Grippeimpfung

Kein Einblick in die Durchimpfungsrate beim Personal: Hat die soH ein Impfproblem?

Bei weitem nicht sämtliches Spitalpersonal lässt sich jährlich gegen die Grippe impfen.

Bei weitem nicht sämtliches Spitalpersonal lässt sich jährlich gegen die Grippe impfen.

Die Grippe-Impfrate ist beim Personal an Spitälern grundsätzlich tief. Einzig in Solothurn nennt man keine Zahlen.

Das Coronavirus hält die Welt in Atem. Doch während es in der Schweiz noch keine bestätigten Ansteckungen gibt, hat sich eine andere Krankheit, im Schatten von Corona fast unbemerkt, breitgemacht: die Grippe. Seit der zweiten Januarwoche haben die Anzahl Ansteckungen laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) den Schwellenwert überschritten, seither grassiert offiziell die Grippewelle. Auf 100 000 Einwohner haben rund 215 die Grippe, Tendenz steigend. Spezifische Zahlen zum Kanton Solothurn gibt es keine, Kantonsarzt Lukas Fenner geht aber davon aus, dass die Zahlen hier ähnlich aussehen.

Wie schlimm die Grippewelle noch werden wird, das lasse sich nicht voraussagen, sagt Fenner: «Wir hoffen, dass sie nicht schlimmer als in den vergangenen Jahren ausfällt.» Als wichtige Präventionsmassnahmen nennt er das Bereitstellen von Informationen. So informiert der Kanton über «banale, aber sehr wichtige» Hygienemassnahmen (regelmässig Händewaschen, in die Armbeuge niesen, bei Grippesymptomen zu Hause bleiben) und empfiehlt die Grippeimpfung – insbesondere bei älteren Menschen, bei denen eine Grippe im Schnitt schlimmere Folgen hat. Die Durchimpfungsrate ist aber auch bei dieser Risikogruppe eher tief. Laut einer Umfrage des BAG aus dem März 2019 waren ein Drittel aller über 65-Jährigen geimpft. Angestrebt wird ein Wert von 75 Prozent.

Mehrere hundert Personen sterben schweizweit jährlich an der Grippe. Insbesondere ältere Personen. Wird in Sachen Prävention zu wenig gemacht? Nein, findet Fenner. «Der Bund unternimmt sehr viel, um die Impfrate zu erhöhen. Man hat erkannt, dass die jährliche Grippe ein wiederkehrendes Problem ist, dessen Folgen man möglichst gut abdämpfen sollte  – gerade bei Personen mit erhöhtem Komplikationsrisiko wie ältere Menschen.»

Zahlen zur Impfrate am Spital werden nicht genannt

Bei der Solothurner Spitäler AG (soH) ist man für die Grippe gerüstet. Ein wiederkehrendes Politikum ist dort ein anderes: die Durchimpfungsrate beim Personal. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand an der Grippe verstirbt, ist umso höher, je geschwächter die Person ist. Wenn sie also zum Beispiel aufgrund einer anderen Krankheit im Spital ist. Gleichzeitig stecken sich fünf bis zehn Prozent aller Grippefälle, die die Solothurner Spitäler behandeln, erst im Spital an (das Kantonsspital Olten und das Bürgerspital Solothurn zusammen behandelten in der Grippesaison 17/18 rund 300 Grippepatienten, in der Saison 18/19 rund 240). Wo sich diese Patienten angesteckt haben – etwa in der Spital-Cafeteria, bei Besuchern oder beim Personal  – lässt sich nicht sagen. Dass Pflegepersonen oder Ärzte Patienten anstecken, lässt sich jedenfalls nicht ausschliessen. Grippesymptome treten erst 24 Stunden nach der Ansteckung auf. Jemand, der noch gar nicht weiss, dass er krank ist, kann in dieser Zeit andere Menschen anstecken.

