Kanton Solothurn
Mindestens 800 Franken Lohn und keine «ewigen» Praktika mehr: Verein der Kindertagesstätten verabschiedet Leitfaden

Seit Monaten wird darüber diskutiert: zu tiefe Löhne für Praktikantinnen und Praktikanten in Solothurner Kindertagesstätten, zu lange Praktika ohne Anschlusslösung. Mittlerweile ist ein Dokument entstanden, das die Arbeitsbedingungen in der Branche anders definieren will. Diese Woche wurde es verabschiedet.

Noëlle Karpf
Merken
Drucken
Teilen
Künftig sollen Praktika in Kitas maximal 12 Monate dauern – und danach soll's eine Anschlusslösung geben (Symbolbild).

Künftig sollen Praktika in Kitas maximal 12 Monate dauern – und danach soll's eine Anschlusslösung geben (Symbolbild).

Svetikd

Weniger als 3 Franken pro Stunde: Ende 2019 berichtete diese Zeitung darüber, dass Praktikantinnen und Praktikanten in Solothurner Kindertagesstätten teils miserabel bezahlt werden. Was schon länger auch immer wieder mal Thema war im Kanton: Bei Praktika im Bereich Kinderbetreuung besteht das Risiko, in eine Dauerschlaufe zu geraten – Praktikum nach Praktikum zu absolvieren, ohne danach eine Lehrstelle oder gar eine Festanstellung zu kriegen. Das Thema wurde auch zum Politikum: So forderte die Grüne Kantonsrätin Barbara Wyss-Flück (Solothurn) 2018 in einem Vorstoss, die umstrittene Praxis zu ändern.

«Der politische Druck ist gross», so drückte es Daniel Morel vom Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) am Mittwochabend aus. Der Verein der Kindertagesstätten Kanton Solothurn (VKSO) hielt seine Mitgliederversammlung ab. Auch auf der Traktandenliste: ein Dokument, welches unter anderem genau diese Praktikaproblematik lösen soll.

Statuten, Leitfaden, Wahlen: VKSO hält emotionale Mitgliederversammlung ab

Ein bisschen «häpchläp» seien die Statuten des VKSO erstellt worden, erklärte Präsidentin Marlies Murbach an der Mitgliederversammlung. Deshalb seien neue Statuten ausgearbeitet worden, die für die Versammlung vom Mittwoch ebenfalls traktandiert waren. Diese hielt der VKSO – wie auch andere Vereine und Gremien – per Zoom ab. Mitglieder, die nicht anwesend sein konnten, konnten ihre Stimme im Vorfeld schriftlich abgeben. Das Ganze wurde dann ziemlich emotional – einerseits führte der Name des neuen Leitfadens zu Diskussionen, andererseits dann eben auch die Statuten. Zu diesen war keine Vernehmlassung durchgeführt worden – debattiert wurde am Mittwoch dann darüber, ob man kleine Änderungsvorschläge nicht noch an dieser Versammlung besprechen könne. Weil keine Änderungsanträge traktandiert waren, kam es nicht dazu. So wurde dann sogar ein Rückweisungsantrag zu den neuen Statuten gestellt – der schliesslich aber abgewiesen wurde. Eine Mehrheit sprach sich anschliessend für die neuen Statuten aus. Nach diesen Diskussionen fanden noch Wahlen zum Präsidium und Vorstand statt – alle Bisherigen wurden bestätigt, neu im Vorstand ist zudem Corina Dreier-Gebauer. Präsidentin Marlies Murbach hatte sich ursprünglich nicht wieder aufstellen wollen – mangels anderer Kandidaturen tat sie es trotzdem. Das Amt als Geschäftsstellenleiterin hatte sie bereits gekündigt – auch dafür sei es schwierig, eine Nachfolge zu finden. Die Stelle bleibt bis auf weiteres unbesetzt.

Praktikantinnen und Praktikanten in einem Berufsvorbereitungsjahr sollen mindestens 4.40 Franken pro Stunde und 800 Franken im Monat erhalten. Ein Praktikum soll höchstens 12 Monate dauern – und nur angeboten werden, wenn danach eine Anschlusslösung besteht. Und:

«Die Praktikantin oder der Praktikant kann während des Praktikums selbstständig Aufgaben erfüllen, wird dabei stets begleitet, ausgebildet, unterstützt und beaufsichtigt.»

So steht es im vom AWA und VKSO gemeinsam erarbeiteten Dokument, welches am Mittwoch als «Reglement »vorgestellt wurde. Wobei der Name eigentlich keine grosse Rolle spiele, wie Morel betonte. Wichtig sei, dass man nun ein Dokument habe, mit dem Lohn und Arbeitsbedingungen für Kindertagesstätten und -horte im ganzen Kanton geregelt werden. Genau der Name des Dokuments führt dann aber zu einer Diskussion. Einem Reglement für alle wolle man nicht zustimmen, auch gab es Ablehnung gegenüber zu starken Regulationen – man betrachte das Ganze eher als Leitlinien oder Leitfäden. Schliesslich wurde dann über einen neuen Namen für das Dokument abgestimmt. So heisst das Dokument nun «Leitfaden».

Dieser wurde anschliessend von der Mehrheit der Anwesenden genehmigt. Vereinspräsidentin Marlies Murbach hatte erklärt, man unterstütze einheitliche Arbeitsverhältnisse im Kanton:

«Das Dokument trägt dazu bei, dass wir flächendeckend etwas haben, das Stabilität und Professionalität ausstrahlt.»

Der VKSO empfiehlt den Leitfaden allen Mitgliedern. Dieser soll in der Praxis dann aber auch für Nichtmitglieder gelten, denn: Das AWA, das im Auftrag der tripartiten Kommission des Kantons – diese ist zuständig für Kontrollen von Lohn- und Arbeitsbedingungen in Branchen, die keinen Gesamtarbeitsvertrag kennen – richtet sich ebenfalls danach. Mit dem Leitfaden wurde quasi ein Standard für die ganze Branche im Kanton festgelegt. Und auf diese Bedingungen werden Betriebe künftig auch kontrolliert.

Nach dem Entscheid des VKSO gehört zu den obligaten Bedingungen im Kanton eben auch dazu, dass man keine «ewigen Praktikantinnen und Praktikanten» mehr beschäftigen und in Solothurner Kindertagesstätten und -horten kein Lohndumping betrieben werden darf.