«Die Verschreibung von Medikamenten liegt in ärztlicher Kompetenz», schreibt der Regierungsrat in der Antwort auf eine Interpellation von Kantonsrat Markus Flury (GLP, Hägendorf).

Der Kanton weiss auch nicht, wie viele Kinder mit Ritalin behandelt werden und wie sich diese Verschreibungen zahlenmässig entwickelt haben: Medikamente würden im Kanton wegen der Selbstdispensation in den meisten Fällen von den Ärzten abgegeben. Es liegt bei den Ärzten, wem sie Ritalin verschreiben.

Dementsprechend lägen nur wenig eingelöste Rezepte vor, erklärt der Regierungsrat. Zwar müssten die Apotheken über ihren Bestand und Umsatz von Ritalin (und der ebenfalls auf dem Inhaltsstoff Methylphenidat basierenden Produkte Concerta und Medikinet) Rechenschaft ablegen, aber aus dieser Betäubungsmittelkontrolle liessen sich weder die Anzahl der Behandelten noch die Gründe für die Verschreibung ablesen.

Zur Verbreitung der Ritalin-Verwendung verweist die Regierung auf eine in der schweizerischen Ärztezeitung veröffentlichte Untersuchung, wonach der Bezug von 2006 bis 2009 kontinuierlich zugenommen habe, wobei die bezogenen Durchschnittsmengen bei den Erwachsenen im Erwerbsleben signifikant angestiegen seien, nicht jedoch bei den 7- bis 18-Jährigen. Allfällige Zusammenhänge von Ritalinkonsum und Jugendgewalt, Raserunfällen und Suiziden - dies eine weitere Frage Flurys - sind nach Auskunft des Regierungsrates ungeklärt. Mit dem von der Polizei verwendeten Drogen-Schnelltest könne Ritalinkonsum nicht nachgewiesen werden.

Wirksam und sicher, aber ...

Für den Regierungsrat ist es heute gesichert, dass Ritalin und andere Medikamente zur Behandlung des «attention deficit hyperactivity disorder» (ADHD) wirksam und sicher sind und diese Anwendung sinnvoll sein kann - vorausgesetzt, die Diagnose ADHD beruht auf einer fachärztlichen Abklärung.

Die Häufigkeit von ADHD - also Mangel an Aufmerksamkeit und Hyperaktivität, «wilde» Kinder - werde bei Jugendlichen unter 18 Jahren auf 5 Prozent geschätzt. «Einer isolierten Verschreibung pharmakologischer Wirkstoffe zum Zweck einer Verhaltensänderung steht der kantonale Bildungsbereich kritisch gegenüber», heisst es in der regierungsrätlichen Antwort.

Zwar könnten solche Mittel das Verhalten spürbar verändern, aber: «Das Kind lernt nur durch pädagogische Anleitung und Unterstützung, wie es sich konstruktive Verhaltensweisen aktiv aneignen kann.» In der Praxis rate der Schulpsychologische Dienst Lehrpersonen und Eltern bei Lern- und Verhaltensschwierigkeiten von Kindern zu sorgfältiger Beobachtung und überlegtem Handeln.

Es gebe niederschwellige Unterstützungsmöglichkeiten im Rahmen der Speziellen Förderung (Unterstützung durch eine heilpädagogisch ausgebildete Fachperson). Sind die Probleme so nicht zu lösen, bietet der Schulpsychologische Dienst Schulen und Eltern psychologisch-pädagogische Fachberatung an. Problematische Verhaltensweisen könnten oft durch Veränderungen in der Struktur des Tagesablaufs, klare Rahmenbedingungen, konstruktive Freizeitbeschäftigungen und dem Training von Selbststeuerungskompetenzen gemindert werden, so die Regierung.

Werden Eltern unter Druck gesetzt?

Kantonsrat Flury zeigt sich besonders besorgt, dass Eltern einem Druck ausgesetzt werden könnten, ihrem Kind - das vielleicht nur lebhaft, aufgeweckt, wissbegierig und etwas wilder sei, aber nicht krank - Ritalin verschreiben zu lassen. Der Regierungsrat findet ebenfalls, der gesellschaftliche Konformitätsdruck sei kritisch zu hinterfragen:

«Dieser Druck erzwingt einen Standard an Normalität, der die Toleranz gegenüber der Lebenswelt von Kindern (namentlich von Buben) abnehmen und die Zahl der ‹behandlungsbedürftigen› Kinder zunehmen lässt.» Für den Fall, dass sich Eltern gegen eine ärztliche Verschreibung von Ritalin an ihr Kind wehren wollen, verweist der Regierungsrat auf die Möglichkeit, eine zweite Ärztemeinung einzuholen oder den Arzt zu wechseln. Allerdings sei auch denkbar, dass umgekehrt die Eltern mit einer suggestiven Darstellung beim Arzt eine Ritalinabgabe erwirken wollten.

Flury: «Vergleichbar mit Kokain»

In seiner Interpellation vergleicht Flury Ritalin mit Kokain, denn es könne psychisch abhängig machen. Die Diagnose ADHD werde heute bei Kindern mit zunehmender Häufigkeit, teilweise schon ab dem 5. Lebensjahr, bloss mit Hilfe einer kurzen Checkliste gestellt.

Das Medikament unterbinde die natürliche gefühlsmässige Entwicklung der Kinder. Beim Absetzen könne es zu unkalkulierbaren gefährlichen Reaktionen kommen. So seien einige der jugendlichen Amokläufer an Schulen in den USA ehemalige Ritalinpatienten gewesen, führt Flury in seinem Vorstoss aus