Weiterer Bedarf
Kanton sucht Pflegefamilien für Asylsuchende – die wichtigsten Fragen zum Verfahren

101 minderjährige, allein reisende Asylsuchende leben im Kanton. Erst 18 von ihnen fanden Anschluss bei einer Pflegefamilie. Der Kanton hat noch Bedarf nach weiteren Familien.

Lucien Fluri
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Der Kanton Solothurn setzt seit einigen Monaten auf eine neue Form Asylsuchende unterzubringen: bei Pflegefamilien. (Symbolbild)

Der Kanton Solothurn setzt seit einigen Monaten auf eine neue Form Asylsuchende unterzubringen: bei Pflegefamilien. (Symbolbild)

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101 minderjährige, alleinreisende Asylsuchende leben im Kanton Solothurn. Seit Sommer 2014 hat ihre Zahl stark zugenommen. Die meisten haben ein Bleiberecht, das heisst, sie dürfen – zumindest vorläufig – bleiben und «entsprechend wichtig ist die rasche Integration.»

Sie unterzubringen, stellt auch für die Kantonsbehörden eine Herausforderung dar. Heute leben sie meist im kantonalen Durchgangszentrum in Selzach oder in Wohngemeinschaften.

Das kantonale Amt für soziale Sicherheit setzt seit einigen Monaten auf eine neue Form der Unterbringung, die für Asylsuchende sonst im Kanton nicht genutzt wird, nämlich bei Privatpersonen. Derzeit sucht das Amt noch Pflegefamilien, die junge Asylsuchende bei sich aufnehmen.

Anna Erb und ihr Team sind beim Kanton zuständig für die Eignungsabklärung interessierter Pflegefamilien. «Eine Familie überlegt sich normalerweise lange, ob sie Pflegefamilie werden will. Seit wir für minderjährige Asylsuchende Familien suchen, erhalten wir vermehrt spontane Anmeldungen, weil viele etwas beitragen wollen.» 12 Pflegefamilien haben derzeit minderjährige Asylsuchende bei sich aufgenommen.

Die wichtigsten Fragen zum Verfahren:

  • Wer kann junge Asylsuchende aufnehmen?

Dies kann jede intakte Familie tun. Grundsätzlich ist auch für Paare ohne Kinder möglich. Wer junge Asylsuchende bei sich aufnehmen will, braucht genauso wie alle anderen Familien, die Pflegekinder aufnehmen, zum Voraus eine Bewilligung als Pflegefamilie vom Kanton.

  • Ist es kompliziert, eine Bewilligung zu erhalten?

Nein. Das Amt für soziale Sicherheit hilft beratend. Bewilligungsverfahren dauern nach Einreichen aller Unterlagen etwa sechs bis acht Wochen. Wer Pflegefamilie werden will, muss allerdings bereit sein, den Behörden einen relativ tiefen Einblick in sein Privatleben zu geben. Um sicherzugehen, dass Kinder nicht am falschen Ort platziert werden, fordert das Amt Straf- und Betreibungsregisterauszüge.

In einem Gespräch stellt das Amt auch ganz persönliche Fragen: Warum möchte jemand einen Asylsuchenden aufnehmen? Welche Erwartungen gibt es? Gibt es Beziehungsprobleme? Haben Sie sich Gedanken gemacht, dass junge Asylsuchende auch ausgewiesen werden könnten? Welche Erziehungserfahrungen und -vorstellungen liegen vor? Wie gehen Sie mit Provokationen um?

  • Wo liegen mögliche Hürden?

«Die Sprachbarriere ist am Anfang eine grosse Herausforderung», sagt Anna Erb. Wer alleine in die Schweiz gereist ist, ist in der Regel unabhängiger, aber hat auch einen grossen Drang nach Selbstbestimmung. «Gleichzeitig kann wegen Traumatisierungen und der erlittenen Entbehrungen die Betreuung intensiv ausfallen.» Und Anna Erb warnt: «Plötzlich wird einem auch eine gewisse Aufmerksamkeit zuteil, die belastend sein kann.»

