Das Phänomen ist in aller Munde, weil es uns alle betrifft. Geldbezug mit Kreditkarte, Instagram auf dem Handy, Autofahren mit GPS: Jeder hinterlässt seine Datenspuren in dieser Welt, ob gewollt oder nicht. Noch nie war eine so grosse digitale Datenmenge vorhanden wie heute.

Die «Big Data» mag beängstigend sein, Gefühle von Kontrollverlust und ständiger Überwachung auslösen. Doch sie hat auch das Potenzial, die Welt zu verbessern. Durch die systematische Analyse und Auswertung der Daten ergeben sich viele neue, hilfreiche Erkenntnisse.

Eine Form dieser Verarbeitung sind die Geografischen Informationssysteme (GIS). Sie dienen dazu, räumliche Daten zu visualisieren. Denn ungefähr 80 Prozent der sich im Umlauf befindenden Daten sind mit einem geografischen Bezug kodiert und somit für die Verarbeitung in GIS geeignet.

Fortschritt in Solothurn

Bernhard Marti und Raymond Treier, Geografielehrer an der Kantonschule Solothurn, gehören zu der europaweiten Elite beim Einsatz von GIS und anderen Geomedien. Sie leiten das einzige Digital Earth Center Of Exellence in der Schweiz. Das Projekt Digital Earth würdigt und verbindet europaweit Institutionen, die den Einsatz geografischer Medien besonders fördern, vor allem in den Schulen und der Lehrerbildung. Die Kanti gehört zu den fortschrittlichsten Schulen in Europa in diesen Bereichen.

Doch wie funktioniert ein GIS und was bewirkt es? «Eine Exeltabelle voller Daten, zum Beispiel zur Schulbildung in Paris, ist sehr abstrakt, sie gibt wenig Aufschluss über den Sachverhalt», erklärt Treier. Erst wenn die Daten visualisiert werden, entstehe ein aussagekräftiges Bild. «Auf der Karte kann man die Informationen viel besser aufnehmen: Im Nordosten von Paris haben am wenigsten Bewohner einen Schulabschluss, im Zentrum am meisten.»

Solche GIS-Karten können mit allen möglichen Daten gefüttert werden und werden deshalb auch in den verschiedensten Bereichen genutzt. «Heute läuft nichts mehr ohne GIS, die Technologie ist längst nicht nur für Geografen von Belang», sagt Marti.

So können zum Beispiel aktuelle Probleme, wie die Flüchtlingskrise oder der Brexit, dank den GIS-Karten von mehreren Seiten beleuchtet werden: «Wirtschaft, Geschichte und Religion, Sprache, Demografie, Geologie und so weiter, es spielen so viele Bereiche eine Rolle.» Die Karte veranschaulicht die verschiedenen Aspekte und fasst sie zusammen. So wird der Sachverhalt leichter interpretierbar, es lassen sich Zusammenhänge besser erkennen und daraus neue Schlüsse ziehen.

Geomedien verbreiten

Es war nie so einfach wie heute, mit Geomedien zu arbeiten. Mittlerweile gibt es nebst der Software auch Onlineplattformen, wo man selbst mit einem kostenlosen Account umfangreiche Karten erstellen kann. Höchste Zeit also, das Wissen um Geomedien in den Unterricht einzubringen, fanden Marti und Treier.

2006 wirkte Treier als Mitautor beim Lehrbuch «Geografische Informationssysteme I». Der Erfolg war so gross, dass 2009 eine zweite, überarbeitete Version folgte. Diesen Sommer veröffentlichte Treier eine dritte Ausgabe, die sich nur mit der Online-Anwendung auseinandersetzt. Als Präsidium des Vereines Schweizer Geografielehrpersonen (VSGg) setzten sich Marti und Treier zudem dafür ein, dass an den Schweizer Schulen vermehrt mit Geomedien gearbeitet wird.

Heute wird ihr Lehrmittel an mehr als 100 Schulen eingesetzt. Durch die rege Tätigkeit der beiden Geografielehrer wurde das Projekt Digital Earth auf die Kantonsschule Solothurn aufmerksam. 2013 wurde die Kanti dann zum Digital Earth Center Of Exellence gewählt. «Als innovative Schule fördern wir den Geografieunterricht auf allen Ausbildungsstufen, besonders die Arbeit mit GIS», erklärt Treier die Wahl.

Seitdem besuchen Marti und Treier regelmässig internationale Konferenzen und stehen in Austausch mit den anderen 16 Exzellenzzentren in Europa. In der Schweiz leiten sie pro Jahr mehrere Weiterbildungskurse und Schulungen für Lehrpersonen, aber auch für Gemeinden und Verwaltungen, sogar das Bundesamt für Umwelt war schon bei ihnen zu Gast.

Trotz der vielen Events und Reisen, die der Betrieb des Digital Earth Centers voraussetzt, fallen beim Kanton Solothurn keine Kosten an. Das Exzellenzzentrum ist von der CH-Stiftung für Eidgenössische Zusammenarbeit getragen.

Ende September besuchte das Finnish National Board of Education, also Abgeordnete des Bildungsministeriums aus Finnland, das Schweizer Exzellenzzentrum, ein Highlight für Marti und Treier. «Die Art des Unterrichts in Finnland ist anders als hier», sagt Treier. Man sei kompetenzorientierter und arbeite interdisziplinärer als in der Schweiz. Diese Ansatzpunkte möchten auch die Solothurner verfolgen. « Die auf den GIS-Karten abgebildeten Sachverhalte sollen in verschiedenen Fächern diskutiert, und so von mehreren Seiten beleuchtet werden, damit der Schüler ein ganzheitlicheres Bild hat», sagt Marti.

Mit dem Einsatz von Geomedien im Unterricht haben Marti und Treier bis jetzt gute Erfahrungen gemacht. Manche mögen es mehr, andere weniger, wie bei allen Themen, so Marti. «Doch der Einstieg in die Materie braucht sehr viel Engagement», gesteht Treier. Bis die Schüler mit den GIS-Programmen klar kämen, brauche es einige Zeit. «Leider scheuen sich auch viele Lehrer vor dem Aufwand und verwenden GIS nicht in ihrem Unterricht», so Marti.

Die beiden Geolehrer betreiben das Digital Earth Center nebst ihrem normalen Arbeitspensum. Nur eine kleine Kompensation steht ihnen zu: Am Freitag sind sie im Stundenplan freigestellt. Die meisten Abwesenheiten betreffen aber die Wochenenden. «Wir geben viel persönlichen Einsatz und investieren einen grossen Teil unserer Freizeit in das Digital Earth Center», sagt Treier. «Es ist eben unsere Leidenschaft», ergänzt er.