Seewen

Kein erweitertes Leitwerk: Amphibien am Baslerweiher sind auf Helfer angewiesen

Beim Baslerweiher in Seewen würde ein Leitwerk viele Amphibien vor dem Tod retten. Ein Sanierungsprojekt wird vom Kanton aber nicht weiterverfolgt. So sind es die Helfer, die im schwierigen Gelände die Amphibien retten.

Seit Ende Februar ziehen sie, die Amphibien. Heuer früher als sonst. Und wo Strassen sind, befinden sie sich in Gefahr. Im Schwarzbubenland sorgt eine Zugstelle seit Jahren für Sorgen. Auf der Bretzwilerstrasse bei Seewen kommen hunderte Frösche und Kröten ums Leben. Dies, obwohl vor 10 Jahren ein Leitwerk mit drei Durchlässen für Amphibien und andere Kleintiere gebaut wurde. Das Problem: Das Leitwerk deckt nur den südlichen Teil der Zugstelle ab. Im nördlichen Teil, wo die Strasse am steilen Hang entlangführt, sind die Amphibien ungeschützt. Eine Verlängerung des bestehenden Leitwerks beidseits der Strasse 500 Meter nach Norden und weitere Durchlässe würden helfen. Doch ein entsprechendes Vorprojekt wurde vom Kanton verworfen. 

«Die Strasse grenzt hier unmittelbar an eine steile, felsige Böschung», erläutert Thomas Schwaller, Leiter der Abteilung Natur und Landschaft im Amt für Raumplanung. Die Situation vor Ort hatte sich der Kanton 2018 mit einem Ingenieurbüro und der Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz (karch) und im Jahr darauf mit einem Bauunternehmer angeschaut. «Zwischen Fahrbahnrand und Böschung sind keine Schutzmassnahmen möglich», so Schwaller. Daher müsste das Leitwerk oberhalb der Böschung erstellt werden. Dies würde zu einem Kilometer langen permanenten Leitwerk aus Stahl führen, welche die Amphibien zu insgesamt vier Unterführungen unter der Bretzwilerstrasse lenken sollten.

Der Kanton prüfte die Machbarkeitsstudie, die von geschätzten 820'000 Franken Realisierungskosten ausging – und entschied sich aus Kostengründen gegen eine Realisierung. «Das schwierige Gelände erlaubt offenbar nur eine machbare und zielführende Variante», so Schwaller. Somit seien keine weiteren baulichen Alternativmassnahmen mehr untersucht worden. 

Das Amt für Verkehr und Tiefbau hat aber immerhin als Sofortmassnahme verfügt, dass die Tempolimite auf der Bretzwilerstrasse auf Höhe des Baslerweihers während der Amphibienzugzeit von 80 auf 50 km/h reduziert wird. «Diese Massnahme dient primär der Sicherheit der Freiwilligen, welche die Amphibien über die Strasse tragen», so Thomas Schwaller.

«Einige scheren sich um nichts»

Die Gefahr habe sich durch das Tempolimit deutlich verringert, meint Chris Schelker, der seit drei Jahren mit anpackt und den 15-köpfigen und fast ausschliesslich von Frauen besetzte Hilfstrupp im zweiten Jahr koordiniert. «Im Grossen und Ganzen wird diese Geschwindigkeitsbegrenzung eingehalten. Aber es gibt leider immer wieder Raser, die sich um nichts scheren.» Radarkontrollen sollen hier Abhilfe schaffen. Warndreiecke und -leuchten weisen auf die Zugstelle hin. 

Derzeit seien die Amphibien bereits wieder auf der Rückwanderung, erzählt Schelker. «Am Morgen wandern sie in der Regel nicht. Aber an den Abenden sind Zweier- oder Dreier-Helferteams ab Beginn der Dämmerung unterwegs - wenn es sein muss bis nach Mitternacht.» Die Rekordnacht - bei Regen und warmer Temperatur - ergab 220 gezählte Tiere. Insgesamt seien bisher zirka 1100 Amphibien gezählt worden. Davon lagen um die 150 tot auf der Strasse. 

Als Motivation, weshalb sich das Team für die Amphibien einsetzt, nennt er die Verhinderung des «Amphibienmassakers, das bis vor wenigen Jahren in Seewen noch stattfand.» Wer einmal so eine Kröte oder einen Frosch in der Hand gehabt hätte, der bekomme einfach Freude an diesen Tieren. Seinem Team kann er nur ein Kränzchen winden. «Ich freue mich sehr ob der schier grenzenlosen Einsatzbereitschaft.» In Zeiten des Coronalockdown sei es noch einfacher geworden, die Abende zu besetzen, meint er und scherzt: «Man hat ja sonst nichts Gescheiteres zu tun.»

Rutschige Arbeit 

Ihre Arbeit ist beschwerlich. Die Helfer müssen oberhalb der Felsen die Blachen abgehen, um die Eimer zu leeren. «Bei Regen ist das ein ziemliches Abenteuer», sagt Schelker. Der Boden sei rutschig, dazu sei es dunkel und man habe noch Bleistift und Papier in der Hand, um den Inhalt jedes der 17 vergrabenen Eimer zu dokumentieren. Dann hätte jeder Helfer noch seinen persönlichen Eimer dabei, um die Tiere aufzusammeln. Eine äusserst gefährliche Stelle sei zum Glück durch den Wildhüter entschärft worden.

Die Arbeit im Hang ist das eine. «Zum anderen muss man die Tiere von der Strasse holen und sich der Gefahr aussetzen, selber überfahren zu werden», gibt Chris Schelker zu denken. Ein erweitertes, definitives Leitwerk bezeichnet er deshalb als «dringend». 

Dieser Ansicht ist auch Esther Schweizer, karch-Vertretung Kanton Solothurn Nordost. Das Vorprojekt wäre technisch umsetzbar gewesen, hätte einfach viel gekostet. «Wir müssen uns nun damit begnügen, aber weiterhin Druck machen», meint die Umweltingenieurin FH. Ihr Wunsch: Eine Lösung soll her, sodass Amphibien und Helfer nicht mehr diesem grossen Risiko ausgesetzt sind. Ihre grösste Sorge: Dass ein Helfer verunfallt.

Nicht komplett vom Tisch

Für den Kanton ist ein Sanierungsprojekt an der Bretzwilerstrasse nicht komplett vom Tisch. «Diese Zugstelle hat für den Kanton nach wie vor eine hohe Priorität», sagt Thomas Schwaller vom Amt für Raumplanung. Die Sanierungsbedürftigkeit sei grundsätzlich gegeben. Der Bund würde einen Teil der Kosten für ein allfälliges Projekt übernehmen, weil es sich beim Baslerweiher um ein Amphibienlaichgebiet von nationaler Bedeutung handelt (siehe Kasten).

Derzeit laufen im Kanton Vorarbeiten für eine Sanierung verschiedener anderer Amphibienzugstellen. Eine davon ist diejenige an der Luterbachstrasse in Deitingen.

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