Nadja Imoberdorf und Lisa Rüegsegger wollten die Bedeutung der Solothurn-Moutier-Bahn für die Stadt Solothurn unter die Lupe nehmen. Gefunden haben die angehenden Drogistinnen das Thal in Bedrängnis, ihr Interesse an der Romandie und an der Technik und ihr persönliches politisches Flair.

Mit 13 weiteren Lernenden präsentieren sie am Montag an der Gewerblich-Industriellen Berufsfachschule in Solothurn die «Meisterstücke der Berufslernenden».

Wie kommen angehende Drogistinnen zur Solothurn-Moutier-Bahn als Forschungsthema? «Bei den Gesundheitsberufen besteht die Gefahr, dass die Lernenden einen Fachvortrag halten. Das Ziel beim allgemeinbildenden Unterricht und damit für die Vertiefungsarbeit ist aber die Sensibilisierung für gesellschaftliche Zusammenhänge. Deshalb ermutige ich die Lernenden, ein gesellschaftspolitisches Thema zu wählen», erklärt Rahel Eckert-Stauber, Moderatorin der Vernissage und Fachbetreuerin von Rüegsegger und Imoberdorf.

Generell ist sie mit den Arbeiten in diesem Schuljahr sehr zufrieden: «Wir haben einen ausgesprochen starken Berufsbildungsjahrgang und konnten für die Vernissage aus vielen spannenden Abschluss- und Berufsmaturarbeiten auswählen.»

Den roten Faden aufzeigen

Keine Präsentation trifft den gesellschaftlichen Nerv so stark wie die mit Bestnote ausgezeichnete Arbeit «Moutier-Bahn vor dem Aus – grosser Verlust oder Neuanfang für eine Stadt?». Die Ironie dabei: Nach Abschluss der Forschung letzten November würden die Autorinnen den Titel anders setzen.

Vor dem Beginn sahen sie in Solothurn jene «Stadt», dann dachten sie, die Bedrohung richte sich gegen Moutier. «Aber nein, es ist das Thal, das an den Rand gedrängt wird», bringt Nadja Imoberdorf die Erkenntnis auf den Punkt. Die Kestenholzerin hat ebenso wie ihre Kollegin Lisa Rüegsegger, Wohnort Oberbuchsiten, ein persönliches Interesse an der Erhaltung des Bähnli.

Vor dem letzten Sommer hatte keine der zwei jungen Frauen Interesse an Politik. Jetzt ist das anders. Engagiert setzen sie sich für die Erhaltung des Weissensteintunnels und damit für die öV-Verbindung ein, wie sie heute besteht. «So dynamisch ist das Thema, dass es schwierig ist, den Überblick zu behalten: Aktivitäten der Bevölkerung, die VCS-Petition zur Erhaltung der Bahn, die Anstrengungen der Regierung, die Lobbyarbeit auf Bundesebene, das grosse Medieninteresse – da kann man sich leicht verlieren. Unsere Arbeit von 25 Seiten plus elf Seiten Anhang mit Mindmap, gibt einen guten Überblick über das Wesentliche. Sie hilft, den roten Faden zu sehen», heisst es bei den Autorinnen selbstbewusst. «Im Idealfall wird die Arbeit zu einem politischen Instrument zur Erhaltung der Bahn.»

Aus diesem Grund haben Rüegsegger und Imoberdorf den Text während der Realisierung dreimal ergänzt und für ihre Präsentation nochmals auf den aktuellen Stand gebracht.

Weissenstein besser vermarkten

Inhaltlich basiert die Recherche auf vier Standbeinen: einer Befragung von 30 Bahnreisenden in Oberdorf und Moutier, dem Selbstversuch alternativer Routen im Auto, einer fachlichen Führung durch das «Musée du tour automatique et d’histoire» in Moutier und einem Interview mit Daniel Cattin, Lobbyist für die Solothurn-Moutier-Bahn und Raumplaner im Ruhestand. Hintergrundwissen hätten vor allem diese Zeitung und Internetrecherchen geliefert.

«Diese Alternativrouten, besonders am Balmberg, waren für uns als Junglenkerinnen nur bedingt geeignet», erinnert sich Nadja Imoberdorf an den Selbstversuch und lacht. Der Blick auf die Uhr habe dann gezeigt, dass keine Autoroute nach Osten oder Westen für irgendeinen Reisenden als Bähnli-Ersatz taugt. «Das dauert alles viel zu lang – zwischen sieben Minuten und einer halben Stunde zusätzlich, und selbst wenn man den Zug durch den Grenchenbergtunnel in Betracht zieht, so macht der Bustransfer vom Nord- zum Südbahnhof auch die Bahnausweichroute unpraktisch», erklärt Lisa Rüegsegger.

Mitautorin Nadja Imoberdorf fordert an die Adresse von Bern: «Bei den Busrouten müsste man neben dem Zeitverlust, der ohnehin entsteht, die Staustunden mitrechnen – man denke da nur an das Nadelöhr in Balsthal.»

Viel vernünftiger erscheint ihnen der Vorschlag einer direkten Bahnlinie Solothurn–Belfort von Cattin. Und zur Ergänzung des Personenverkehrs ein Güterverkehrskorridor über Moutier durch den Weissenstein, zur Entlastung von Basel.

Auch die Tunnelbetreiberin BLS und das Naherholungsgebiet oberhalb nehmen die Autorinnen in die Pflicht: «Es braucht eine bessere Vermarktung des Weissensteins mit dem Kombiangebot Solothurn-Moutier-Bahn und Seilbahn. Es gibt unzählige Angebote für Attraktionen samt Reiseweg. Wo bleibt das Plakat, das den Solothurner Hausberg so bewirbt?»

Hindernisse überwinden

Die Autorinnen haben festgestellt, dass die Realisierung der Arbeit sie persönlich weitergebracht hat: Gemeinsam nennen sie das Interesse an der Romandie durch die eigenhändig übersetzte Umfrage in Moutier. Rüegsegger erwähnt zudem das Interesse an Technik, das die Ingenieurarbeiten (Brücken und Quellfassungen) bei ihr geweckt haben.

Imoberdorf erzählt, sie habe zur Dokumentation der topografischen Verhältnisse am Balmberg erstmals einen Kurzfilm geschnitten und zusammengestellt. Diese Filmsequenz kommentierten die jungen Berufsfrauen am Montagabend live.

Öffnungszeiten Ausstellung in der Aula der GIBS:

Dienstag, 3. Mai: 8.30 – 11 Uhr und 13.30 – 16 Uhr, Mittwoch, 4. Mai: 8.30 – 10 Uhr.

Vorgestellt werden alle 156 Vertiefungsarbeiten der Abschlussklassen und 27 interdisziplinären Projektarbeiten der Berufsmaturitätsklassen.