Die Behörden kommen vorbei, klären ab, ob sich jemand eignet, und stellt auch sehr private Fragen. Auf der Strasse fällt sofort auf, dass man nicht mit dem eigenen Kind unterwegs ist. «Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die man nicht verklären sollte», sagt Anna Erb. «Es gibt ganz viele Fragen, die man im Voraus nicht beantworten kann.»

  • Wie sieht der Alltag aus?

So normal wie möglich. Die Asylsuchenden wohnen, leben, essen, schlafen bei ihren Pflegefamilien. Schulpflichtige Asylsuchende gehen in die Schule in der Wohngemeinde. Ziel ist letztlich die Berufsbildung. Nicht mehr schulpflichtige junge Asylsuchende besuchen spezielle Integrationsprogramme oder absolvieren Integrationsjahre.

Bei der Organisation der nötigen Integrationsmassnahmen stehen besondere Coaches den jungen Asylsuchenden zur Seite. Hier werden die Pflegefamilien entlastet. Diese sind aber gefragt, wenn es etwa um Kontakte zu Vereinen geht, wenn also via Freizeitaktivitäten eine gute Integration erreicht werden soll.

  • Wie wird eine Pflegefamilie entschädigt?

Es gelten die üblichen Tarife für Pflegefamilien. Das sind für klassische Pflegefamilien 75 Franken pro Tag für Betreuung, Kost und Logis. Krankenkassen und Gesundheitskosten werden speziell finanziert.

  • Wer kommt in eine Familie?

Von Familien wird oft gewünscht, dass ein Mädchen, nicht älter als vielleicht zehn oder zwölf, in die Pflegefamilie kommt. Doch Tatsache ist, dass der grösste Teil der jungen Asylsuchenden männlich und zwischen 15 und 17 Jahre alt ist. Derzeit stammt der grösste Teil aus Eritrea oder Afghanistan. Die zuständigen Behörden versuchen vor allem Jugendliche zu vermitteln, die eine langfristige Perspektive in der Schweiz haben.

  • Wie hilft das Amt mit?

Jedem jungen Asylsuchenden steht auch ein Coach zur Seite. Dieser kümmert sich um die Beschulung und eine erfolgreiche Integration. Unter den Pflegefamilien gibt es einen Erfahrungsaustausch, das Amt gibt fachliche Inputs. Pflegeeltern erhalten zudem Bildungsgutschriften, die sie für ihre Weiterbildung nutzen können.

  • Wann endet das Pflegeverhältnis?

Grundsätzlich mit 18, wenn die jungen Asylsuchenden volljährig sind. «Wie eigene Kinder bleiben Pflegekinder oft noch für einige Zeit nach Erreichen der Volljährigkeit bei den Pflegefamilien», weiss Erb aus Erfahrung. Doch Tatsache ist, dass bei jungen minderjährigen Asylsuchenden das Pflegeverhältnis auch abrupt enden kann: Plötzlich können Verwandte auftauchen, bei denen sie leben können. Oder die Asylsuchenden können einen negativen Bleibeentscheid erhalten.

  • Was muss konkret tun, wer Pflegefamilie werden will?

Wer Interesse hat, Pflegefamilie für junge minderjährige Asylsuchende zu werden, kann sich bei der Fachstelle Familien und Generationen beim Amt für soziale Sicherheit melden. In einem ersten Schritt müssen diverse Unterlagen eingereicht werden. Daraufhin kommt es zu einem ersten Gespräch und es wird ein Bericht über die Familie erstellt. Insgesamt dauert das Bewilligungsverfahren etwa sechs bis acht Wochen.

Ist die Familie geeignet, gibt es einen ersten Kennenlern-Nachmittag und später ein Wochenende mit dem Jugendlichen, der aufgenommen werden könnte. Nach dem Besuchswochenende werden Kind und Familie gefragt, ob sie sich das Zusammenleben vorstellen könnten.

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