Amtsgericht
Karl S. verschickte «Die Wahrheit» über Heinz E. - jetzt steht er vor Gericht

Weil der Lebenspartner seines verstorbenen Bruders nicht kooperierte, griff Karl S. zu drastischen Mitteln. Er drohte ihm, ihn als «Gauner» und als homosexuell zu outen. In einem als «Die Wahrheit» betitelten Schreiben machte er seinem Ärger Luft.

Christoph Neuenschwander
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Zusammen mit seiner Mutter verfasste Karl S. «Die Wahrheit».

Zusammen mit seiner Mutter verfasste Karl S. «Die Wahrheit».

AZ

«Willst Du als hinterhältiger Erbschleicher, Gauner und Krimineller enden?» Diese eher rhetorische und keineswegs schmeichelhafte Frage stellte Karl S.* dem gleichgeschlechtlichen Lebenspartner seines verstorbenen Bruders Albert* in einem Schreiben namens «Die Wahrheit». Im Brief verlangte der 61-jährige Karl S. vom homosexuellen Heinz E.* Geld. Der sollte einen Teil des von Albert geerbten Geldes an die Mutter Gudrun S.* bezahlen.

Ansonsten würde der Schreiber den Empfänger als Halunken und Homosexuellen outen, unter anderem bei dessen Arbeitgeber. Die Karriere von Heinz E., ein hoher Offizier und Mitarbeiter des VBS, wäre somit zerstört, legte Karl S. nahe.

Heinz E. liess sich das nicht gefallen; drei Wochen später wurde Karl S. in seinem Haus verhaftet. Die Anklage: versuchte Erpressung, Beschimpfung und mehrfache Verleumdung. S. hatte den Brief nicht bloss an den Lebenspartner und Alleinerben seines Bruders Albert S. geschickt, sondern auch an Personen aus dem Bekanntenkreis von Heinz E.

«Aufs Übelste betrogen»

Die Geschichte, die dem Schreiben vorausging, ist lang: Heinz E. und Albert S. kauften sich gemeinsam eine Eigentumswohnung. Albert S. hatte sich dafür 25 000 Franken von seiner Mutter geliehen. Gleichzeitig versprach er seinem Bruder Karl, er werde sein Vermögen dessen Tochter vererben. Als Albert S. im September 2005 verstarb, sah aber die letztwillige Verfügung anders aus: Heinz E. als Alleinerbe, unklare Besitzverhältnisse, was die Eigentumswohnung anbelangt, und kein Wort über die 25 000 Franken der Mutter – Karl S. wurde stutzig.

Als er dann noch die Beschaffung verschiedenster Dokumente als äusserst schwierig erlebte, war für ihn der Fall klar: Heinz E. und die Notarin hatten sich gegen die Familie S. verschwört und hielten sie mit einer Verzögerungstaktik hin, der letzte Wille war möglicherweise gar eine Fälschung, vermutete Karl S.

«Meine Mutter wurde aufs Übelste betrogen», zeigte sich S. auch am Montag vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern überzeugt. «Sie ist eine hilflose Frau.» 2010 habe er deshalb gemeinsam mit ihr im Altersheim den Brief «Die Wahrheit» aufgesetzt. Um Heinz E. klarzumachen, dass es so nicht weitergehen könne. Im Schreiben forderte Karl S. nicht bloss die 25 000 Franken für seine Mutter, sondern auch die Berücksichtigung seiner Tochter im Testament von Heinz E.

Selbstjustiz statt Rechtsweg

Auf die Frage von Amtsgerichtspräsident Rolf von Felten, weshalb Karl S. seine Ziele nicht auf dem Rechtsweg verfolge, machte dieser zunächst Ausflüchte. Schliesslich gab er zu verstehen, er glaube, durch sein Vorgehen zu Dokumenten gekommen zu sein, von denen er vorher gar nichts gewusst habe. «Es nützt nichts, wenn man in dieser Situation anständige Briefe schreibt.»

Dass man in einem Rechtsstaat aber nicht einfach zur Selbstjustiz greifen könne, war auch für Staatsanwalt Marc Finger der springende Punkt – ob die Vorwürfe im Schreiben nun wahr seien oder nicht. «Es besteht nicht der geringste Anlass, das Vorgehen des Beschuldigten zu bagatellisieren.» Der Brief sei keine Kurzschlusshandlung, sondern geplant gewesen.

Ausserdem zeige Karl S. weder Reue noch Einsicht. Finger forderte daher eine bedingte Haftstrafe von 14 Monaten sowie eine unbedingte Geldstrafe von 20 Tagessätzen à 170 Franken (3400 Franken) – als «Schuss vor den Bug». Heinz E. forderte zudem als Privatkläger eine Genugtuung von 1000 Franken.

Die Erbschaft sei «krumm gelaufen», sagte Verteidiger Urs Tschaggelar. Die Notarin habe die Familie S. zu wenig involviert und Karl S., der sich juristisch zu wenig auskannte, «zur Weissglut getrieben». Sein Klient habe aber nie vorsätzlich einen unrechtmässigen Anspruch zu erpressen versucht. Das Urteil wird am Dienstag eröffnet.

Name von der Redaktion geändert.