Trotz dieser Punkte: Die Durchimpfungsrate am Spital, gerade beim Pflegepersonal, ist eher tief. Konkrete Zahlen kommuniziert die soH nicht. Rein Jan Piso, Leiter Infektiologie am Kantonsspital Olten, begründet dies wie folgt: «Diese Zahlen machen nur Sinn, wenn sie nach wissenschaftlichen Kriterien erhoben werden. Man müsste Parameter einführen, unterscheiden zwischen Personal mit und ohne Patientenkontakt, und die Zahlen nach einzelnen Abteilungen auswerten. Dann hat man vergleichbare Zahlen. Vergleiche der Gesamtzahlen sind aufgrund unterschiedlicher Strukturen in den Spitälern und nicht eindeutigen Erfassungsparametern schwierig. Aus journalistischer Sicht ist das zulässig, aus wissenschaftlicher nicht.» Deshalb, und weil das Thema derart ein Politikum sei, würde man diese Zahlen nicht veröffentlichen.

Die Problematik hat auch das BAG erkannt. Eine Arbeitsgruppe beschäftigt sich damit, einheitliche Kriterien auszuarbeiten, damit sich die Zahlen aus den verschiedenen Spitälern überhaupt vergleichen lassen. Auch wenn man keine Zahlen nenne: Die soH sei sicher nicht schlechter als andere Spitäler, unterstreicht Piso. Weiter betont der Infektiologe, dass die Impfung zwar wichtig sei, aber nur ein Pfeiler in einem ganzen Präventionsmassnahmenpaket. «Entscheidend ist, wie das Gesamtpaket umgesetzt wird.»

Problem ist erkannt, mehr könne man nicht machen

Die soH fährt jährlich eine breite Werbekampagne, um ihren Mitarbeitern die Impfung schmackhaft zu machen. Mit Plakaten, Vorträgen, Intranet-Einträgen und weiteren Massnahmen. Ihren ungeimpften Mitarbeitern empfiehlt die soH zudem bei Patientenkontakt das Tragen einer Maske. An den Spitälern in Bern wie auch in Aarau geht man einen Schritt weiter: Ungeimpftes Personal muss dort zwingend eine Schutzmaske tragen. Diesen Zwang gab es in der Vergangenheit auch an den Solothurner Spitälern, mittlerweile hat man ihn aber wieder abgeschafft. «Ob diese Vorschrift eingehalten wird, lässt sich gar nicht überprüfen», begründet Piso. Man wolle keine Regeln, deren Umsetzung man nicht kontrollieren könne.

Hat die soH bei ihren Mitarbeitern ein Impfproblem? Die Zahlen der soH seien zumindest gleich gut wie bei anderen Spitälern, von denen er die Daten kenne, sagt Piso, selber starker Impf-Befürworter: «Ich finde es schade, dass die Durchimpfungsrate im Spital zu tief ist. Wir sehen aber über die Jahre hinweg einen stetigen Anstieg.» Zudem wisse man gerade in Akutspitälern nicht, wie hoch die Impfrate sein müsste, damit sich der Einfluss auf die Sterblichkeit bei den Patienten belegen lässt.

Kantonsarzt Fenner gibt hier zu bedenken: «Es gibt Studien die darauf hindeuten, dass gegen Grippe geimpfte Gesundheitspersonal einen indirekten Schutz für die älteren und gesundheitlich geschwächten Personen darstellt.» Aber auch er kann sich nicht vorstellen, dass die soH ein Impfproblem hat: «Sie machen sehr viel. Die Durchimpfungsrate bei Gesundheitsfachpersonen ist kein akutes Problem. Schweizweit ist man bemüht, die Raten zu verbessern. Aber ohne einen Impfzwang kann man im Moment gar nicht viel mehr machen.» Und einen Impfzwang zieht niemand ernsthaft in Betracht. Dieser ist alleine schon aus rechtlicher Sicht gar nicht durchsetzbar.

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