Wildunfälle

Kanton Solothurn will Zahl der Wildunfälle senken – das wird ziemlich teuer

370 Rehe sind im Kanton Solothurn letztes Jahr auf der Strasse umgekommen.

Nach der Monsterdebatte zur Steuervorlage startet der Kantonsrat morgen Dienstag zur «ordentlichen» Märzsession.

Arbeitet er die Traktandenliste zügig ab, könnte es auch für die Behandlung eines Vorstosses von Thomas Studer (CVP, Selzach) reichen, in dem dieser die hohe Zahl von Wildunfällen beklagt und gezielte Massnahmen verlangt, um die Fallwildzahlen im Strassen- und Schienenverkehr «drastisch» zu senken. Der Regierungsrat ist bereit, den Auftrag entgegenzunehmen, und das Parlament wird ihm wohl folgen. Schliesslich ist Kollege Studer als Revierförster vom Fach und weiss, was Sache ist.

Zweitens kann man aus tierschützerischer Warte durchaus den Standpunkt vertreten, dass jedes überfahrene Reh eines zu viel ist und sich jeder verhinderte Wildunfall lohnt. Und drittens sind zumindest bei Kollisionen mit grösseren Wildtieren wie Rehen oder Wildschweinen immer auch Menschen gefährdet, von den erheblichen Sachschäden ganz zu schweigen.

Unfallzahlen ziemlich konstant

Nun ist aber eben die neuste Jagdstatistik erschienen, und die könnte bei näherer Betrachtung schon die ketzerische Frage aufkommen lassen, ob ein kostspieliges Engagement zur Reduktion der Fallwildzahlen wirklich dringend ist. 2018 wurden im Kanton Solothurn 370 Rehe im Strassenverkehr überfahren.

Die Zahl mutet zwar tatsächlich hoch an, aber die Tendenz ist zumindest kaum steigend, wie eine Betrachtung über einen längeren Zeitraum zeigt. Am gesamten «Abgang», den Rehen, die von Jägern erlegt werden plus Fallwild, lag der Anteil der Tiere, die von einem Auto oder Zug überfahren werden, in den vergangenen zehn Jahren immer zwischen 13 und 15 Prozent. Zieht man in Betracht, dass demgegenüber das Verkehrsaufkommen deutlich steigt und der Lebensraum für die Wildtiere tendenziell enger wird, liesse sich durchaus behaupten: Der Strassenverkehr ist für die Rehe sogar sicherer geworden.

Kommt hinzu: Will man die Unfallzahlen wirklich «drastisch» reduzieren, wie es der Auftrag verlangt, versprechen eigentlich nur Wildwarnanlagen Erfolg, sogenannte Animal Detection Systems. Wärme- und Bewegungssensoren erkennen, wenn sich Tiere der Strasse nähern. Es werden Leuchtsignale aktiviert, die die Automobilisten warnen und verlangen, die Geschwindigkeit zu drosseln.

Die Wildwarnanlage sei bisher die einzige Massnahme, bei der längerfristig wirklich ein Erfolg auch bei grösseren Tieren nachgewiesen werden konnte, schreibt der Regieungsrat zum Auftrag von Kantonsrat Studer. Dumm ist nur: Sie ist auch ziemlich teuer. Für einen Streckenabschnitt von 200 Metern ist mit Investitionskosten von 60'000 Franken und jährlichen Unterhaltskosten von 4000 bis 10'000 Franken zu rechnen.

Schäden von 1,6 Millionen

Derzeit laufen Erhebungen mit einer punktgenauen Erfassung sämtlicher Wildunfälle, die darüber Aufschluss geben sollen, wo die Installation von Wildwarnanlagen Sinn machen würde. Der kantonale Jagdverwalter Marcel Tschan verteidigt den Aufwand: «Es stimmt, dass die Zahl der Wildunfälle mehr oder weniger konstant ist, allerdings auf einem hohen Niveau. Die durchschnittliche Schadensumme bei einem Wildunfall beläuft sich auf 4000 Franken, bei rund 400 Unfällen im Jahr macht das 1,6 Millionen. Wenn es nur schon gelingt, an einer neuralgischen Stelle 50 Unfälle zu verhindern, kommt ein stattlicher Betrag zusammen, von den Personenschäden ganz abgesehen.»

Für eine Aussage, wo und auf wie langen Strecken man die Installation von elektronischen Wildwarnanlagen ins Auge fassen wird, ist es laut Jagdverwaltung noch zu früh. Das Amt für Wald, Jagd und Fischerei hat den Auftrag, dem Regierungsrat bis Ende 2020 ein Konzept zu unterbreiten. Dass die Anlagen zwar verhältnismässig kostspielig, aber dafür zumindest auch wirklich geeignet sind, die Unfallzahlen deutlich zu reduzieren, zeigen Erfahrungen aus dem Nachbarkanton Aargau. Dort wurden auf einer Strecke, wo jedes Jahr 60 bis 70 Tiere überfahren wurden, zwei Pilotanlagen installiert. In den ganzen sechs Betriebsjahren ereigneten sich auf den entsprechenden Strassenabschnitten nur noch zwei Unfälle.

Auf Solothurner Strassen kamen im vergangenen Jahr neben 370 Rehen unter anderem auch 157 Füchse, zehn Feldhasen und sechs Biber um. Bei Unfällen mit grösseren Wildtieren geht es zum überwiegenden Teil um Rehe. Wildschweine wurden letztes Jahr nur sechs überfahren. Das liegt abgesehen von der Gesamtpopulation einerseits daran, dass sie in Gebieten wie im Jura mit generell weniger Wildunfällen stärker verbreitet sind als in Mittellandgegenden mit mehr stark befahrenen Strassen. Anderseits nimmt man an, dass sich die schlauen und scheuen Schwarzkittel in der Umgebung von Strassen auch tatsächlich vorsichtiger bewegen, als eben etwa die Rehe.

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Autor

Urs Moser

Urs Moser

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