zu einer Verschiebung zugunsten von Solothurn gekommen: 6,2 Prozent der Kantonsbevölkerung leben in der Hauptstadt, sie stellt aber 9 Prozent der Kantonsräte.

Leidtragende sind aber gar nicht einmal hauptsächlich die kleinen (Unter-)Leberberger Gemeinden wie Kantonsrat Brotschi reklamiert, vielmehr ist es seine Heimatstadt: 2001 kam nicht weniger als ein Dutzend Kantonsräte aus der Uhrenstadt, aktuell sind es sechs. Über alle Wahlen seit 2001 hinweg kam es zu einer Verschiebung von durchschnittlich 2,5 Sitzen weg vom Bezirk Lebern hin zum Stadtbezirk Solothurn.

Wenn von einer klaren urbanen Dominanz gesprochen werden kann, ist das aber dennoch weniger im oberen Kantonsteil mit den beiden Städten Solothurn und Grenchen, sondern stärker im unteren Kantonsteil der Fall: Bei einem Bevölkerungsanteil von 20 Prozent hält der Bezirk Olten 21 Prozent der Kantonsratsmandate, was also durchaus repräsentativ wäre. Von diesen 21 Kantonsrätinnen und Kantonsräten kommen aber nicht weniger als 13 aus der Stadt Olten. Und diese Entwicklung scheint nachhaltig: In der Stellungnahme der Regierung werden nicht nur die letzten Wahlen nach dem alten System und die jüngsten von diesem Jahr miteinander verglichen, sondern die Sitzverteilung über die Wahljahre 1997–2001 und 2005–2017.

Resultat: In der Amtei Olten-Gösgen kam es zu einer durchschnittlichen Sitzverschiebung von 1,6 Sitzen weg vom Bezirk Gösgen hin zu Olten, wobei die Stadt Olten mit 3,7 Mandaten am meisten zulegte. Dennoch zeigt sich auch in der Amtei Olten-Gösgen kein einheitliches Bild einer Verschiebung zuungunsten der kleinen, ländlichen Gemeinden. So haben kleinere zentrumsferne Gemeinden wie Gunzgen, Walterswil oder Rohr Mandate gewonnen, während grössere Agglomerationsgemeinden wie Trimbach, Wangen oder Dulliken verloren haben.

Auch das dürfte zwar kaum ursächlich mit der Neueinteilung der Wahlkreise zu erklären sein, aber es lässt sich in einzelnen Regionen sogar eine generelle Entwicklung zugunsten des ländlichen Raums feststellen. In der Amtei Bucheggberg-Wasseramt kam es zum Beispiel trotz deutlicher Reduktion der zu verteilenden Mandate zu einer leichten Verschiebung der Sitze weg vom Wasseramt hin zum Bucheggberg, obwohl es im Wasseramt mehrere grosse Agglomerationsgemeinden gibt.

Die Sitzverteilung ist dennoch recht repräsentativ für die Bevölkerungsanteile: Im Wasseramt mit 20 Prozent der Kantonsratssitze leben 19 Prozent der Kantonbevölkerung, im Bucheggberg sind 3 Prozent der Solothurner zu Hause und der Bezirk stellt zwei Kantonsrätinnen: Die Gemeindepräsidentinnen Marianne Meister aus Messen und Verena Meyer aus Buchegg. In der Amtei Thal-Gäu kam es zur grössten Verschiebung: Seit dem Systemwechsel gingen durchschnittlich 3,3 Sitze vom Gäu zum Thal. Der Bezirk Gäu ist gemessen am Bevölkerungsanteil (7,6 Prozent) mit fünf Sitzen etwas unter-, das Thal (5,4 Prozent Bevölkerungsanteil) mit 8 Sitzen übervertreten.