Das ist eine dicke Überraschung: Nach zwei rückläufigen Jahren hat die Solothurner Bauwirtschaft im vergangenen Jahr einen Rekordumsatz erwirtschaftet. Mit 460,3 Millionen Franken wurden 36 Prozent mehr verbaut als im Vorjahr. Damit wurde sogar das bisherige Rekordjahr 2013 um 2,5 Prozent übertroffen. Dies zeigen die aktuellen Zahlen des Baumeisterverbandes Solothurn.

Umso erstaunlicher ist die Entwicklung im landesweiten Vergleich. Dort betrug das Plus «nur» 8,7 Prozent. Verbandspräsident Bruno Fuchs liefert die Erklärung. «Das Wachstum ist in erster Linie auf mehrere, gleichzeitig laufende Grossprojekte zurückzuführen.»

Er nennt als Beispiele den Eppenbergtunnel, den Belchentunnel, den Spitalneubau in Solothurn sowie das Grossprojekt Biogen in Luterbach. Die Zahlen seien repräsentativ für die gesamte Branche. Dem Verband gehören rund 90 Baufirmen mit über 1600 Beschäftigten an.

Für das laufende Jahr rechnet Bruno Fuchs wieder mit einer Abflachung der Solothurner Baukonjunktur. «Der Zenit dürfte jetzt definitiv überschritten sein.» Dazu verweist er auf den Auftragseingang. Dieser ist gesamthaft gegenüber dem Vorjahr um genau einen Drittel auf noch 336 Millionen Franken zurückgegangen.

Auch die Arbeitsvorräte per Ende 2016 sind um fast einen Fünftel gesunken. «Die Auftragseingangs- und Arbeitsvorratszahlen deuten darauf hin, dass sich die Baufirmen 2017 wieder auf etwas tiefere Umsätze einstellen müssen», so der oberste Solothurner Baumeister.

Wohnungsbau brummt weiter

Dieses Fazit trifft auf den Bereich Wohnungsbau nicht zu. Nach einem starken Jahr 2016 zeigt der Zeiger für diese Untersparte auch für das laufende Jahr nach oben. Denn der Auftragseingang ist – im Gegensatz zum Gesamtvolumen – mit 16 Prozent gewachsen. Dahinter stecke «in Zeiten des billigen Geldes ein anhaltender Anlagenotstand», erläutert Fuchs. Für Investoren, ob private oder institutionelle, seien Wohnungen als Anlageobjekt weiterhin attraktiv. Denn eine Liegenschaft samt Grundstück behalte zumindest ihren Wert.

Für Fuchs ist klar: «Es werden derzeit zu viele Wohnungen gebaut.» Damit bestätigt er einen Befund in einer Studie der Credit Suisse, die kürzlich in Grenchen präsentiert wurde: Am Jurasüdfuss drohe insbesondere bei den Mietwohnungen ein Überangebot, heisst es darin. «Der Leerwohnungsbestand wird weiter steigen», folgert Fuchs. Und dieser ist schon hoch – mit einer Quote von 2,6 Prozent am Zweithöchsten in der Schweiz.

Die Bautätigkeit im Kanton Solothurn 2009-2016

Trotzdem will Fuchs nicht generell von einer Wohnungsproduktion auf Halde sprechen. Denn die neuen Miet- oder Eigentumswohnungen würden vom Markt relativ gut aufgenommen. Laut Statistik liegt der Anteil an leerstehenden Neuwohnungen (bis 2-jährig) am gesamten Leerwohnungsbestand nur bei 9 Prozent. Landesweit liegt dieser Anteil bei fast 16 Prozent. Fuchs: «Es findet vielmehr ein Verdrängungskampf zwischen neuen und alten Wohnungen statt.» Immobilienbesitzer, die nicht in ihre bestehenden Liegenschaften investierten, seien die Verlierer des seit Jahren andauernden Baubooms.

«Ein enormer Preiskampf»

Trotz guter Auslastung im Bauhauptgewerbe ist Fuchs mit der ertragsmässigen Entwicklung sehr unzufrieden. «Es findet ein enormer Preiskampf statt. Der Marktmechanismus von Angebot und Nachfrage spielt bei den Baufirmen nicht.» Das sei schwierig erklärbar. Einerseits drängten regelmässig neue Anbieter auf den Markt. «Diese drücken mit Billigstangeboten das Preisgefüge.» Zudem sei der Kanton Solothurn dank der zentralen geografischen Lage fast von der ganzen Schweiz aus sehr gut erreichbar, was die Zahl der Anbieter zusätzlich erhöhe.

Fuchs fordert die Baufirmen auf, ihre Preisgestaltung zu überdenken. Die Vorkalkulationen der Bauherrschaft würden oft im zweistelligen Prozentbereich unterschritten. «Es gilt, die Arbeit nicht zu verschenken, sondern fair zu kalkulieren», appelliert er an die Branche.