In 22 Jahren wird die Autobahn A1 zwischen Bern und Zürich fast durchgehend sechsspurig befahrbar sein. Fast. Denn eine Ausnahme gibt es: Die Strecke Kirchberg-Luterbach wird weiterhin nur vierspurig sein, während zwischen Luterbach und Härkingen nach 2020 der 6-Spur-Ausbau kommen soll.

Mehr als 72'000 Fahrzeuge fahren auf der Strecke järhlich verbei. Trotzdem gilt sie im «Strategische Entwicklungsprogramm Nationalstrasse» als «weniger prioritär». Bis 2040 ist beim Bund nämlich keine Ausbau-Planung des entsprechenden Abschnitts vorgesehen. Die Wasserämter Gemeindepräsidenten befürchten nun eine Zuspitzung des schon bestehenden Problems, nämlich dass die Fahrzeughalter bei überlasteter A1 die Autobahn verlassen und sich durch die bereits stark frequentierten Dörfer wälzen.

Bekannt ist das Problem auch dem Solothurner Regierungsrat. Und dieser ist deshalb kürzlich in Bern vorstellig geworden. Er beantragte in seiner Vernehmlassungsantwort, den Autobahnabschnitt bis spätestens 2040 auszubauen. Es sei nicht nachvollziehbar, dass dies nicht geplant sei, so der Regierungsrat. «Die Region verliert mit dieser schweizweit bekannten Stauproblematik an Standortattraktivität.» Folge des Ausweichverkehrs seien «intensivierte Unterhaltsarbeiten - notabene zu Lasten der Gemeinden und des Kantons».

«Der Verkehr hat in den letzten Jahren merklich zugenommen und ist kaum mehr tragbar für unser Dorf», sagt Simon Wiedmer, Gemeindepräsident von Kriegstetten. Die Sorge ist gross, dass er künftig nochmals zunimmt. «Wir bemerken in Derendingen jetzt schon ständig, dass die A1 überlastet ist», stellt auch Kuno Tschumi, Derendingens Gemeindepräsident, fest. «20'000 bis 25'000 Fahrzeuge befahren täglich den Kreuzplatz in Derendingen, gemäss einer Studie wären es täglich 7000 weniger, wenn es einen Autobahnanschluss zwischen Derendingen und Subingen gäbe», so Tschumi.

Sein Amtskollege Hansruedi Ingold aus Subingen kritisiertt: «Der Stau beginnt nicht in Luterbach, sondern kurz nach dem Grauholz, denn dort ist ein riesiger Flaschenhals. Selbstverständlich wird das Problem noch verschärft, wenn jetzt einfach ein kürzerer Flaschenhals gemacht wird.» Ingold ist spürbar verärgert über den Entschluss aus Bundesbern: «Für mich ist das absolut unfachmännisch und falsch. Das löst keine Probleme.» Das Thema sei eine ständige Diskussion in allen Gremien, in denen er sitze. Philipp Heri, Gemeindepräsident von Gerlafingen, zeigt dagegen eher Verständnis für den Beschluss: «Es geht nun mal nicht überall gleichzeitig.»

«Intelligentere Lösungen nötig»

Die Gemeindepräsidenten von Derendingen, Subingen und Kriegstetten begrüssen es, dass der Regierungsrat den Antrag auf den Sechsspurausbau stellt. Für Stefan Hug-Portmann, Gemeindepräsident von Biberist, ist klar, dass der Regierungsrat das «logischerweise fordern muss». Denn der Handlungsdruck sei gross. Doch Hug betont: «Ich bin der Meinung, dass jede Kapazitätserweiterung der Strasse Verkehrsprobleme wenn überhaupt nur temporär, partiell und kurzfristig löst.»

Es gebe bloss eine Verlagerung. «Wir müssten vermehrt auch in intelligente Mobilität investieren.» Car-Sharing, Homeoffice, flexible Arbeitszeiten, attraktiver öV nennt er als Beispiele. Dennoch ist auch er dafür, Engpässe zu beseitigen. Die A1 müsse man wohl zwischen Bern und Zürich durchgehend auf sechs Spuren ausbauen.
Dann doch der Pannenstreifen?

Der Regierungsrat hat noch ein Notlösung für die Strecke Kirchberg-Kriegstetten: Er beantragte beim Bund auch die Prüfung der Freigabe des Pannenstreifens auf diesem Teilstück, wie es auch schon von Nationalrat Kurt Fluri in einem Vorstoss gefordert worden war. Das kommt bei den Gemeindepräsidenten unterschiedlich an. Für Ingold wäre es «eine absolut denkbare Lösung» für die Spitzen am Morgen und Abend. Heri ist skeptischer, sieht es als falsches Signal und zweifelt daran, dass es viel bringt. Für Tschumi ist es eine «Minimal- oder Kompromisslösung», aber «kein Ersatz für eine sechsspurige Strecke, denn bei einer Panne fehlt der Pannenstreifen, so dass es erst recht zum Chaos kommt.»

Kantonsingenieur Peter Heiniger versucht den Entscheid des Bundes zu erklären, was «noch schwierig ist». Dieser habe gewisse übergeordnete Kriterien, die besagten, dass zuerst Abschnitte im Agglomerationsraum saniert werden müssen, vor den Abschnitten zwischen den Agglomerationen. «Der Bund hat das Gefühl, mit dem gleichen Franken, den man investiert, kann man an einem andern Ort eine höhere Wirkung erzielen als auf diesem Abschnitt.» Deshalb sei der Abschnitt zwischen Bern und Kirchberg wichtiger als jener zwischen Kirchberg und Luterbach. «Das sehen wir vom Kanton anders, weil wir sehen, dass der Ausweichverkehr durch die Dörfer geht.»

Um zumindest den Pannenstreifen als Übergangslösung umnutzen zu können, müsse man gegenüber dem Bund auch ein bisschen fordernd auftreten, so Heiniger. «Eine Umnutzung kostet aber auch Geld, es braucht bauliche Massnahmen, ein umfangreiches Planauflageverfahren. Es ist nicht damit getan, ein paar Pinselstriche anzubringen.