Kanton Solothurn
Kanton sucht dringend Pflegefamilien – zwei Frauen erzählen von der Herausforderung Pflegekind

Die Fachstelle «Kompass» bemüht sich in Situationen, in denen die Unterbringung eines Kindes bei Pflegeeltern nötig ist. Derzeit werden neue Pflegefamilien gesucht, die sich für diese anspruchsvolle Aufgabe zur Verfügung stellen.

Alice Guldimann
Drucken
Teilen
Pflegemütter und -väter begleiten Kinder mit einer schweren Vergangenheit.

Pflegemütter und -väter begleiten Kinder mit einer schweren Vergangenheit.

Alex Linch/Getty Images/iStockphoto

Robin* geht um den runden Tisch, mit einem orangen Plastikkorb in der Hand. Für jede der Frauen im Besprechungszimmer hat er etwas aus seinem Krämerladen mitgebracht. Bei Elena Meier*, die gerade erzählt, bleibt er stehen. «Mami, Mami», versucht er ihre Aufmerksamkeit zu bekommen, bis sie ihn auf den Schoss nimmt.

Robin lebt bei Familie Meier, seit er ein Baby ist. Die Frau, die er «Mami» nennt, ist seine Pflegemutter. Seine leibliche Mutter trifft der Vierjährige zwei Mal die Woche. Er könne die beiden Rollen sehr gut unterscheiden, meint Elena Meier.

Wir haben ein grosses Haus, Platz am Tisch und im Herzen.

(Quelle: Elena Meier*, seit fünf Jahren Pflegemutter)

Manchmal nenne er sie «Mami», manchmal beim Vornamen, je nach Situation. Weil seine Mutter sich nicht genügend um ihn kümmern kann, wächst er bei Meiers auf, gemeinsam mit den zwei Kindern der Familie und einem weiteren Pflegekind. Sie alle liegen nur wenige Jahre auseinander.

Langzeit-Platzierungen wurden immer häufiger

Robin ist das erste Pflegekind der Familie Meier, seit fünf Jahren ist Elena als Pflegemutter bei der Fachstelle Kompass angestellt. Durch einen Zeitungsbericht wurde sie auf das Angebot aufmerksam, informierte sich darüber und entschied sich schliesslich dafür. «Wir haben ein grosses Haus, Platz am Tisch und im Herzen», erzählt Meier. Zwischen ihr und Robin, der sich an sie schmiegt und bis über beide Ohren strahlt, besteht sichtlich eine tiefe Verbindung.

Seit 25 Jahren vermittelt Kompass im Kanton Solothurn Pflegefamilien. Silvia Brunner* war eine der ersten, die damals als Pflegemutter angestellt wurde. Im Oktober 1994 nahmen sie und ihr Mann ihr erstes Pflegekind auf, ein 16-jähriges Mädchen.

Sie war die Erste von vielen Kindern, denen die Brunners eine Heimat auf Zeit boten. Ihre eigenen Kinder fanden das mal mehr, mal weniger gut. «Doch das war die Arbeit, die ich mir ausgesucht habe, sonst hätte ich auswärts eine Stelle gehabt und wäre nicht mehr täglich zu Hause gewesen», so Brunner. Vor 25 Jahren ging es noch hauptsächlich um kurze Platzierungen in Krisenfällen, zwischen drei und sechs Monaten.

Wir können die Person für das Kind sein, die verlässlich ist.

(Quelle: Silvia Brunner*, seit über 25 Jahren Pflegemutter)

Mit der Zeit änderte sich das Vorgehen, man fokussierte stärker auf Familienbegleitung und Elterncoaching. Es kamen vermehrt Kinder, deren Eltern schwerwiegende Probleme hatten und sich längerfristig nicht mehr um sie kümmern konnten. Anfangs konnte Silvia Brunner sich nicht vorstellen, Kinder für mehrere Jahre aufzunehmen.

Als zwei Mädchen jedoch erstmals für zwei Jahre anstatt wenige Wochen blieben, waren die Sorgen bald vergessen. Als ihre eigenen Kinder grösser wurden und immer eins oder mehrere Pflegekinder bei der Familie lebten, bauten die Brunners ihr Haus aus, sodass jedes Kind sein eigenes Zimmer haben konnte. «Ich habe mir den Start am Anfang schwieriger vorgestellt, als es dann tatsächlich war», so Brunner.

Die Kinder seien meist offen gewesen, interessiert an ihrer Familie, hätten viel erzählt. Erst nach ein paar Monaten seien die Probleme zum Vorschein gekommen. Jedes der Pflegekinder hat eine bewegte Vergangenheit, schwierige Erfahrungen gemacht, konnte sich oft nicht auf seine Eltern verlassen. Hier kommen für Brunner die Pflegeeltern ins Spiel: «Wir können die Person für das Kind sein, die verlässlich ist.»

An der Vergangenheit lässt sich nichts ändern

Um die Vergangenheit der Kinder zu wissen, und nichts daran ändern zu können, sei für sie oft schwer gewesen. Den Rucksack konnte sie ihren Schützlingen nie abnehmen, versuchte aber, sie zu unterstützen. Indem sie darüber sprach, sie ernst nahm und immer wieder versuchte, sie abzulenken und ihnen eine Freude zu machen.

Wenn Robin Besuch von seiner Mama bekommt, ist Pflegemutter Elena Meier immer dabei. Dass sie ihn zwei Mal in der Woche sieht, ist ungewöhnlich. Doch das Verhältnis zwischen den beiden Frauen ist gut. «Sie will für ihn da sein, weiss aber, dass sie ihn nicht selbst versorgen kann», so Meier.

