Landwirtschaft
Kanton und Bauernverband lancieren ein Humus-Programm – was steckt hinter dem Pionierprojekt?

Der Kanton und der Bauernverband lancieren ein gemeinsames Projekt, um die Bauern dazu zu animieren, dem Humus im Boden mehr Sorge zu tragen.

Sven Altermatt
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Brigit Wyss lanciert mit Felix Schibli (l.) und Peter Brügger ein 3,9 Millionen Franken schweres Ressourcenprogramm.

Brigit Wyss lanciert mit Felix Schibli (l.) und Peter Brügger ein 3,9 Millionen Franken schweres Ressourcenprogramm.

Michel Lüthi

Die Menschen leben nicht nur auf dem Boden, sie leben vor allem vom Boden. Der wichtigste Bestandteil des Bodens ist der Humus. Und so mangelt es nicht an hochtrabenden Worten, um dessen Bedeutung zu unterstreichen.

Für die Solothurner Volkswirtschaftsdirektorin Brigit Wyss ist er eine Grundlage des Lebens. «Geht es dem Boden gut», so die Grüne, «geht es den Menschen gut.» Ohne Humus funktioniere im Boden gar nichts, unterstreicht Felix Schibli, Chef des Amts für Landwirtschaft. Und der kantonale Bauernsekretär Peter Brügger philosophiert gar: «Auf dem Boden stehen wir, auf dem Boden gehen wir und aus dem Boden ernähren wir uns.»

Wyss, Schibli und Brügger präsentierten gestern auf dem Wallierhof in Riedholz das Ressourcenprogramm «Humus». Die kantonalen Behörden und der Bauernverband wollen damit Landwirte für eine nachhaltige Nutzung ihrer Ackerböden sensibilisieren und die sogenannte «humuserhaltende Bewirtschaftung» im Solothurnischen fördern. Mit anderen Worten: Die Bauern sollen zum Boden mehr Sorge tragen. Während sechs Jahren sollen Betriebe unterstützt und beraten werden.

Als Humus bezeichnet man die gesamte abgestorbene organische Substanz des Bodens. Zum Grossteil besteht diese aus Pflanzenresten und Hofdünger, die von Bodenorganismen in mikroskopisch kleine Teile zerlegt werden. Humus bietet quasi Futter für das Leben im Boden, und dieses wiederum macht Nährstoffe für die Pflanzen verfügbar. Damit verbessert sich das Speichervermögen für Pflanzennährstoffe. Humusreiche Böden speichern zudem mehr Wasser, was dazu führt, dass Trockenperioden den landwirtschaftlichen Kulturen weniger zusetzen können.

Natürlicher Dünger fehlt

So viel zur Theorie. Viele Böden im Mittelland gehören weltweit zu den fruchtbarsten und ertragreichsten – vor allem dank des ausgeglichenen Klimas und günstigen Rahmenbedingungen. Mehr als jede vierte Hektare Nutzfläche im Kanton wird denn auch ackerbaulich genutzt. Doch gerade diese Flächen stehen massiv unter Druck: «Die Spezialisierung führt dazu, dass gemischtwirtschaftliche Betriebe zunehmend der Vergangenheit angehören», sagte Bauernsekretär Brügger.

Ein immer grösser werdender Anteil der Bauernbetriebe hält nur noch wenige oder gar keine Tiere mehr. Diese «viehlose Bewirtschaftung» wirkt sich auf die Qualität der Böden aus. Umso wichtiger ist laut Brügger die Bildung von neuem Humus. Denn Kunstdünger genügt nicht, um den Humus zu erhalten. Dazu braucht es eben organische Substanz – neben Mist und Gülle etwa auch Kompost oder Stroh. Regierungsrätin Wyss warnte, der Verlust an Bodenqualität passiere schleichend und sei wenig offensichtlich. «Der Boden hat es schwer, unsere Aufmerksamkeit zu bekommen.»

Ob das mit dem neuen Ressourcenprogramm vermehrt gelingen mag? Gefordert seien vor allem die Bauern selbst, betonte Schibli. «Sie leisten die Hauptarbeit mit einer schonenden Bewirtschaftung.» Konkret sollen die Bauern den Humusgehalt in Ackerböden mit Massnahmen wie Stroh häckseln, Gründüngungen, Mistkompostierung, dem Anbau von Kunstwiesen, oder dem Einsatz von organischen Düngern positiv beeinflussen.

80 Prozent zahlt der Bund

Die Teilnahme am sechsjährigen Programm ist freiwillig. Die Behörden rechnen damit, dass sich mittelfristig rund 440 Höfe beteiligen. Im Fokus stehen Ackerbaubetriebe mit geringem Viehbestand. Die vorgesehenen Beiträge an die Landwirte betragen 3,9 Millionen Franken über die ganzen sechs Jahre. Der Bund übernimmt davon 80 Prozent, der Kanton zahlt 20 Prozent.

Für das Häckseln und Einarbeiten von Stroh auf den Feldern erhalten Landwirte etwa 330 Franken pro Hektare. Brügger verwies auf «den neuen Weg» bei den Entschädigungsansätzen. So orientieren sich diese nicht an Kosten oder Aufwand einer Massnahme, sondern an deren Beitrag zur Humusbildung. Die teilnehmenden Landwirte müssen ihre betriebseigene Humusbilanz ausweisen. Als praktisches Hilfsmittel wird ihnen online ein «Humusbilanz-Rechner» zur Verfügung gestellt. Dieser hilft bei der Planung der Massnahmen. Die Landwirte werden zudem von Beratern des Bauernverbandes und des Bildungszentrums Wallierhof unterstützt.

Das Programm wird von der Hochschule HAFL in Zollikofen BE wissenschaftlich begleitet. Die Forscher sollen die Massnahmen mit Feldmessungen überprüfen. Ihre Erkenntnisse dürften auf breites Interesse stossen, sagte Wyss. «Das Programm hat Pioniercharakter in der Schweiz.»

Humus ist zentral für die Fruchtbarkeit des Bodens

Viele Menschen seien sich heute nicht mehr bewusst, wie wichtig der Boden als Lebensraum sei, sagte Felix Schibli vom Amt für Landwirtschaft. «Wer denkt etwa beim Essen einer Glace an die Verbindungskette ‹Boden-Gras-Kuh-Milch-Glace› oder gar an den ‹Kreislauf Boden-Gras-Kuh-Mist-Boden›?» Nachdem lange vor allem die Quantität der Landwirtschaftsflächen im Fokus der Behörden stand, wollen sie sich nun vermehrt mit der Qualität beschäftigen. Massgebend für die Fruchtbarkeit des Bodens ist der Humus. In intensiv bearbeiteten Ackerböden baut sich der Humus schneller ab, weil die stärkere Bodenbelüftung im gelockerten Oberboden die Aktivität der Bodenorganismen und damit den Humusabbau fördert. Der Humus ist jedoch zentral für die Erhaltung der Fruchtbarkeit und der Ertragsfähigkeit. Zudem werden Trockenphasen dank ihm besser überstanden. Beim Bauernverband heisst es dazu: «Mit einer angepassten, vielfältigen Fruchtfolge, einer ausreichenden Zugabe organischer Dünger und einer bodenschonenden sowie ressourceneffizienten Bewirtschaftung kann der Humusanteil im Boden erhalten oder sogar erhöht werden.» (sva)