Kanton Solothurn
«Persönlicher Kontakt ist zentral»: Die Pandemie stellt die Jugendanwaltschaft vor Herausforderungen

Mehr Straftaten im Bereich Pornografie, mehr Jugendliche, die eine Waffe tragen: Die Solothurner Jugendanwaltschaft berichtet über das vergangene Jahr. Die Pandemie forderte grade im Bereich der Integration straffällig gewordener Jugendlicher das Team um Barbara Altermatt heraus.

Noëlle Karpf
Merken
Drucken
Teilen
Die leitende Jugendanwältin im Kanton Solothurn: Barbara Altermatt.

Die leitende Jugendanwältin im Kanton Solothurn: Barbara Altermatt.

Hanspeter Bärtschi

In Statistiken gibts bekanntlich immer Aufs und Abs – diejenige zum Thema Jugendkriminalität zeigt für die letzten paar Jahre aber auch einen schweizweiten Trend: Mehr Jugendliche werden straffällig. Laut der leitenden Jugendanwältin im Kanton Solothurn, Barbara Altermatt, gibt es solche Entwicklungen für gewöhnlich eher in grösseren, städtischen Kantonen, wie etwa Zürich. Aus diesem Gebiet gibts auch immer wieder Berichte zum Thema. Nun zeigt sich dieser Trend jedoch auch im Solothurnischen – auch wenn der Kanton vorwiegend ländlich geprägt ist.

Konkret: Im Jahr 2020 hat sich die Solothurner Jugendanwaltschaft mit rund 10 Prozent mehr Verfahren befasst als noch im Vorjahr. «Das ist eine deutlich spürbare Zunahme», so Altermatt. «Eine Zunahme, die sich schon 2019 abgezeichnet hat.» Und:

«Wir erwarten in den kommenden Jahren eine weitere Zunahme – wir gehen nicht davon aus, dass die Zahlen so schnell wieder retour gehen.»

Aus der Fallstatistik

1125 Verfahren hatte die Jugendanwaltschaft 2020 zu behandeln, 125 waren Ende Jahr hängig. Ein Anstieg der Schuldsprüche ist im Bereich des Handels mit illegalen Suchtmitteln zu verzeichnen: 20 waren es letztes Jahr, im Jahr davor noch 16. Von einer «deutlichen» Erhöhung spricht die Jugendanwaltschaft in ihrem Geschäftsbericht zudem im Bereich Pornografie. Es gab 39 Schuldsprüche, 32 waren es 2019 und 2018 noch 9. Auch wurden mehr Widerhandlungen gegen das Waffengesetz festgestellt – 31, das sind 8 mehr als 2019. Immerhin, so erklärt Altermatt, sei der Einsatz von Waffen kein Thema, es gehe jeweils mehr darum «zu zeigen, dass man's hat». (nka)

Gleichzeitig ist auch im Kanton festzustellen, was etwa auch in Zürich Thema ist: Es gibt mehrere Verfahren im Zusammenhang mit Gruppen straffällig gewordener Jugendlicher.

Grade in diesem Bereich lagen im vergangenen Jahr die Knackpunkte. Allgemein, so erklärt Altermatt, sind diese Verfahren mit mehreren Beteiligten aufwendiger. Im vergangenen Jahr, so die leitende Jugendanwältin weiter, habe man diese Verfahren dann auch noch unter der Einhaltung der geltenden Coronamassnahmen schaukeln müssen – und diesbezüglich selbst immer auf dem aktuellsten Stand sein müssen, um auch darüber zu informieren, was wann wie genau gilt. «Es hat auch eine Verlangsamung gegeben in einzelnen Verfahren», berichtet Altermatt. Dabei sei es gerade bei jungen Menschen wichtig, rasch zu reagieren.

Zentral für die Jugendanwaltschaft: Persönlicher Kontakt

Ein wichtiger Punkt der Arbeit bei der Jugendanwaltschaft ist nämlich: straffällig gewordene Jugendliche wieder auf den rechten Pfad zu bringen.

«Der persönliche Kontakt ist bei uns zentral. Die Förderung der Persönlichkeitsentwicklung und die Integration von Jugendlichen erfolgt nur dank sozialer Interaktion – und technische Alternativen können diese nicht annähernd ersetzen.»

So waren einerseits die direkten Kontakte zwischen Jugendlichen und etwa Bewährungshelfenden erschwert. Aber auch gemeinnützige Arbeitseinsätze, die oft in Küchen und Wäschereien von Heimen oder Spitälern stattfinden, konnten kaum organisiert werden.

85 Prozent der Jugendlichen will die Jugendanwaltschaft bis zum Ende des Verfahrens in eine feste Tagesstruktur integrieren. Die Quote lag 2020 bei knapp 75 Prozent. «Das ist keine gute Nachricht. Eine fehlende Tagesstruktur erhöht das Risiko, sich straffällig in Szene zu setzen», so Altermatt. Erschwerend kam 2020 hinzu, dass die Lehrstellensuche wegen Corona für viele schwierig geworden ist. Einige, so Altermatt, hätten sich nach dem Frühling auf «Tauchstation» begeben und den Anschluss dann nicht mehr gefunden.

Immerhin: Die Rückfallquote – der Anteil Jugendlicher, die 2020 verurteilt worden sind und zuvor schon einmal straffällig geworden waren – lag im letzten Jahr bei 20 Prozent. «Das heisst, ein grosser Teil der Jugendlichen war zum ersten Mal bei uns», so Altermatt.

Ebenfalls positiv aufgefallen sei zudem in dieser Zeit, in der die Pandemie auch für die Jugendanwaltschaft eine Herausforderung darstellte: «Probleme bezüglich der Massnahmen hatten wir nie mit den Jugendlichen – es war nie ein grosses Thema, dass man jetzt halt eine Maske tragen muss und sich die Hände desinfiziert.»