Silvia Brunner hat nicht immer gute Erfahrungen mit den Eltern ihrer Pflegekinder gemacht. Dies habe sie aber nie persönlich genommen. «Es ist schwierig zu akzeptieren, dass man seinem Kind nicht das bieten kann, was man gerne möchte.» Sie habe es immer bewundert, wenn eine leibliche Mutter sie akzeptieren konnte.

Schwierigkeiten und emotionale Belastungen gehören dazu

Als Pflegefamilie nimmt man – vor allem bei Langzeitplatzierungen – einen wichtigen Platz im Leben der Pflegekinder ein. Oft hat es Silvia Brunner leidgetan, wenn ein Kind einen Meilenstein erreichte, und seine Eltern es nicht miterleben konnten. «Das sind Momente, die kann man nicht mehr nachholen.» Ein Pflegesohn habe ihr gesagt: «Du bist mein Mami, weil ich dich am besten kenne.»

Wer ein Pflegekind aufnimmt, darf keinesfalls naiv an die Sache herangehen. Darin sind sich Brunner und Meier einig. Wer sich Zuwachs zu seiner harmonischen Familie wünsche, sei am falschen Ort. Ein Pflegekind aufzunehmen sei herausfordernd, man werde sich Schwierigkeiten und emotionalen Belastungen stellen müssen. «Es gab viele Momente, in denen ich geweint habe», so Brunner.

«Unsere Aufgabe ist es, die Kinder mit ihrer Vergangenheit ein Stück weit zu begleiten», ergänzt Elena Meier. Leichtfertig solle man diesen Schritt nicht gehen. Denn heute ist es oft der Fall, dass die Pflegekinder bis zum Ende ihrer Ausbildung in der Familie bleiben.

Silvia Brunner weiss, wie sich das anfühlt. Vor 23 Jahren holten sie und ihr Mann einen kleinen Jungen aus dem Spital. Dieser Junge lebt heute noch bei Brunners und hat inzwischen seine Lehre erfolgreich abgeschlossen. Auch wenn er wie die eigenen Kinder in der Familie aufwuchs, sei die Situation nicht immer leicht für ihn gewesen.

Und auch in Zukunft wird er seinen Rucksack selbst tragen müssen, wenn Silvia Brunner pensioniert wird und er seine eigenen Wege gehen muss. Doch eins ist für die Pflegemutter sicher: «Er wird für immer zur Familie gehören».

*Namen geändert

Dringend gesucht: Vier bis fünf zusätzliche Pflegefamilien

Im Mai 1994 wurde Kompass als dezentrales Familienplatzierungsprojekt des Kantons Solothurn gegründet. Der damalige Leiter Ruedi Spiegel startete mit fünf Pflegefamilien und war flexibel mit einem Büro-Bus unterwegs. Anfangs ging es darum, Kinder in Krisensituationen aus der Familie zu nehmen, so lange bis eine Lösung gefunden wurde. Die Platzierungen dauerten drei bis sechs Monate.

Mit der Zeit wurde klar, dass zusätzliche Angebote nötig sind. «Nicht jedes Kind hätte fremdplatziert werden müssen, wenn die Familie schon im Vorfeld Unterstützung erhalten hätte», so Maria Kamber, welche die Fachstelle heute leitet. Bereits 1995 wurde deshalb die sozialpädagogische Familienbegleitung bei Kompass eingeführt.

Die Begleiterinnen konnten so direkt Probleme im Familienalltag angehen. «In den Jahren danach haben wir immer wieder gehört, wir hätten noch früher ansetzen sollen, um Krisen im Voraus zu verhindern», so Kamber. So bot Kompass im Jahr 2003 erste Erziehungskurse an und baute seitdem sein Elternbildungsangebot stark aus.

Heute führt Kompass bis zu 200 Veranstaltungen pro Jahr durch. Kurse für Eltern von Kleinkindern bis Teenagern sowie einzelne Veranstaltungen zu Themen wie Trennung, Streit oder digitale Medien. Auch verschiedene Beratungsangebote gehören zum Angebot.

Pflegefamilien sind schwieriger zu finden

Die Situation bei den Pflegefamilien hat sich seit der Gründung von Kompass stark verändert. «Wenn man Kinder heute platziert, sind es wirklich schwierige Situationen mit Eltern, die aufgrund von grossen und dauerhaften Belastungen nicht selber für ihr Kind sorgen können», so Kamber. Diese Kinder bleiben meist langfristig, Wechsel gibt es nur noch drei bis vier pro Jahr, früher waren es gegen 50.

Aktuell sind bei Kompass 18 Pflegefamilien eingestellt, einige kommen bald ins Pensionsalter. Nachfolger zu finden, sei heute schwieriger als früher, so Kamber. Einerseits seien die Pflegeverhältnisse anspruchsvoll und langfristig, dies wolle man nicht verheimlichen.

Früher sei auch noch eher ein Elternteil zu Hause geblieben, während heute in vielen Paaren beide Partner berufstätig sind. Bei der Auswahl der Familien sei man heute weniger streng als früher und berücksichtige nicht nur die traditionelle Familienform, so Kamber. Wichtig sei immer auch, dass jemand genug Unterstützung von seinem Umfeld habe – sei es von Eltern, Freunden oder Nachbarn.

Vier bis fünf neue Pflegefamilien im Kanton wären super, so Kamber. Gesucht sind Paare, die Kinder auf ihrem Lebensweg ein Stück weit begleiten möchten. Für Maria Kamber ist jedoch klar: «In erster Linie ist es ein soziales Engagement, auch wenn man für die Betreuung des Pflegekindes Lohn erhält.»

Alice Guldimann